16.09.2004

Fairplay-Pokal für die Schweizergarde

Von Wolfgang Bortlik

In der WOZ vom 9. Juli 1998 habe ich in einem Beitrag zur seinerzeitigen Fussballweltmeisterschaft in Frankreich mit etlicher Bitterkeit resümiert: «Da haben wir den Salat: Plötzlich ist jeder ein Fussballfan!» In den sechs Jahren seither ist es tatsächlich immer schlimmer geworden. Jede findet es jetzt toll, im neu gebauten Stadion in Plastiksitze geklebt, noch dem schäbigsten Gekicke zuzusehen. Jetzt macht jeder, der vorher nur seinen Bauchnabel im Blick hatte, seinen Song, sein Buch, sein Theaterstück über den Fussball – vor allem dann, wenn ein grösserer internationaler Kick-Event dräut. Die ganz Cleveren schreiben dann auf ihr Machwerk vorne drauf: «Das andere Fussballbuch».

Im Falle des vorliegenden, bunt bebilderten Bandes stimmt das sogar bedingt, denn in «Am Ball – im Bild» der Herausgeber Andreas Schiendorfer und Felix Reidhaar gibt es wirklich aussergewöhnliche Beiträge. Beispielsweise Information über den Fussballklub der Schweizergarde im Vatikan, der an der Vatikanmeisterschaft teilnimmt und meistens den Fairplay-Pokal gewinnt.

Oder die Geschichte vom Schweizer Team an der ersten, noch inoffiziellen Frauenfussball-Weltmeisterschaft 1970 in Italien, die ein gewaltiger Publikumserfolg wurde. Mitveranstalter war damals eine grosse italienische Wermutfabrik, die offensichtlich alles unternahm, damit das einheimische Team im Wettbewerb blieb. Die überlegen spielenden Schweizerinnen wurden daher in ihrem Spiel gegen den Gastgeber vom italienischen (!) Schiedsrichter auf die übelste Art und Weise betrogen, verloren und schieden aus. Worauf man an der nächsten WM nicht mehr teilnahm, was möglicherweise ein Fehler für die Entwicklung des Schweizer Frauenfussballs war. Leider geht der Beitrag hier nicht weiter. Schön sind auch die gescheiten und amüsanten Beiträge der bekennenden Nichtfussballerin Milena Moser über Trikot-Sponsoring oder Hugo Loetschers Text über Nationalismus. So etwas liest man gern und mit Gewinn.

Der alte Geist von Magglingen

Daneben steht auch viel Weltanschaulich-Überflüssiges und Cervelat-Prominenz-Vergrabbeltes in diesem Buch. Und es gibt Beiträge, die der extrem milde gestimmte Rezensent nur als Beispiele unfreiwilligen Humors bezeichnen kann, etwa den Text des jetzigen Grasshoppers-Nachwuchschefs Markus Frei über mental-emotionale Ausbildung des Schweizer Fussballverbandes für Spitzenjunioren: «Mit Swiss-Spirit ein Champion in einem Dream Team». Wow, so etwas motiviert wirklich jeden! Das ist immer noch der alte Geist von Magglingen, diese pseudomilitärische Ausbildungsstruktur, deren schriftliche Zeugnisse nun einfach angereichert sind um aktuelle Trendwörter aus der Psychokiste wie Teamlife oder Spirit. Das Problem dabei dürfte nur sein, dass die Fussballjunioren heutzutage öfter bedeutend intelligenter als ihre Ausbilder sind. In krassem Gegensatz zur Massenwirksamkeit des Fussballs steht ja seine Führungsstruktur. Das hat nicht nur der letzte Skandal um die Nationalmannschaft wieder schön gezeigt. An der Spitze des Schweizer Fussballverbands gibt es weder Professionalität noch Leidenschaft und schon gar keine Demokratie, es gibt nur reichlich Altersstarrsinn von Funktionären mit beachtlichem Sitzleder.

Für das Buch wünschenswert wären sowieso mehr Beiträge von der Basis gewesen: Wie funktioniert in einem kleineren Klub zwischen Geld-, Platz- und Trainermangel die Nachwuchsarbeit? Warum stellen sich jedes Wochenende soundso viele Menschen auf den Platz und geben für ein Trinkgeld den schlecht ausgebildeten Schiedsrichter? Was hat das alles für einen Einfluss auf den Schweizer Fussball? Themen also, über die auch die Gerontokraten an der Verbandsspitze nachdenken müssten.

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