Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

Ein Geschenk der Kantonalbank an die Kantonalbank

Die geplante Seilbahn über den Zürichsee ist vor allem eine lukrative Werbekampagne für die ZKB. Die Stadt müsste sich gegen diese Aneignung des öffentlichen Raums wehren, schreibt der Zürcher Architekt Hans Frei.

Von Hans Frei

Architekt Hans Frei

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) möchte zu ihrem 150-Jahr-Jubiläum im Jahr 2020 eine Seilbahn über den Zürichsee bauen. In einer Videobotschaft zeigt sich die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) begeistert vom – wie sie sagt – «tollen Projekt» und freut sich darauf wie ein Kind auf ein Geschenk.

Aber ist es denn nicht genau umgekehrt? Erwartet nicht die ZKB ein Geschenk von der Stadt? Denn was in grossspurige Rhetorik verpackt präsentiert wird, ist nüchtern betrachtet eine Werbekampagne der ZKB – die sich nebenbei auch noch finanziell lohnt. Sollten sich die ambitionierten Ticketprognosen erfüllen (acht Millionen Tickets à zehn Franken), würde die Seilbahn mehr Geld in die Kassen der ZKB spülen, als sie kostet (fünfzig Millionen Franken). Um diese Kampagne mit grösstmöglicher Aufmerksamkeit zu realisieren, ist die ZKB auf das Recht angewiesen, den öffentlichen Grund zu benutzen. Die BankerInnen sind sogar bereit, einen saftigen Aufpreis zu bezahlen, damit die Seilbahn für die Ewigkeit gebaut werden kann, obwohl sie offiziell nur als Provisorium für fünf Jahre geplant ist.

Ewiges Provisorium

Die Bank spekuliert offensichtlich darauf, dass das Provisorium nach fünf Jahren zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt Zürich geworden sein wird – mit dem Namen der ZKB ebenso untrennbar verbunden wie der Eiffelturm mit Gustave Eiffel. Wie der Eiffelturm wird die Seilbahn in erster Linie eine Attraktion sein, die den Einheimischen praktisch nichts nützt. Nur gilt der Eiffelturm auch heute noch als ingenieurtechnische Meisterleistung, während die ZKB-Seilbahn bloss eine nostalgische Neuauflage zweier früherer Ausstellungsattraktionen am selben Ort sein wird.

Grundsätzlich ist ja nichts gegen ein gutes Einvernehmen zwischen der Stadt und der ZKB einzuwenden, profitieren sie doch wechselseitig voneinander. Irritierend am ZKB-Projekt ist nur die unbekümmerte Selbstverständlichkeit, mit der sich die Bank der Öffentlichkeit bedient, und die wirtschaftliche Unbekümmertheit, mit der die Stadt mit dem öffentlichen Besitz umgeht.

Der öffentlich-rechtliche Status der ZKB mag es etwas schwieriger machen, klar zwischen öffentlicher und privater Sphäre zu trennen. Dennoch könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Gemäss dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau unterscheiden sie sich wie allgemeingültige Naturgesetze von sozialen Verträgen. Erstere haben ihren Ursprung im Kampf ums Überleben, Letztere aber gehen auf Konventionen des menschlichen Zusammenlebens zurück. Persönliches Gewinnstreben und privater Grundbesitz mögen ein guter Dünger sein, aber niemals werden sie einen fruchtbaren Boden für das städtische Leben abgeben.

Eine Stadt, die jemandem gehört, ist keine Stadt, eher ein grosses Immobilienunternehmen oder bestenfalls ein Resort mit kulturellem Angebot für TouristInnen und Arrivierte. Das wussten bereits die alten Griechen Platon und Sophokles, aber auch George Bailey, der, gespielt von James Stewart, im US-Film «Ist das Leben nicht schön?» seine Heimatstadt davor bewahrt, «Pottersville» zu werden.

Dominante Präsenz

In der öffentlichen und in der privaten Sphäre gelten je andere Regeln. Mit guten Gründen duldet die ZKB – trotz ihres öffentlich-rechtlichen Status – keine direkte Einmischung der Öffentlichkeit in ihre aktuelle Geschäftstätigkeit. Entsprechend resolut müsste sich die Stadt wehren, wenn Personen oder Unternehmen aus Gewinnstreben öffentliche Angelegenheiten zu bewirtschaften versuchen. Deals zwischen beiden Sphären sind aber immer möglich und notwendig. Letztlich wird die eine nur profitieren, wenn auch die andere profitiert.

Deshalb ist es unerlässlich, dass sich die Öffentlichkeit so weit wie möglich aus privaten Angelegenheiten heraushält, während die Privaten die öffentliche Agenda als etwas akzeptieren, die alle etwas angeht. Die vom früheren Manager Hans Widmer letztes Jahr in der NZZ thematisierte «Verluderung der Finanzwelt» hat nicht nur mit persönlicher Habgier der ManagerInnen zu tun. Auf die Anklagebank gehören auch die PolitikerInnen und die öffentlichen Verwaltungen, die der als «private Investoren» auftretenden Finanzwelt solch «günstige» Gelegenheiten bieten. Wenn in der öffentlichen Sphäre alles akzeptiert wird, nur weil es nichts kostet, und wenn ein kommerzieller Werbegag wie eine öffentliche Angelegenheit behandelt wird, dann muss man nicht überrascht sein, dass sich eine Bank in der Öffentlichkeit wie in einem Selbstbedienungsladen aufführt, der ihr bereits gehört.

Ein Werbegag ist niemals ein Geschenk, bestenfalls ein Mittel, um Menschen einzulullen, damit sie nicht merken, dass sie letztlich die Rechnung selbst zu bezahlen haben. Möchte die ZKB öffentlichen Grund für ihre Werbekampagne nutzen, dann würde sich doch zunächst die Frage stellen, wie viel sie für die dominante Präsenz im Alpenpanorama von Zürich über all die Jahre hinweg zu zahlen bereit ist. Wohl würden die Erwartungen in dieser Hinsicht weit auseinandergehen, ja eventuell sogar die finanziellen Möglichkeiten selbst der reichen Zürcher Kantonalbank übersteigen.

Hans Frei ist Architekt in Zürich und lehrte von 1996 bis 2003 Entwurf und Theorie an der Universität Kassel.

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