25.11.2004

Kinder der Revolution

Im Roman «Das Tor zur Sonne» erfindet der libanesische Autor ein Generationengespräch, um von der kollektiven Entwurzelung des palästinensischen Volks zu erzählen.

Von Anna Wegelin

Das Sonnentor ist ein mythischer Ort. Die Felshöhlen in Galiläa sind das «einzige Stück befreites Palästina». Hier lieben sich Nahila und Yunus Ibrahim – die Frau, die im Dorf zurückgeblieben ist, und der Mann, der in den Südlibanon geflohen ist. Hier zeugen sie ihre gemeinsamen Kinder, die sie aufzieht und die er nur ein einziges Mal sieht. Hier findet der palästinensische Freiheitskämpfer Yunus eine Heimat auf Zeit. Doch das war einmal.

Elias Khoury, Libanons wohl bedeutendster Schriftsteller und Herausgeber der Kulturbeilage einer Beiruter Tageszeitung, ist ein kritischer Kommentator der Politik im Nahen Osten. Israel und die USA, Syrien oder die PLO-Spitze – keine der verantwortlichen Parteien wird vom engagierten Intellektuellen verschont. Khourys Roman «Das Tor zur Sonne» («Bab asch-Schams», 1998) spielt im Jahr 1995. Der alte Yunus liegt nach einem Schlaganfall im Koma. Er ist im Galiläa-Krankenhaus im Flüchtlingslager Schatila untergebracht. Schatila, das «Grabmal Palästinas» in Beirut, wo die christlichen Falange-Milizen 1982 ein Massaker verübten. Beirut, das dann zu einem Zentrum des PLO-PFLP-Kampfs gegen Israel wurde. Yunus’ Tod ist nur noch eine Frage der Zeit. Doch Dr. Khalil Ayyub pflegt den Alten, der zu einem Neugeborenen «geschrumpelt» ist, als könnte dieser jeden Moment wieder aufstehen und weiterkämpfen.

Khalil ist um die vierzig, Single. Blutjung zu den Fedajin-KämpferInnen gegangen, militärische Karriere zum PLO-Politkommissar, gemacht in China zum Laienarzt ausgebildet und nun zum «obersten» Krankenpfleger degradiert. Khalil ist aus Angst vor der Vergeltung für den Rachemord an seiner Geliebten Schams in das schäbige Spital geflüchtet, das kurz vor seiner Auflösung steht. Fast sieben Monate harrt er an Yunus’ Seite und will dabei nicht weniger als das «Epos des palästinensischen Volks» erzählen. Er schlage die Zeit tot, statt von ihr erschlagen zu werden, sagt Khalil. Dann hört Yunus’ Herz auf zu schlagen, bevor er mit seiner Geschichte am Ende ist.

Auf der einen Seite ein Mann mittleren Alters in einer Lebens- und Sinnkrise, der im libanesischen Bürgerkrieg in eine «unzählige Menge von Personen» zerfallen ist; auf der anderen Seite ein bewusstloser alter Mann auf der Schwelle zum Tod, der für die palästinensisch-arabische Sache in den Krieg zog und nun eine Legende ist: Elias Khoury wählt das fiktive Generationengespräch für die Auseinandersetzung mit der endlosen Geschichte einer kollektiven Vertreibung und Entwurzelung. Es ist auch die Reflexion eines Autors über die eigene militante Vergangenheit – Elias Khoury, der 1948 in einer christlichen Familie in Beirut geboren wurde, ging als junger Mann in ein Ausbildungslager der Fatah.

Khalil sammelt biografische Bruchstücke, «Geschichten, Erinnerungen und Fantasien» – Elias Khoury hat seinen Stoff grösstenteils in Interviews mit Betroffenen gesammelt, die er als Forscher für das PLO Research Center machte. Im Zentrum stehen Menschen, die ständig auf der Flucht vor wechselnden Feinden sind, politische wie die israelische oder die libanesische Armee, private wie der gewalttätige Ehemann oder die abweisende Schwiegermutter. Nichts und niemand bleibt unversehrt, nicht einmal die Toten können in Ruhe und Würde bestattet werden, überall herrschen Angst und Misstrauen. Es regiert der Wahnsinn, ein Irrsinn mit zuweilen tragikomischen Dimensionen. Nur in den Armen der Frauen gibt beziehungsweise gab es Leben, Lebenslust und Geborgenheit: Die ältere Nahila und die jüngere Schams haben noch am ehesten Heldinnenstatus. Khalil im Krankenzimmer: «Hier sind die Welt, Frauen und Worte.»
Die Welt und Worte oder eine Welt aus Wörtern: Khalil hat sein Vertrauen in die faktische Wirklichkeit verloren. Die Wahrheit existiere nicht, sagt er, sondern sei ein «Begriff wie alles andere auch». Und weiter: Das palästinensische Volk kenne seine Geschichte nur von Bildern. Khalil, in einem seltenen Moment der Klarheit: «Die Geschichte wurde zu einem Videofilm, der nun mir gehört. Aus uns ist ein Videovolk geworden.»

Khalil ist eine tragische Figur. Er ist der verlorene Sohn im libanesischen Exil, der seine Heimat zum ersten Mal unter dem Hagel von Leuchtbomben der israelischen Streitkräfte sah, als «Lichtertrauben, die sich auf das glänzend grüne Laub der Olivenbäume legen». Er ist das verwaiste Kind, dessen Mutter verschwand und dessen Vater starb, bevor er ihm aus seinem Leben erzählen konnte. Er ist eines jener unzähligen «Kinder der Revolution», die in Flüchtlingslagern aufgewachsen sind und den Zugang zu sich selbst verloren haben: «Wir erinnern uns an Dinge, die wir nicht selbst erlebt haben, denn wir eignen uns die Erinnerungen anderer an.» Nun ist Khalil, der inzwischen an eine «Mischung aus Säkularismus, Humanismus und Marxismus» glaubt, mit seinem Latein am Ende. Er hasse die Politik, weil er nicht mehr nachvollziehen könne, was vor sich gehe: «Mein Gott, darin besteht doch die Tragödie: Du siehst zwei Hälften, die nur in Krieg und Zerstörung zusammenfinden.» Khalil will nur eines: vergessen und neu anfangen. Tabula rasa.

Obwohl Khalil den verzweifelten Versuch unternimmt, «das Leben zu meistern und sich eine Heimat zu schaffen aus den Trümmern, die wir 'unsere Geschichte' nennen»: Er ist kein nihilistischer Erzähler, vielmehr einer, der vorsätzlich in die Irre führt und durcheinander bringt. Eine Stimme, die ständig bezweifelt, was sie soeben gesagt hat. «Bücher sind Lügen schlechthin», sagt sie einmal. Lügenmärchen schaffen Fiktion, mit ihnen hangelt sich Khalil durch all die Erinnerungen, die über ihn «herfallen», wie er einmal sagt. Er rettet sich aus dem todernsten Spiel mit der Geschichte und Wahrheit um ein kollektives Trauma – das auch sein individueller Albtraum ist – mit einer Erzählkunst, in der ein Buchkritiker die arabische Tradition des Abschweifens, der Wiederholung und der Variation erkennt.

Khalil, eine moderne Figur in einem modernen Roman, sagt: «Wir erinnern uns, um zu vergessen. Das ist der Kern des Spiels.» Es gehe nicht darum, was geschehen sei, sondern wie man es erzähle oder sich daran erinnere. Der Schriftsteller Elias Khoury sagt: «Wer sich seiner Vergangenheit nicht stellt, kann sich niemals von ihr befreien.» Sein Roman «Das Tor zur Sonne» ist ein politisches Buch, das allerdings nicht Recht haben will. Das macht es zu einem herausragenden literarischen Text.