18.05.2000

Ich konnte nichts dagegen tun

Der Schriftsteller Aleksandar Tisma im Gespräch: Während des Nato-Krieges gegen Jugoslawien hat er auch nach dem Bombardement auf seine Heimatstadt Novi Sad geschwiegen. Jetzt nimmt Aleksandar Tisma anlässlich seines Besuches in der Schweiz Stellung.

Interview: Carole Gürtler

Aleksandar Tisma

WoZ: Ihre Bücher handeln unter anderem von Menschen, die sich nicht von den Erlebnissen während des Zweiten Weltkrieges lösen können und versuchen, die schrecklichen Erfahrungen zu verarbeiten. Ihr literarisches Denken scheint besessen davon. Woran denken Sie zurzeit?
Aleksandar Tisma: Ich denke noch immer über die Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg nach. Es ist für mich einfach unfassbar, dass man Menschen in ein Lager stecken kann. Ich denke dabei nicht einmal an den Hunger, an die schwere Arbeit oder an den Tod, sondern vielmehr an einen gewissen Appell, der jeden Morgen und jeden Abend stattfand. «Mützen ab!», hiess es bei diesem Appell. Alle mussten in diesem Moment ihre Mützen vom Kopf reissen. Später hiess es dann: «Mützen auf!» Alle mussten ihre Mützen wieder aufsetzen. Dass ein Mensch einen anderen zwingen kann, die Mütze abzunehmen, nur um ihn zu zählen, um ihm zu sagen, jetzt geh nach links, jetzt geh nach rechts, jetzt geh sterben, jetzt geh leben ... das ist so eine Dummheit, so ein Blödsinn, den sich nur Menschen ausdenken können.

Sind Sie vom Menschen enttäuscht?
Ich war vom Menschen sehr enttäuscht. Jetzt bin ich resigniert. Als ich jung war, war ich wegen der Dummheit der Menschen enttäuscht, weniger wegen deren Bösartigkeit. Schliesslich sind wir böse geboren. Der Mensch ist von Natur aus schlecht. Enttäuscht aber bin ich vom Menschen vor allem wegen seiner unglaublichen Dummheit, die ihn dazu verführt, das Leben so traurig zu gestalten und andere zu unterjochen und zu töten.

Sind Sie auch vom Leben enttäuscht?
Auch vom Leben. Das Leben ist viel ärmer und langweiliger, als man es sich als Kind vorstellt. Mit dem Älterwerden wird klar, wie selten Freude und Genuss sind. Das Leben ist im Grunde düster und traurig. Aber es ist immer noch schöner und reicher als das, was der Mensch letztlich daraus macht. Mit seinem Hass und seinem Leiden verschlimmert er nur noch das an sich schon traurige Leben.

Wenn der Zweite Weltkrieg noch immer das zentrale Thema Ihrer Gedanken und Bücher ist – hat der Zerfall Jugoslawiens, haben die Kriege in Bosnien und Kosovo oder die Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato neue Gedanken hervorgebracht?

Der Zweite Weltkrieg wurde nicht wegen der speziellen Eigenschaften dieses Krieges zu meinem Thema. Ich nahm ja eher passiv daran teil. Es war vielmehr die Dummheit der Menschen, die mein Schreiben beeinflusste. Deshalb hat es mich auch nicht überrascht und beeindruckt, was Jahre später hier in Jugoslawien passiert ist. Es sind dieselbe Mentalität, dieselbe Dummheit, dieselbe Gehässigkeit, derselbe Blödsinn, die bloss nach einer Zeit des Stillstandes wieder aufgebrochen sind. Also nichts Neues für mich.

Waren Sie nicht überrascht darüber, wie sich der Konflikt entwickelt hat, wie er eskaliert ist?

Nein, es hat mich nicht überrascht. Als ich die separatistischen Strömungen in Jugoslawien sah, habe ich sogleich gefühlt, dass dasselbe wie damals passieren wird.
Während der Kriege in Bosnien lebten Sie in Frankreich. Als die Nato Jugoslawien bombardierte, blieben Sie in Novi Sad.

Warum gingen Sie nicht abermals ins Ausland?

Als in Bosnien Krieg war, verspürte ich ein Gefühl des Überdrusses. Es war mir schrecklich, hier zu sein, zu sehen, dass von hier aus, von Jugoslawien heraus, ein Krieg geführt wird. Ich konnte nichts dagegen tun. Ich konnte mich nicht einmischen. Mitanschauen wollte ich es aber auch nicht. So bin ich nach Frankreich gegangen. Als die Nato Serbien bombardierte, war es eine ganz andere Sache. Der Krieg kam von aussen. Ich hatte ein anderes Gefühl. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich eine Schuld hatte, weil ich schwieg und nicht protestierte. Dieser Krieg kam wie ein Schicksal. Ich konnte nichts machen. Ich hatte ein Gefühl der Ohnmacht, was mir im Grunde mehr entspricht als die Aktivität. Aktivität ist mir fremd, nicht nur im Krieg, auch im gewöhnlichen Leben. Ich habe es jedoch für eine Dummheit gehalten, Jugoslawien zu bombardieren. Das Regime wurde dadurch gestärkt, nicht geschwächt.

Wurde Slobodan Milosevic durch die Bombardierung nicht gezwungen, die ethnische Säuberung in Kosovo zu stoppen?

Es gab keine ethnische Säuberung, bevor die Nato Jugoslawien bombardierte. Es gab einen ethnischen Konflikt. Die Albaner wollten eine Republik, was an sich unlogisch ist. Schliesslich existiert schon der Staat Albanien. Warum soll es also eine albanische Republik in einem anderen Land geben? Das Problem war jedoch, dass der jugoslawische Staat seine Pflicht in Kosovo nicht getan hat. Er hat den Konflikt nicht gelöst. Doch das ist kein Grund, ein Land zu bombardieren.

Der Krieg hat also, wie Sie in Ihren Büchern schreiben, die Bestie im Menschen erst freigemacht?

Ja, der Krieg ist schuld an der Bestialität der Menschen.

Ist Kosovo für Jugoslawien verloren?

Es ist verloren als einheitlicher Teil Serbiens. Es muss entweder wie früher eine Autonomie gewinnen, oder es wird eine unabhängige Republik oder ein separater Staat. Alles ist möglich. Sicher ist nur, dass die Zukunft Kosovos nicht so sein wird, wie Milosevic sie sich vorstellt.

Als junger Student haben Sie sehnlichst gewünscht, ins Ausland zu gehen. Mehrmals haben Sie erfolglos um ein Stipendium für Frankreich ersucht. Erst 1957 konnten Sie dann erstmals ins Ausland reisen. Gehen Sie auch heute noch gerne in die Fremde?

Ja, dieser Wunsch ist geblieben, weil es ein sehr persönlicher Wunsch ist. Wenn ich in die Fremde gehe, löse ich mich auf, verliere ich den Bezug zu Novi Sad, zu meiner Familie, zur serbischen oder jüdischen Herkunft. Der Wunsch, mich von jeglichen Bindungen zu befreien, irgendwohin zu gehen, wo nichts von mir erwartet wird und ich von mir selbst befreit bin, treibt mich in die Fremde. Ich bin, was meine Gedanken und Handlungen betrifft, sehr unsicher. Wenn ich etwas mache, habe ich danach stets das Gefühl, dass ich es nicht gut gemacht habe. Sobald ich hingegen an einen fremden Ort gehe, löse ich mich von diesem Gefühl der Falschheit und Verlogenheit. Das ist gut.

Ist das mit ein Grund, warum Sie zur politischen Situation in Ihrem Lande nicht öffentlich Stellung genommen haben?

Ja, das ist der Grund. Ich bin unsicher. Ich weiss nicht, was richtig und falsch ist. Ich bin persönlich auch zu wenig informiert. Es interessiert mich nicht. Mein Interesse ist nicht menschlicher, sondern theoretischer und künstlerischer Natur. Zudem beinhaltet jedes Engagement auch ein Risiko. Man kann sein eigenes Leben, aber auch dasjenige der Kinder in Gefahr bringen.

Möchten Sie dieses Risiko nicht auf sich nehmen?

Nein, ich möchte es nicht.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Sie als Musiker in der jugoslawischen Befreiungsarmee eingesetzt. Spielen Sie ein Instrument?

Ich war ein Musiker, der nicht spielen konnte. Ich wurde einem Orchester in Novi Sad zugeteilt. Doch schon bald musste ich das Orchester verlassen, weil ich kein Instrument spielen konnte. Danach war ich in der Post tätig und später für die Postzensur der ungarischen und deutschen Briefe zuständig. Alles friedliche Beschäftigungen. Ich habe nicht geschossen und keinen Menschen getötet, was noch heute eine grosse Genugtuung für mich ist. Würde man mich heute wieder in die Armee einberufen, würde ich wieder versuchen, in einer Kapelle zu spielen. Ich bin ein Feigling.

Nach dem Krieg waren Sie dann als Journalist tätig.

Dabei ging es nur um die materielle Existenz. Ich hatte keinerlei journalistische Ambitionen. Mein Vater war Kaufmann in Novi Sad. Als man ihm die Firma wegnahm, musste ich Geld verdienen, um leben zu können. Einer meiner ehemaligen Professoren war Redaktor bei der hiesigen Zeitung und bot mir einen Job als Journalist an. Ich war zunächst Korrespondent in Sremska Mitrovica, dann in Subotica. Schliesslich nahm man mich in die Redaktion in Novi Sad auf. Ich schrieb über Kolonisationen, Agrarreformen, Konfiskationen grosser Güter, Eröffnungen von Schulen, über Gerichtsfälle, über Konferenzen, Feiertage, einfach über alles, was geschah. Eine Zeit lang hatte ich sogar meine eigene Rubrik. Das war komisch. Weil Jugoslawien 1948 mit der Sowjetunion in Konflikt kam, wollte unser Regime zeigen, dass auch in Jugoslawien wahrer Sozialismus herrschte. So musste ich zweimal pro Woche in der Rubrik «Aus der sowjetischen Union» schreiben, was dort Positives passierte, und Berichte aus sowjetischen Zeitungen übersetzen. Das war eine sehr angenehme Arbeit, weil ich nicht viel nachdenken musste.

Sie haben einmal gesagt, Worte haben keine Kraft. Haben Sie als Journalist oder als Schriftsteller gesprochen?

Sowohl als auch. Worte sind für mich nichts anderes als eine Form des Trostes. Sind sie schön und klug, können sie trösten und Genuss verschaffen – wie das Essen, die Liebe, die Luft, der Spaziergang in der Natur. Ich glaube nicht daran, dass Worte den Menschen ändern können. Der Mensch hat seine Richtung gewählt und sucht in den Worten bloss Bestätigung. Er kann durch Worte weder verbessert noch verschlimmert werden.

Milosevic müsste demnach die freie Presse nicht fürchten?

Nein. Er geht mit der Presse dumm um. So wie er vieles dumm macht. Er ist ein dummer Mensch.

Erleben Sie den Alltag unter dem Regime Milosevics ähnlich wie unter dem Regime Titos?

Im Grunde ja, aber es gibt einen grossen Unterschied. Tito war ein talentierter Mensch. Milosevic ist nicht talentiert. Tito hat aus seinem Regime einen Erfolg gemacht. Milosevic führt Kriege, die eine Schweinerei sind und verloren werden.

Zumindest ein Talent scheint Milosevic jedoch zu haben. Er spielt sehr gut mit den verletzten Nationalgefühlen der Serben.

Er ist ein geschickter Opportunist. Er hat sich angepasst. Als die separatistischen Bewegungen begannen, sah er darin eine Möglichkeit, an der Macht zu bleiben. Dazu muss man allerdings nicht sehr klug sein. Es war offensichtlich.

Warum hat die Opposition keine Möglichkeit, an die Macht zu kommen?

Die Opposition hat keinen Menschen, keine Figur, nicht einmal einen Milosevic, nicht einmal einen, der sich anpasst. Leider. Es ist traurig. Zoran Djindjic ist keine Führerperson. Er ist zu schwach. Vesna Pesic, die einzige Frau in der Opposition, war die Einzige, die Kraft hatte, aber sie hat sich zurückgezogen.

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