10.06.2004

Das Stundenglas

Katharina Hacker hat «Perlmutterfarbe», Anna Maria Jokls 1937 unter schwierigen Bedingungen entstandenen «Kinderroman für fast alle Leute», wieder gelesen. Ein Bericht auch über eine Freundschaft.

Von Katharina Hacker

Die Geschichte im Buch und die Geschichte des Buches verbinden sich bei Anna Maria Jokls «Perlmutterfarbe» auf besondere Weise, verbinden kreuzweise Biografie und literarischen Ausdruck. «Perlmutterfarbe» ist ein Kinderbuch, Jokl hat es «einen Kinderroman für fast alle Leute» genannt, seine Geschichte ist weit mehr. Es ist eine des Erfolgs und der Vereitlung, des Vergessens und Wiedererinnerns. In Büchern und in Menschen konkretisiert sich zuweilen Geschichte ungeheuerlich. Zu den Stärken von Jokls Schreiben gehört solche Konkretion, höchst anspruchsvolle Anschaulichkeit und Präzision, Stil und Willen fallen dabei in eins.

Verlorenes Manuskript

1935 schrieb die junge Drehbuchautorin und Schülerin des Theaterregisseurs Erwin Piscator «Die wirklichen Wunder des Basilius Knox – Ein Roman über die Physik für Kinder von 10 bis 70 Jahren». Sie schrieb im Exil, die gebürtige Wienerin war aus Berlin nach Prag geflohen, «Basilius Knox» erschien 1937 noch in Prag mit einem Nachwort Oskar Kokoschkas. Es ist ein Buch über die Versuche und Begabungen des Sonderlings Knox, der die Elektrizität noch einmal erfindet und dabei mithilfe seines Hundes Igel und der Nachbarskinder die Möglichkeiten des Wissens zum Guten entdeckt, sein Menschenmisstrauen überwindet: «Und selbst als sich herausstellt, dass alles schon vor ihm erfunden war, ist ihm um seine Mühe nicht leid, weil er dabei die Wunder der Natur als Geschenk an die Menschen erkannt hat», schreibt Jokl über Knox. Einen Erfinder gibt es auch in «Perlmutterfarbe», den Schüler Maulwurf, der eine schimmernde Farbe herstellt. Der Roman erzählt von den Freunden Maulwurf und Alexander, dieser reisst einem Schüler der Parallelklasse ein Buch weg und giesst versehentlich die schimmernde Farbe darüber. Er erzählt von den verheerenden Folgen, die das Missgeschick hat, da sich zwei Schulklassen in Intrige, Häme und Verrat verstricken, ebenso aber vom Mut, dagegen anzustehen und sich nicht beirren zu lassen.

Nicht zu trennen von dieser Handlung ist die Geschichte des Buches, von der Anna Maria Jokl in der Vorrede berichtet: Wie sie nach dem Einmarsch der Deutschen in Prag über die Grenze nach Polen fliehen musste, wie sie mit nur einer Tasche wanderte, die sie vor dem Grenzgang zurückliess. Wie sie der Schlepper Joseph fragte, ob es ihr leid sei um alles, was verloren war, und sie ihm antwortete, leid sei es ihr nur um das Manuskript. Wie dieser Joseph Wochen später ins Flüchtlingslager Katowitz kam und ihr das Manuskript aushändigte. Wie es erscheinen konnte nach dem Krieg, gelesen wurde, von immer mehr Menschen, in Ostberlin verfilmt werden sollte und Jokl aus England sich aufmachte dorthin, dort leben wollte, ausgewiesen wurde und wie das Buch in Ostdeutschland verboten war.

Lange Jahre blieb es vergriffen, auch vergessen. Anna Maria Jokl ist aus Westberlin 1965 nach Israel ausgewandert. Dort lernte der Lektor des Jüdischen Verlags in den achtziger Jahren die längst schon hauptberufliche, erfolgreiche Psychotherapeutin kennen, interessierte sich für ihr Geschriebenes. Thomas Sparr und Nadine Meyer ist zu verdanken, dass nun fünf Bücher von Jokl bei Suhrkamp erhältlich sind: die beiden Kinderbücher, der Erzählband «Essenzen», die «Reise nach London» sowie die Schilderung «Zwei Fälle zum Thema ´Bewältigung der Vergangenheit´».

Flucht, Exil, Bombenkrieg

Durch die ganze Zerstörung des vergangenen Jahrhunderts hindurch reichen Jokls Bücher und sie selber auch. 1990 habe ich sie in Jerusalem kennen gelernt, seither ist sie über ihren Tod hinaus – mir einer der wichtigsten Menschen. 1998 bat sie mich um ein Stundenglas, fragte, ob ich, inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, ihr dort eine Sanduhr finden könne. Es war nicht leicht, ihren Aufträgen und Bitten gerecht zu werden, denn nur wenige Dinge fanden in ihren strengen Augen Gefallen. Vielleicht allerdings war es nicht so sehr Strenge als der Beschluss, in der eigenen, nächsten Umgebung die Masse von Klarheit, Formschönheit, farblicher Präzision geltend zu machen, die so oft unterlagen. Ich denke an diese Sanduhr, die ich nicht fand und ihr nicht brachte. Es knüpfen sich an dieses leicht Bilder dessen, was noch versäumt blieb.

1911 wurde Anna Maria Jokl geboren, sie starb 2001. Sie hat in Wien, Berlin, Prag, London und Jerusalem gelebt. Sie kannte Kokoschka, Ottla Kafka, Johannes R. Becher, Döblin, Doderer, Brod, kannte Beckett, Buber – die Reihe lässt sich fortsetzen –, sie kannte Flucht, Exil, Bombenkrieg, kannte das Entkommensein und Menschen, die nicht entkommen waren; es ist eine Liste, in der aufscheint, was europäische Geschichte prägte und noch immer prägt. Ein Mensch wie Jokl ist Verkörperung dieser Geschichte. Und weil damit Fragilität, Mut, Voraussicht, Verzweiflung, Vergänglichkeit sich verbinden – und der Ausdruck von all diesen –, wird im Wissen um einen solchen Menschen denk- und fühlbar, was sich in Abläufen und Informationen und Geschichtsauffassung leicht verbirgt. Ich meine nicht nur, was nahe liegt, die Tatsache, dass, was geschieht, immer Einzelnen in ihrer Leiblichkeit geschieht. Ich meine die einzelnen Menschen, insofern sie zum Gebilde werden durch ihre Erfahrung und deren Ausdruck, insbesondere dann, wenn dieser eine künstlerische Form findet. Eine solche Biografie scheint eine Übersetzung und Übersetzungsarbeit zu sein. Übersetzungen aber sind gleitend und ruckhaft, so wie sie flüssig sein können, stocken sie doch in nicht aufzulösenden Vertracktheiten und Abbrüchen. Dabei materialisieren sie die Bewegung eines Textes auf den Leser hin in kruder Deutlichkeit.

In «Perlmutterfarbe» tragen die ProtagonistInnen Namen und Spitznamen, die uns oder lesenden Kindern altmodisch, anrührend oder lächerlich erscheinen können. Es ist darin Sprachmaterial, das altmodisch ist, es gibt Dinge und Begeisterungen, die heute nicht mehr unbedingt einleuchten, ebenso wie Edelmut und unwandelbare Treue auftauchen, frei von Beigeschmack. Maulwurf, ein Waisenkind, das bei seinem Onkel aufwächst, bastelt diesem Onkel zu Weihnachten einen Dampfkochtopf. In dem Buch «Wir sind alle Menschen» über die Völker der Erde, das den Anstoss für die Verwicklungen der Geschichte gibt, sind das Faszinosum die Indianer und die Neger. Die Kinder sammeln nicht Pokemon-Karten, sondern Briefmarken – all dies sind Kleinigkeiten, die an gegenwärtiger Lesbarkeit nichts ändern, die bedeutsamere Kontinuität vielleicht nur deutlicher, auch beklemmender, hervortreten lassen. Denn es geht darum, wie Schüler sich zu verfeindeten Gruppen zusammenschliessen, wie die einen die Überlegenheit der Klasse 3A gegenüber der 3B mit Hohn und Gewalt durchsetzen wollen, wie der Schüler Alexander sich verstrickt in Unrecht und Lüge, die ihn erpressbar machen und von dem Fiesling Gruber geschickt ausgenutzt werden, wie sich die Mitschüler gegeneinander aufhetzen. Es geht um Wahrheit und darum, wie sich Gerechtigkeit gegen gemeine Dummheit und Hass verteidigen lässt. Im Buch unterliegt das Böse, der Geschichtsablauf hat die Autorin widerlegt.

Ein Stundenglas ist für die Zeit ein bemerkenswertes Bild, eines der fliessenden Zeit, die doch unterbrochen wird, und greift niemandes Hand ein, bleibt sie stehen, unterbricht ihr Zeitmass. Die Bücher von Anna Maria Jokl sind der Versuch eines solchen Eingreifens. Und «Perlmutterfarbe», 1937 geschrieben, ist auch ein Riss. Es kämpfte, schon auf verlorenem Posten, für etwas, das wenig später aufs Brutalste zerstört werden sollte, scheiterte ein weiteres Mal in seiner zweiten Hoffnung an dem sich etablierenden Realen Sozialismus, ist jetzt in neuer Ausgabe noch einmal erschienen im Jüdischen Verlag. Es ist, in aller Deutlichkeit, eine Mitteilung an uns.

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