Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Aha-Momente über Zug und die Welt

In Zug dokumentiert ein privates Archiv die Geschichte des Kantons und seiner Verflechtungen mit der Welt. Früher war es als linkes Gegenarchiv verschrien, heute recherchieren sogar SVP-PolitikerInnen bei Doku-Zug.

Von Laura Cassani (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Die meisten Leute bleiben länger hier»: Sara Marty (im roten Pullover) und ihre MitstreiterInnen vom Archiv Doku-Zug.

Wie lebten Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den neunziger Jahren in der Schweiz? Wer war seit der Gründung alles Mitglied im Curling Club Zug? Oder: Wie lief noch mal die Fusion der Rohstoffkonzerne Xstrata und Glencore ab?

Wer sich solche Fragen stellt, kann bei Doku-Zug Antworten finden. «Unsere Besucher haben hier oft Aha-Momente», sagt Sara Marty. Die Geschäftsführerin des Dokumentationszentrums führt durch das Haus in der Zuger Altstadt. Hier werden rund 4600 thematische Dossiers voller Informationen aufbewahrt. «Die meisten Leute bleiben länger hier», sagt Marty. Sie durchforsten Dossiers, lesen in Büchern der hauseigenen Bibliothek – sehen plötzlich, wie alles zusammenhängt.

Die Dokumentationsstelle sammelt Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, aber auch Diplomarbeiten, 1.-August-Reden, Flugblätter, Werbeplakate oder Abstimmungsbüchlein. Die thematisch geordneten Informationen werden durch Schlagworte verknüpft. Aufbewahrt werden die Dossiers in eleganten weissen Metallregalen, die holzgetäferten Räume laden ein, länger zu verweilen. Stadt und Kanton Zug sind der Ausgangspunkt der Sammlung – der «Nukleus», wie Marty sagt. Aber Zug hört nicht an den Kantonsgrenzen auf. Der steuergünstige Kanton, Sitz von Tausenden international tätigen Firmen, eigne sich besonders gut, um globale Verflechtungen aufzuzeigen: «So kommt man von der Zuger Steuerpolitik schnell zu den Arbeitsbedingungen von Minenarbeitern in Peru.»

Weg von der linken Vergangenheit

Gegründet wurde Doku-Zug von Daniel Brunner. Damals, 1995, hiess das Dokumentationszentrum noch «Büro Gegenwind», und Brunner war im bürgerlich geprägten Zug als «roter Dani» verschrien. Der Millionenerbe aus einer Zuger Familie, die als Besitzerin des Industriebetriebs Landis & Gyr reich geworden ist, engagierte sich früh für links-grüne Anliegen – für soziale Wohnbaupolitik oder Biolandbau zum Beispiel. Kein Wunder, galt das Dokumentationszentrum, dessen Betrieb Brunner bis heute alleine aus seinem Vermögen finanziert, lange als linkes Gegenarchiv. Brunner jedoch verstand sein Projekt stets als politisch neutral. Er sammelte alles – zu Themen freilich, die ihn besonders interessierten. Mit der Professionalisierung – mittlerweile arbeiten zwölf Leute bei Doku-Zug – sei die Sammlung breiter geworden, sagt Geschäftsführerin Marty. Fast ein bisschen stolz scheint sie darauf, dass SVP-Fraktionspräsident Thomas Aeschi eines Tages auftauchte, um die Geschichte der SVP des Kantons Zug zu erforschen.

Die Nutzung des Archivs ist kostenlos – für alle. Und das solle so bleiben, betont Rolf Schweiger. Der ehemalige FDP-Ständerat ist Präsident der Doku-Zug-Stiftung, die sich seit letztem Frühling um die künftige Finanzierung des Dokumentationszentrums bemüht. Dass ein profilierter bürgerlicher Politiker als Stiftungspräsident wirkt, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich Doku-Zug von seiner linken Vergangenheit lösen will.

Es ist zwar Zufall, dass nicht «der rote Dani» durch die verschachtelten Räume führt. Er ist gerade auf einer längeren Reise. Aber es ist auch bezeichnend für die aktuelle Situation des Dokumentationszentrums. Nach über zwanzig Jahren und über zwanzig Millionen Franken, die Brunner nach eigenen Angaben in sein Herzensprojekt gesteckt hat, will er es jetzt nicht mehr alleine finanzieren. Wenn das Archiv nicht als links wahrgenommen wird, steigert das wohl auch die Chancen für Unterstützung aus den verschiedensten Zuger Milieus. Eine «Public Private Partnership» – je zur Hälfte private und öffentliche Gelder – soll die jährlich für den Betrieb benötigten 1,3 Millionen Franken garantieren. «Doku-Zug hat staatspolitische Bedeutung», sagt Schweiger. «Ich gehöre nicht zu den Liberalen, die denken, alles könne im Privatsektor gelöst werden.»

Kein Geld vom Kanton

Schweiger, Marty und Brunner machen sich jetzt zusammen mit rund hundert namhaften UnterstützerInnen auf die Suche nach dem nötigen Geld. Ein ehemaliger NZZ-Chefredaktor, Politiker von links bis rechts, Historikerinnen oder bekannte TV-Gesichter: Sie alle sprechen sich öffentlich für Doku-Zug aus und für die Idee, das Dokumentationszentrum teilweise öffentlich zu finanzieren. Darunter eben auch SVP-Nationalrat Thomas Aeschi, dessen Partei sich unlängst im Nationalrat dafür aussprach, dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich – sozusagen der «grossen Schwester» von Doku-Zug – sämtliche Bundesgelder zu streichen.

Dass im wohlhabenden Zug genügend private GönnerInnen gefunden werden können, scheint so gut wie sicher. Und im Zuger Altstadthaus gibt man sich betont zuversichtlich, dass auch politische Mehrheiten für den öffentlichen Teil der «Public Private Partnership» gefunden werden. Schon jetzt ist allerdings klar: Auch wenn Unterstützung von der Stadt Zug wahrscheinlich ist, vom Kanton gibt es bis 2020 sicher kein Geld. Er zieht trotz zahlungskräftiger Firmen und vieler reicher BewohnerInnen gerade ein massives Sparprogramm durch.

Bis die Finanzierung von Doku-Zug langfristig gesichert ist, muss man im schmucken Altstadthaus also weiter auf das private Geld des millionenschweren linken Idealisten Daniel Brunner zählen. Für die nächsten zwei Jahre hat er «seinem» Archiv schon mal eine Defizitgarantie zugesichert.

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