29.01.2004

Viele Damen, kaum Frauen

Der Frauenanteil am Weltwirtschaftsforum ist noch tiefer als derjenige in der Schweizer Regierung. Doch die angereisten Ehefrauen vermittelten ein anderes Bild.

Von Elvira Wiegers

«Frauen haben keinen Platz auf der Wef-Agenda.» Die Kamerunerin Gisele Yitamben bringt es auf den Punkt. Sie ist Vizepräsidentin des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (Unifem) und Präsidentin der Association pour le Soutien et l’Appui à la Femme Entrepreneur (Asafe). Die Unternehmerin unterstützt und bildet Geschäftsfrauen in Kamerun und den Nachbarländern aus. Gisele Yitamben gründete Asafe 1989 mit dem Ziel, Frauen mit dem nötigen Startkapital oder anderen Krediten für eine selbständige Geschäftstätigkeit auszustatten, weil diesen andere Finanzierungswege versperrt blieben.

Es ist das zweite Mal, dass Yitamben am Weltwirtschaftsforum (Wef) teilnahm. Am Sonntagmorgen um neun Uhr fand das Panel «Women and Leadership» mit der Kamerunerin auf dem Podium statt. Sie ärgert sich, denn ungünstiger hätten die OrganisatorInnen die Veranstaltung nicht ansetzen können. «Viele sind schon abgereist, die anderen waren nach dem grossen Samstagabendprogramm bis in die frühen Morgenstunden unterwegs.» Ihr Fazit: «Die VeranstalterInnen wollen zwar politisch korrekt sein, geben den Frauenanliegen aber mit dieser Platzierung wenig Gewicht.» Das Wef müsse jedoch Themen wie diese viel mehr vorantreiben. Laura Deal, «Project Manager» beim Wef, sieht das anders: So genannte Frauenthemen in speziellen Veranstaltungen aufzugreifen, hält sie für den falschen Ansatz. Das sei einfach nicht attraktiv.

Ähnlich wie Yitamben ging es auch der Inderin Mirai Chatterjee. Sie vertritt die indische Frauengewerkschaft Self Employed Women’s Association (Sewa) mit mehr als 600 000 Mitgliedern. Chatterjee sass auf dem Podium zum Thema «Informelle Wirtschaft». Laut Mirai Chatterjee, seit zwanzig Jahren Mitglied bei Sewa, arbeiten 93 Prozent der indischen Beschäftigten – darunter sehr viele Frauen – im informellen Sektor, das heisst schwarz. Sie regt sich darüber auf, dass in diesem Zusammenhang oft der Begriff Schattenwirtschaft auftaucht. «Immerhin tragen diese ArbeiterInnen über sechzig Prozent zum Bruttosozialprodukt Indiens bei.» Frauen aus dem informellen Sektor finden bei der 1972 gegründeten Sewa ein gut ausgebautes Netz von sozialen und finanziellen Dienstleistungen.

Die Inderin ist enttäuscht: Nicht nur habe die Veranstaltung abends, sondern auch noch ausserhalb des Kongresszentrums stattgefunden. «Dabei ist dieses Thema von extremer Wichtigkeit, vor allem für die Entwicklungsländer.» Es seien jedoch nur etwa dreissig Leute gekommen, trotz prominenter Podiumsbesetzung. Nicht viel besser erging es Chatterjee auf dem Podium zur Armutsbekämpfung, das zwar in der grossen Kongresshalle stattfand, allerdings nach sechs Uhr abends und wieder vor wenig Publikum. Das Wef organisierte noch einen weiteren Event für Frauen, um ihnen laut eigenen Angaben mehr Profil zu geben: Der «Women Leaders Nightcap» fand nachts um halb elf Uhr in einem abgelegenen Hotel statt und wurde von mehr Männern als Frauen besucht.

Das Wef ist Männersache, genauso wie Business und Politik Männersache sind. Ein Blick quer durch die Veranstaltungen genügte: Die Podien waren praktisch ausschliesslich von Männern dominiert, vor allem wenn es um Aspekte der Globalisierung, der Weltwirtschaft und um die politische Agenda ging.

Doch beim Umherstreifen in den Gängen und Sälen enstand ein ganz anderer Eindruck: Frauen, wohin das Auge reichte. Sie trugen vorwiegend teure Kostüme, schicke Frisuren und exklusiven Schmuck. Und sie hatten – im Gegensatz zur berichtenden Journalistin – Zugang zu allen Workshops, Sessions und Panels. Ob es ein Zufall ist, dass es dieses Jahr kein spezielles Programm für die etwa 500 angereisten Ehefrauen gab? Die Damen, vorwiegend aus der gehobenen Gesellschaft, vermittelten nämlich den Eindruck, das Wef sei eine gleichberechtigte Veranstaltung für Männer und für Frauen.

Der Schein trügt: Von den rund 2000 eigentlichen Wef-TeilnehmerInnen waren lediglich 212 Frauen. «Wir wollten den Frauenanteil gegenüber 2001 verdoppeln», sagt Laura Deal. Damals betrug er acht Prozent, dieses Jahr lag er bei zehn Prozent. Von den 212 offiziellen Wef-Teilnehmerinnen stammten nur 63 aus der Wirtschaft. Und das, obwohl laut Wef-Frau Deal 350 Frauen eingeladen worden waren. Das Wef gibt sich nach eigenen Angaben Mühe, diesen Missstand zu beheben. 2001 lancierte es deshalb die «Women Leaders Initiative», ein Netzwerk für Frauen. Eigentlich keine schlechte Idee, denn, was Networking betrifft, haben die Frauen tatsächlich weltweit einen immensen Aufholbedarf.

Genau deshalb sind auch Gisele Yitamben und Mirai Chatterjee nach Davos gekommen: um Kontakte zu knüpfen, sich sichtbar zu machen und mitzureden. Yitamben: «Die soziale Verantwortung von Unternehmen wird immer mehr zum Thema.» Die Wirtschaft zeige zunehmend Bereitschaft, mit Institutionen wie Asafe zusammenzuarbeiten. Trotzdem müsse sich die Sichtweise der Männer drastisch ändern. «Wir müssen die Arbeitswelt humanisieren», ist Yitamben überzeugt. Vor allem sollten die Frauen politische Führerschaft erlangen, schliesslich hätten sie eine eher langfristige Sicht der Dinge.

Auch die Nigerianerin Fidela Ebuk ist mit dem Davoser Networking zufrieden: Sie konnte am nigerianischen Länderempfang konkrete Kontakte auf höchster politischer Ebene knüpfen. Ebuk ist die Gründerin und Chefin der Women’s Health and Economic Development Association (Wheda) in Nigeria. Seit 1988 betreibt sie mit dieser Dachorganisation von über 120 Frauengruppierungen Basisarbeit. Wheda ist bei vorwiegend alleinstehenden Frauen im Niger-Delta aktiv, klärt auf und bildet aus. Daneben haben die Frauen die Möglichkeit, ihre Ersparnisse bei Wheda anzulegen, Kleinkredite zu beziehen und Sozialversicherungen abzuschliessen. Auf dem Programm stehen Gesundheit, Bildung, Umwelt und die Gründung landwirtschaftlicher Kooperativen. Das Geld für die Basisarbeit erhält Ebuk von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) wie der Ford Foundation aus den USA. Auch die Weltbank gewährte 1999 einen kleinen Zuschuss. Bei der nigerianischen Regierung habe Ebuk unzählige Male vergeblich um eine finanzielle Unterstützung angefragt. Umso glücklicher ist die Basisarbeiterin darüber, dass sie am Wef den nigerianischen Staatspräsidenten Olusegun Obasanjo traf und mit ihm über Wheda sprechen konnte. Ein weiteres Treffen soll in Nigeria stattfinden, das habe der Präsident ihr zugesichert.

Wie wichtig die Sensibilisierung für Frauenanliegen und das Networking für Frauen auf allen Ebenen ist, betont auch Wef-Teilnehmerin Mary Robinson, von 1997 bis 2002 Uno-Flüchtlingshochkommissarin und davor Staatspräsidentin Irlands. Robinson nahm auch am Weltsozialforum in Bombay teil und eröffnete die Wef-Gegenveranstaltung «Public Eye» in Davos. Sie ist Mitglied des Council of Women World Leaders, einem 1997 gegründeten Netzwerk für hochrangige Politikerinnen.

Das neueste Projekt der Präsidentin der britischen NGO Oxfam heisst «Ethical Globalization Intitiative». Ihr Ziel ist, Unternehmen, Regierungen und Zivilgesellschaft für Frauenrechte zu sensibilisieren. Robinson identifiziert dabei drei wichtige Teilbereiche: Handel und Entwicklung, Gesundheit sowie Migration.

Die Menschenrechtsspezialistin war auch in die Ausarbeitung der Uno-Draft-Norms involviert, der Menschenrechtsnormen für Unternehmen (siehe WOZ Nr. 3/04). Allerdings sind diese Draft-Norms rechtlich unverbindlich, und der Weg bis zur Ratifizierung verbindlicher Regeln durch die Mitgliedstaaten dürfte lang und steinig sein. Doch Robinson akzeptiert den Weg der kleinen Schritte. Sie arbeitet vorerst mit ein paar wenigen Unternehmen zusammen, darunter ABB und Novartis. «Diese Draft-Norms müssen in einem ersten Schritt getestet werden, dann erst können sie zu Standardregeln für alle Unternehmen werden», ist sie überzeugt. Allerdings betont sie, dass es sich dabei nicht um neue Normen handelt, sondern um bereits bestehende Menschenrechte. Die Unternehmen müssten lernen, diese explizit in ihre Geschäftspolitik und -tätigkeit einzubeziehen.

Wie geht sie damit um, dass viele Unternehmen so hartnäckig gegen verbindliche Regeln ankämpfen? «Interessant ist, dass sie nicht gegen den Inhalt solcher Regeln per se sind, sondern gegen die Idee einer Regelung über die Uno.» Robinson zählt deshalb vor allem auch auf den Druck der Strasse und denjenigen der NGOs, um die Unternehmen zu verantwortlichem Handeln zu zwingen. Robinson gehörte übrigens zu den wenigen Wef-TeilnehmerInnen, die öffentlich die Konzentration politischer und wirtschaftlicher Macht in Davos kritisierten.

Auch die einzige Frau in der Schweizer Regierung, die Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, griff letzte Woche die Frauenrechte auf: Sie lud 22 Aussenministerinnen aus aller Welt im März nach Genf zur 60. Tagung der Uno-Menschenrechtskommission ein. Ihr Ziel: die physische Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung auf die internationale politische Agenda zu setzen.

Jahr für Jahr treffen sich in Davos die mächtigsten Männer der Welt und diskutieren über wichtige Themen. Sie befassen sich mit der Weltwirtschaft, mit der Globalisierung, mit der Armut oder mit dem Trinkwassermangel. Und sie haben teilweise eingesehen, dass es notwendig ist, die Anliegen der Zivilgesellschaft in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen.

Die Männer – auch Uno-Generalsekretär Kofi Annan – diskutierten am diesjährigen Wef darüber, wie wichtig es sei, die Armut zu verringern, und waren sich darüber einig, dass dies andere wichtige Bereiche wie Gesundheit, Bildung und finanzielle Sicherheit beinhalte. Dass aber siebzig Prozent der weltweit über vier Milliarden Armen Frauen sind, und dass es die Frauen sind, die innerhalb der Haushalte für die Ressourcen wie Wasser, für die Ernährung und Erziehung zuständig sind, wird auf den Podien hartnäckig ausgeblendet. Genauso wie die Tatsache ausgeblendet wird, dass besonders viele Frauen zu den tiefsten Löhnen an ungesicherten Arbeitsplätzen arbeiten. An keiner – zumindest offiziellen – Veranstaltung wurde darüber diskutiert, wieso jedoch weder die staatlichen noch die internationalen Gelder vermehrt in Frauenhände fliessen.

Frauenanliegen und Frauenthemen, wie sie meist herabsetzend genannt werden, gelten in der Schweiz als Luxusartikel für Mittelstandsfrauen und am Wef als unattraktiv. Und sie lösen nicht nur bei Männern Abwehrreflexe aus. Viele – leider auch Frauen – verweigern sich nach wie vor hartnäckig der Tatsache, dass es dabei eigentlich gar nicht um Frauenanliegen an sich geht, sondern um gesellschaftliche Belange, um das Wesen der Gesellschaft schlechthin.

«Frauen haben keinen Platz auf der Wef-Agenda.» Die Kamerunerin Gisele Yitamben bringt es auf den Punkt. Sie ist Vizepräsidentin des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (Unifem) und Präsidentin der Association pour le Soutien et l’Appui à la Femme Entrepreneur (Asafe). Die Unternehmerin unterstützt und bildet Geschäftsfrauen in Kamerun und den Nachbarländern aus. Gisele Yitamben gründete Asafe 1989 mit dem Ziel, Frauen mit dem nötigen Startkapital oder anderen Krediten für eine selbständige Geschäftstätigkeit auszustatten, weil diesen andere Finanzierungswege versperrt blieben.

Es ist das zweite Mal, dass Yitamben am Weltwirtschaftsforum (Wef) teilnahm. Am Sonntagmorgen um neun Uhr fand das Panel «Women and Leadership» mit der Kamerunerin auf dem Podium statt. Sie ärgert sich, denn ungünstiger hätten die OrganisatorInnen die Veranstaltung nicht ansetzen können. «Viele sind schon abgereist, die anderen waren nach dem grossen Samstagabendprogramm bis in die frühen Morgenstunden unterwegs.» Ihr Fazit: «Die VeranstalterInnen wollen zwar politisch korrekt sein, geben den Frauenanliegen aber mit dieser Platzierung wenig Gewicht.» Das Wef müsse jedoch Themen wie diese viel mehr vorantreiben. Laura Deal, «Project Manager» beim Wef, sieht das anders: So genannte Frauenthemen in speziellen Veranstaltungen aufzugreifen, hält sie für den falschen Ansatz. Das sei einfach nicht attraktiv.

Ähnlich wie Yitamben ging es auch der Inderin Mirai Chatterjee. Sie vertritt die indische Frauengewerkschaft Self Employed Women’s Association (Sewa) mit mehr als 600 000 Mitgliedern. Chatterjee sass auf dem Podium zum Thema «Informelle Wirtschaft». Laut Mirai Chatterjee, seit zwanzig Jahren Mitglied bei Sewa, arbeiten 93 Prozent der indischen Beschäftigten – darunter sehr viele Frauen – im informellen Sektor, das heisst schwarz. Sie regt sich darüber auf, dass in diesem Zusammenhang oft der Begriff Schattenwirtschaft auftaucht. «Immerhin tragen diese ArbeiterInnen über sechzig Prozent zum Bruttosozialprodukt Indiens bei.» Frauen aus dem informellen Sektor finden bei der 1972 gegründeten Sewa ein gut ausgebautes Netz von sozialen und finanziellen Dienstleistungen.

Die Inderin ist enttäuscht: Nicht nur habe die Veranstaltung abends, sondern auch noch ausserhalb des Kongresszentrums stattgefunden. «Dabei ist dieses Thema von extremer Wichtigkeit, vor allem für die Entwicklungsländer.» Es seien jedoch nur etwa dreissig Leute gekommen, trotz prominenter Podiumsbesetzung. Nicht viel besser erging es Chatterjee auf dem Podium zur Armutsbekämpfung, das zwar in der grossen Kongresshalle stattfand, allerdings nach sechs Uhr abends und wieder vor wenig Publikum. Das Wef organisierte noch einen weiteren Event für Frauen, um ihnen laut eigenen Angaben mehr Profil zu geben: Der «Women Leaders Nightcap» fand nachts um halb elf Uhr in einem abgelegenen Hotel statt und wurde von mehr Männern als Frauen besucht.

Das Wef ist Männersache, genauso wie Business und Politik Männersache sind. Ein Blick quer durch die Veranstaltungen genügte: Die Podien waren praktisch ausschliesslich von Männern dominiert, vor allem wenn es um Aspekte der Globalisierung, der Weltwirtschaft und um die politische Agenda ging.

Doch beim Umherstreifen in den Gängen und Sälen enstand ein ganz anderer Eindruck: Frauen, wohin das Auge reichte. Sie trugen vorwiegend teure Kostüme, schicke Frisuren und exklusiven Schmuck. Und sie hatten – im Gegensatz zur berichtenden Journalistin – Zugang zu allen Workshops, Sessions und Panels. Ob es ein Zufall ist, dass es dieses Jahr kein spezielles Programm für die etwa 500 angereisten Ehefrauen gab? Die Damen, vorwiegend aus der gehobenen Gesellschaft, vermittelten nämlich den Eindruck, das Wef sei eine gleichberechtigte Veranstaltung für Männer und für Frauen.

Der Schein trügt: Von den rund 2000 eigentlichen Wef-TeilnehmerInnen waren lediglich 212 Frauen. «Wir wollten den Frauenanteil gegenüber 2001 verdoppeln», sagt Laura Deal. Damals betrug er acht Prozent, dieses Jahr lag er bei zehn Prozent. Von den 212 offiziellen Wef-Teilnehmerinnen stammten nur 63 aus der Wirtschaft. Und das, obwohl laut Wef-Frau Deal 350 Frauen eingeladen worden waren. Das Wef gibt sich nach eigenen Angaben Mühe, diesen Missstand zu beheben. 2001 lancierte es deshalb die «Women Leaders Initiative», ein Netzwerk für Frauen. Eigentlich keine schlechte Idee, denn, was Networking betrifft, haben die Frauen tatsächlich weltweit einen immensen Aufholbedarf.

Genau deshalb sind auch Gisele Yitamben und Mirai Chatterjee nach Davos gekommen: um Kontakte zu knüpfen, sich sichtbar zu machen und mitzureden. Yitamben: «Die soziale Verantwortung von Unternehmen wird immer mehr zum Thema.» Die Wirtschaft zeige zunehmend Bereitschaft, mit Institutionen wie Asafe zusammenzuarbeiten. Trotzdem müsse sich die Sichtweise der Männer drastisch ändern. «Wir müssen die Arbeitswelt humanisieren», ist Yitamben überzeugt. Vor allem sollten die Frauen politische Führerschaft erlangen, schliesslich hätten sie eine eher langfristige Sicht der Dinge.

Auch die Nigerianerin Fidela Ebuk ist mit dem Davoser Networking zufrieden: Sie konnte am nigerianischen Länderempfang konkrete Kontakte auf höchster politischer Ebene knüpfen. Ebuk ist die Gründerin und Chefin der Women’s Health and Economic Development Association (Wheda) in Nigeria. Seit 1988 betreibt sie mit dieser Dachorganisation von über 120 Frauengruppierungen Basisarbeit. Wheda ist bei vorwiegend alleinstehenden Frauen im Niger-Delta aktiv, klärt auf und bildet aus. Daneben haben die Frauen die Möglichkeit, ihre Ersparnisse bei Wheda anzulegen, Kleinkredite zu beziehen und Sozialversicherungen abzuschliessen. Auf dem Programm stehen Gesundheit, Bildung, Umwelt und die Gründung landwirtschaftlicher Kooperativen. Das Geld für die Basisarbeit erhält Ebuk von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) wie der Ford Foundation aus den USA. Auch die Weltbank gewährte 1999 einen kleinen Zuschuss. Bei der nigerianischen Regierung habe Ebuk unzählige Male vergeblich um eine finanzielle Unterstützung angefragt. Umso glücklicher ist die Basisarbeiterin darüber, dass sie am Wef den nigerianischen Staatspräsidenten Olusegun Obasanjo traf und mit ihm über Wheda sprechen konnte. Ein weiteres Treffen soll in Nigeria stattfinden, das habe der Präsident ihr zugesichert.

Wie wichtig die Sensibilisierung für Frauenanliegen und das Networking für Frauen auf allen Ebenen ist, betont auch Wef-Teilnehmerin Mary Robinson, von 1997 bis 2002 Uno-Flüchtlingshochkommissarin und davor Staatspräsidentin Irlands. Robinson nahm auch am Weltsozialforum in Bombay teil und eröffnete die Wef-Gegenveranstaltung «Public Eye» in Davos. Sie ist Mitglied des Council of Women World Leaders, einem 1997 gegründeten Netzwerk für hochrangige Politikerinnen.

Das neueste Projekt der Präsidentin der britischen NGO Oxfam heisst «Ethical Globalization Intitiative». Ihr Ziel ist, Unternehmen, Regierungen und Zivilgesellschaft für Frauenrechte zu sensibilisieren. Robinson identifiziert dabei drei wichtige Teilbereiche: Handel und Entwicklung, Gesundheit sowie Migration.

Die Menschenrechtsspezialistin war auch in die Ausarbeitung der Uno-Draft-Norms involviert, der Menschenrechtsnormen für Unternehmen (siehe WOZ Nr. 3/04). Allerdings sind diese Draft-Norms rechtlich unverbindlich, und der Weg bis zur Ratifizierung verbindlicher Regeln durch die Mitgliedstaaten dürfte lang und steinig sein. Doch Robinson akzeptiert den Weg der kleinen Schritte. Sie arbeitet vorerst mit ein paar wenigen Unternehmen zusammen, darunter ABB und Novartis. «Diese Draft-Norms müssen in einem ersten Schritt getestet werden, dann erst können sie zu Standardregeln für alle Unternehmen werden», ist sie überzeugt. Allerdings betont sie, dass es sich dabei nicht um neue Normen handelt, sondern um bereits bestehende Menschenrechte. Die Unternehmen müssten lernen, diese explizit in ihre Geschäftspolitik und -tätigkeit einzubeziehen.

Wie geht sie damit um, dass viele Unternehmen so hartnäckig gegen verbindliche Regeln ankämpfen? «Interessant ist, dass sie nicht gegen den Inhalt solcher Regeln per se sind, sondern gegen die Idee einer Regelung über die Uno.» Robinson zählt deshalb vor allem auch auf den Druck der Strasse und denjenigen der NGOs, um die Unternehmen zu verantwortlichem Handeln zu zwingen. Robinson gehörte übrigens zu den wenigen Wef-TeilnehmerInnen, die öffentlich die Konzentration politischer und wirtschaftlicher Macht in Davos kritisierten.

Auch die einzige Frau in der Schweizer Regierung, die Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, griff letzte Woche die Frauenrechte auf: Sie lud 22 Aussenministerinnen aus aller Welt im März nach Genf zur 60. Tagung der Uno-Menschenrechtskommission ein. Ihr Ziel: die physische Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung auf die internationale politische Agenda zu setzen.

Jahr für Jahr treffen sich in Davos die mächtigsten Männer der Welt und diskutieren über wichtige Themen. Sie befassen sich mit der Weltwirtschaft, mit der Globalisierung, mit der Armut oder mit dem Trinkwassermangel. Und sie haben teilweise eingesehen, dass es notwendig ist, die Anliegen der Zivilgesellschaft in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen.

Die Männer – auch Uno-Generalsekretär Kofi Annan – diskutierten am diesjährigen Wef darüber, wie wichtig es sei, die Armut zu verringern, und waren sich darüber einig, dass dies andere wichtige Bereiche wie Gesundheit, Bildung und finanzielle Sicherheit beinhalte. Dass aber siebzig Prozent der weltweit über vier Milliarden Armen Frauen sind, und dass es die Frauen sind, die innerhalb der Haushalte für die Ressourcen wie Wasser, für die Ernährung und Erziehung zuständig sind, wird auf den Podien hartnäckig ausgeblendet. Genauso wie die Tatsache ausgeblendet wird, dass besonders viele Frauen zu den tiefsten Löhnen an ungesicherten Arbeitsplätzen arbeiten. An keiner – zumindest offiziellen – Veranstaltung wurde darüber diskutiert, wieso jedoch weder die staatlichen noch die internationalen Gelder vermehrt in Frauenhände fliessen.

Frauenanliegen und Frauenthemen, wie sie meist herabsetzend genannt werden, gelten in der Schweiz als Luxusartikel für Mittelstandsfrauen und am Wef als unattraktiv. Und sie lösen nicht nur bei Männern Abwehrreflexe aus. Viele – leider auch Frauen – verweigern sich nach wie vor hartnäckig der Tatsache, dass es dabei eigentlich gar nicht um Frauenanliegen an sich geht, sondern um gesellschaftliche Belange, um das Wesen der Gesellschaft schlechthin.

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