Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

Als es noch sieben Sonnen gab

Der grossen mystifizierten Kolonialgeschichte etwas entgegensetzen: «Imani» ist der erste Band einer Trilogie, in der Mia Couto die Geschichte Moçambiques neu erzählt.

Von Ulrike Baureithel

«Ich heisse Imani. In meiner Muttersprache bedeutet das so viel wie ‹Wer ist da?›.» Keinen Namen also, sondern eine Frage hat die fünfzehnjährige Imani mit auf den Weg bekommen und das Warten auf eine Antwort. Imani lebt Ende des 19. Jahrhunderts im kleinen Dorf Nkokolani, nahe der Grenze zum Gaza-Reich, dort, wo die portugiesische Kolonialherrschaft in Moçambique endet. Sie gehört dem Volk der Va Chopi an, das von der Küste des Indischen Ozeans ins Landesinnere fliehen musste.

Als übrig gebliebene Tochter einer um zwei tote Kinder und das zurückgelassene Meer trauernden Mutter ist Imani eine Aussenseiterin: In einer lusitanisch-katholischen Klosterschule erzogen, spricht und schreibt sie die Sprache der Kolonialherren perfekt. Ihr Zwillingsbruder Dubula hat sich den verfeindeten Va Nguni angeschlossen, dessen König Ngungunyne über die Südhälfte Moçambiques herrscht und seine schwarzen Landsleute überfällt, beraubt und versklavt. «Ich bin nicht dafür geboren, eine Person zu sein», erklärt Imani eingangs. «Ich bin eine Rasse, ein Volk, ein Geschlecht, ich bin alles, was mich daran hindert, ich selbst zu sein.»

Reflexionen und Bekenntnisse

«Imani» ist der erste Band einer gross angelegten Trilogie des 1955 in Beira, Moçambique, geborenen Autors Mia Couto über das untergehende Gaza-Reich, den zweitgrössten afrikanischen Staat im 19. Jahrhundert unter der Führung eines Afrikaners, des Herrschers Ngungunyne.

Im Mittelpunkt des ersten Teils stehen auf der einen Seite Imani und ihre durch Exodus, Verluste und Familienzwist zerrissene Familie und auf der anderen Sargento Germano de Melo, der sich in seiner Heimat Portugal an einem republikanischen Aufstand beteiligt hatte und zur Strafe nach Moçambique verbannt wurde. Dort gehört er zunächst einem Erschiessungskommando an, bis er auf den Aussenposten nach Nkokolani abkommandiert wird, wo er den Auftrag hat, den portugiesischen Einflussbereich gegen die eindringenden Va-Nguni-Krieger abzusichern.

Erzählt wird rückblickend aus der Ich-Perspektive Imanis und aus der Sicht des Sargento, der seine Erlebnisse zunächst rapportierend, dann in immer intimer werdenden Reflexionen und Bekenntnissen gegenüber seinem Vorgesetzten, Conselheiro José D’Almeida, in Briefen darlegt. Dabei ist sich de Melo der Schwäche der selbstherrlichen Kolonialmacht bewusst: «Ich habe keinerlei Absicht, mein Leben für dieses armselige, verstaubte Portugal zu geben», bekennt er.

Zwischen zwei Kulturen

Mia Couto, Sohn portugiesischer EinwanderInnen und Angehöriger der kleinen weissen Minderheit in Moçambique, geht es in «Imani» um die Dekonstruktion lieb gewordener historischer Erfindungen: Während das postkoloniale Moçambique die Erinnerung an ein harmonisches vorkoloniales Land pflegt, feiern die Portugiesen noch heute den angeblich heldenhaften Sieg über das Königreich Gaza. Dass Ngungunyne mittels Frauen- und Kinderraub, Mordbrennerei und Krieg gegenüber anderen ethnischen Gruppen seine Herrschaft absicherte und diese wiederum sich schutzsuchend mit den Portugiesen verbündeten, taucht in den neueren Geschichtsbüchern Moçambiques ebenso wenig auf, wie die portugiesischen Annalen daran erinnern, dass der Sieg über das Gaza-Reich ziemlich unspektakulär war und die Portugiesen unter der Herrschaft der erfolgreicheren Kolonialmacht England standen. Diese Geschichtsreduktionen, sagte Couto in einem Interview, hätten «ein geschichtsloses Volk zurückgelassen». Folgerichtig lautet das Motto eines Kapitels auch: «Die Vergangenheit wird die Gegenwart verschlingen.»

Imani hat einen scharfen Blick für die Lebenslügen in der eigenen Familie, in der der lebensuntüchtige Vater Katini, ein begnadeter Musiker und Trinker, mit ihrem Onkel Musisi um die Vorherrschaft kämpft; für den kleinen Bruder Mwatani, der, in eine portugiesische Uniform gesteckt, Dienst bei de Melo verrichtet und wie eine Karikatur wirkt; aber eben auch für den Sargento, zu dem sie sich zwar hingezogen fühlt, dessen Gebaren sie aber auch durchschaut. Zwischen zwei Kulturen stehend, hat «ihre Seele keine Verbindung mehr zum Erdboden». Die Frauen in Nkokolani «müssen zu jemandem gehören, damit sie nicht mehr niemand sind».

Auch der Sargento hegt vorsichtige Gefühle gegenüber seiner Hausbediensteten, die ihn in ihrer Sprache unterrichtet und sich erlaubt, ihn zu korrigieren. Je länger er auf dem Posten verharrt als einziger Weisser zwischen Schwarzen, desto mehr beginnt er darüber nachzudenken, wie «die Neger» sie, die Weissen, sehen, er macht sich Gedanken über den gleichartigen Hochmut von Portugiesen und Va Nguni und entdeckt «in dieser traurigen Wildnis eine Menschlichkeit, die ich an mir selbst nicht kannte». Dass sich die Gewehre, die die Portugiesen «den Negern» in die Hand gelegt haben, einmal gegen die Weissen richten werden, ist die Ironie des Zivilisationsauftrags, den die Kolonialherren zu erfüllen behaupten.

Aus Spuren wiedergeboren

Der grossen mystifizierten Kolonialerzählung setzt Couto viele kleine Geschichten entgegen, die der studierte Biologe auf seinen langen Reisen durchs Land gesammelt hat, und er schreckt auch vor dem Gebrauch kolonialer Begrifflichkeiten nicht zurück. Erinnerungen, Legenden und Fabeln legen sich prall und farbenprächtig übereinander, die überquellende poetische Fantasie aus dem Erbe der siebzig im heutigen Moçambique lebenden ethnischen Gruppen, die sich in vierzig Sprachen verständigen und kein schriftliches Archiv hinterlassen haben. Bilder von anmutiger Schönheit reihen sich aneinander, und Imanis zwischen Ereignis und Mythos changierender Bericht, einfühlsam übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner, nimmt die LeserInnen schon im ersten Absatz des Romans gefangen: «Jeden Morgen gingen über der Ebene von Inharrime sieben Sonnen auf», hebt Imani an. «Damals war das Firmament wesentlich grösser, alle Gestirne hatten darin Platz, die lebenden und die schon gestorbenen. So nackt, wie sie geschlafen hatte, ging unsere Mutter mit dem Korbsieb in der Hand aus dem Haus. Sie wollte für den Tag die schönste Sonne aussuchen.»

Mit dem Überfall der Nguni spitzt sich die Situation in Nkokolani zu. Trotz der tastenden Annäherung zwischen Imani und dem Sargento muss das Mädchen erkennen, dass die Portugiesen ihr Volk auf dem Altar der Machtpolitik opfern und Germano de Melo sie belogen hat. Getäuscht wurde aber auch dieser selbst: Seine Briefe sind abgefangen worden und haben ihren Adressaten, den Vorgesetzten, nie erreicht. Er verfällt immer mehr dem Wahn. «Ich bin eine leere, auf dem Bügel hängende Uniform», gesteht er sich ein.

Und Imani? «In meinem Körper steckt die ganze Welt», sagt sie an einer Stelle. Denn in Nkokolani gibt es kein Drinnen und Draussen, keine chronologische Zeit, nur die grossen Flüsse und in ihnen den Tropfen Zeit, der in unendlicher Wiederkehr kommt und geht. Der Schrift mächtig, schreibt sie wie ihr Vater in Staub und Asche die Namen derer, die schon gestorben sind und aus den hinterlassenen Spuren wiedergeboren werden.

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