Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Gebunden im Biofilm

Gegen die Gleichgültigkeit angesichts des ökologischen Kollapses: Bruno Latour fordert in seinem Manifest eine Repolitisierung des Umweltdiskurses.

Von Remo Grolimund

Die Erde hat sich zurückgemeldet. «Eine Erde, die, wie wir mit einer Mischung aus Begeisterung und Schrecken lernen, eine Menge Tricks auf Lager hat und sich als Dritte in alle unsere Handlungen einschleicht», wie der französische Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour schreibt. Angesichts der durch die Klimaveränderung heraufbeschworenen Katastrophen würden wir Zeugen, wie die Erde nicht mehr nur Schläge einstecke. Sie beginne, immer heftiger und gewaltsamer zurückzuschlagen.

In seinem vor kurzem auf Deutsch erschienenen «Terrestrischen Manifest» prangert Latour unsere Orientierungslosigkeit angesichts der ökologischen Umwälzungen an. Fassungslos schildert er, wie der von US-Präsident Donald Trump beschlossene Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen nurmehr schulterzuckend registriert wurde. Der Prognose eines «neuen Klimaregimes» stünden wir – teils aus Zynismus, teils aus Gleichgültigkeit, teils in einem Zustand der Schockstarre – merkwürdig tatenlos gegenüber. Dabei sei die Klimafrage zentral, um die politisch-soziale Grosswetterlage zu verstehen, von der ökonomischen Deregulierung über die Migrationsfrage bis zum konservativen Backlash.

Im Fortschrittsprojekt der Moderne konnte lange ignoriert werden, dass es sich statt auf die eine verfügbare Erde auf eine virtuelle Vielzahl von Erden stützte. Nun ist es gemäss Latour an sein Ende gekommen, seit die eine Erde wieder eine aktive Rolle auf der Weltbühne einnehme.

Umstrittene Gaia-Hypothese

Die Erde als Akteurin, dieser Gedanke mutet zunächst esoterisch an. Tatsächlich bezieht sich Latour seit längerem auf die auch in New-Age-Kreisen beliebte Gaia-Hypothese. Dieser vom Biophysiker James Lovelock und von der Mikrobiologin Lynn Margulis Mitte der 1960er Jahre entwickelte Gedanke betrachtet die Erde als lebendes System. Dabei schafft und erhält die Gesamtheit aller Organismen gemeinsam die Bedingungen, die Leben ermöglichen.

Nicht zuletzt wegen der bildhaften Namensgebung, die auf eine mythologische Erdgottheit Bezug nimmt, wurde die Hypothese im Zuge der Hippie- und Umweltbewegungen gerne aufgegriffen. Indem diese Gaia als personifizierte Erde zu einer beseelten Muttergöttin stilisierten, die ein «natürliches Gleichgewicht» zu bewahren trachtet, gaben sie ihr entgegen der Intention ihrer BegründerInnen einen animistischen Beigeschmack. Diese spirituelle Kontamination hat viele WissenschaftlerInnen von der Hypothese entfremdet. Nicht so Bruno Latour: Lovelocks empirische Herleitung des Gaia-Konzepts besitze einen ähnlichen Stellenwert wie Galileo Galileis Nachweis, dass die Erde um die Sonne kreise.

Tatsächlich passt eine nichtanimistische Version der Gaia-Hypothese sehr gut zu Latours Denken. Er gilt als Mitbegründer der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), die besagt, dass an jeder Handlung ein Netzwerk zahlreicher AkteurInnen beteiligt sei. Der Akteurstatus beschränkt sich dabei nicht auf menschliche Individuen. Vielmehr schreibt die ANT auch anderen Organismen und Dingen eine ihnen eigene Form der Handlungs- respektive Wirkmacht zu.

Auf Gaia übertragen heisst das: Nicht mehr allein der Mensch hat die Möglichkeit, die «Natur» nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Alle anderen Lebewesen beeinflussen und verändern ebenfalls die Bedingungen des eigenen Lebens. Sie bilden dabei mit der unbelebten «Natur» ein komplexes und dynamisches Geflecht von Ursachen und Wirkungen. Der dünne belebte «Biofilm» um den Erdball ist ein Netzwerk, in das der Mensch eingebunden ist und in dem er mitwirkt.

Ausser Kontrolle

Zuletzt tat dies der Mensch so massgebend, dass ihm ein Erdzeitalter gewidmet werden soll: das Anthropozän. So forderte es eine Gruppe von GeologInnen im August 2016, indem sie vorschlugen, das Anthropozän an einem sogenannten Golden Spike in der Mitte des 20. Jahrhunderts anzusetzen. Denn ab jenem Punkt beginnt sich die Sedimentzusammensetzung der Erde massiv zu verändern. Zu den zentralen Einflussfaktoren gehören oberirdische Atombombentests und die «grosse Beschleunigung», in der nicht nur das Bevölkerungswachstum explodiert, sondern im Zuge des Wirtschaftswunders auch der Einsatz von Kohle und Erdöl, von Plastik und Beton.

Es mehren sich indes Stimmen, die behaupten, die Epoche des Anthropozäns sei bereits Geschichte (vgl. «Alle Kritter sollen gedeihen»). Der neuseeländische Umwelthistoriker Paul Star etwa verwies jüngst darauf, dass die Effekte des menschengemachten Klimawandels längst ausser Kontrolle geraten seien. Angesichts der sich ankündigenden Umwälzungen sei es vermessen zu behaupten, der Mensch habe noch einen dominanten Einfluss auf die von ihm entfesselte Dynamik.

Als Akteur-Netzwerk-Theoretiker stimmt Latour dieser Kritik zwar zu. Die Menschen sähen sich als HauptakteurInnen des Anthropozäns «mit einer Rolle betraut, die viel zu gross für sie ist». Als Praktiker sieht er aber auch den realpolitischen Nutzen des Begriffs. «Fragen der Verantwortung und der Umweltethik werden vom Begriff des Anthropozäns vollkommen transformiert», sagte er in einem Interview mit der «Los Angeles Review of Books». Das Anthropozän biete im Grunde einen Alternativbegriff zur gescheiterten Idee der Moderne.

Dass Latour kaum Berührungsängste kennt, demonstriert er mit teils gewagten Hypothesen in seinem «Terrestrischen Manifest». Dabei geht es ihm weniger darum, manifeste Antworten zu liefern, als einen Raum für Fragen und Gedankenexperimente zu öffnen. Der französische Originaltitel, «Où atterrir?» (Wo landen?), trifft sein 136 Seiten kurzes Buch insofern besser. Das Werk ist ein in einem tiefen Gefühl der Dringlichkeit niedergeschriebener Versuch, die «politischen Affekte auf neue Schwerpunkte und Herausforderungen hin zu kanalisieren», den Umweltdiskurs zu repolitisieren und die Öffentlichkeit aufzurütteln.

Experiment Europa

«Wir sind dem Untergang geweiht», konstatierte der 87-jährige Umwelt-Sozialwissenschaftler Mayor Hillman Ende April im «Guardian». Selbst wenn wir sofort aufhörten, Treibhausgase zu produzieren: Der angestossene Prozess ist laut Hillman irreversibel und wird unsere Lebensgrundlage bald unwiederbringlich zerstören. Indem die Menschheit die Gewissheit des Untergangs akzeptiere, könne sie sich wenigstens in die Situation eines Menschen versetzen, der weiss, dass er unheilbar krank ist. Solche Menschen gäben sich kaum je einer selbstzerstörerischen Orgie hin. Vielmehr täten sie alles, um ihr verbleibendes Leben zu verlängern.

Noch sind solche kompromisslos pessimistischen Stimmen selten. Noch ist das moderne Entwicklungsprojekt nicht tot. Viele hegen die Hoffnung, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt uns ermöglichen wird, den ökologischen Kollaps abzuwenden. Latour kann diesen Optimismus nicht teilen. «Nichts zu machen: Wir müssen lernen, mit den Folgen dieser vielfachen Entfesselung zu leben.» Im 21. Jahrhundert der «neuen geo-sozialen Frage» seien wir gezwungen, neue «terrestrische» Lösungen für das Zusammenleben zu suchen: mit unseren alteingesessenen NachbarInnen, mit von der Klimaveränderung vertriebenen MigrantInnen, mit unserer Umwelt – und mit einer sich einmischenden Erde.

Europa könnte dabei als «lokales Experiment» zeigen, «was es heisst, eine Erde nach der Modernisierung zu bewohnen, zusammen mit jenen, die die Modernisierung endgültig von ihrem Mutterboden vertrieben hat». Auch wenn nichts mehr so sein wird, wie es im goldenen Zeitalter der Moderne für kurze Zeit war: Zumindest für Latour scheint die Lage nicht vollkommen hoffnungslos.

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