17.10.2002

Im Zug durch die geteilte Provinz

Nach den Bombardements von 1999 wurde die einstige Vielvölkerprovinz Kosovo ethnisch zwar nicht gesäubert, aber streng getrennt.

Von Jean-Arnault Dérens

Zweimal täglich verbindet ein wackliger Zug, markiert mit Emblemen von Nato und der Uno-Mission in Kosovo (Unmik), die kleine serbische Stadt Zvecan im Norden Kosovos mit serbischen Enklaven, die im Zentrum der Provinz liegen. Für die serbischen Bewohner dieser Dörfer bedeutet dieser Zug praktisch die einzige Verbindung mit der Aussenwelt.
Nada ist mit ihrer fünfjährigen Enkelin unterwegs, die ins südserbische Kraljevo geflüchtet ist und eben eine Woche «Ferien» im Kosovo verbracht hat. Der Zug wird von griechischen Soldaten bewacht, wird aber häufig von Albanern mit Steinen beworfen. Nada hat Mühe, sich im Zugsabteil niederzulassen – die Sitze sind aufgeschnitten und der Boden mit Zigarettenstummeln übersät. «Wir reisen wie Vieh, die Serben sind zu den Juden Europas geworden», sagt Nada. Früher besassen sie und ihr Gatte ein hübsches Haus in der Nähe des Flughafens von Pristina. Es wurde durch die Nato-Bombardierungen im Frühling 1999 zerstört, «und danach haben Albaner alles, was noch Wert hatte, geplündert». Das Ehepaar überlebt seither in einer Wohnung im serbischen Getto von Kosovo Polje/Fushë Kosovë, einer «gemischten» Gemeinde ausserhalb von Pristina, wo serbischer und albanischer Stadtteil jedoch völlig getrennt sind. «Früher hatten wir ein Haus und Hühner, ein Schwein und eine Kuh», betet die Enkelin herunter, die das verlorene Paradies selber nicht gesehen hat. Grossmutter Nada seufzt: «Wir sind uns der Katastrophe, die wir erlitten haben, noch gar nicht richtig bewusst.»
In Priluzje/Prilluzhë, einer wichtigen Enklave, in der über 2000 SerbInnen und Roma wohnen, bedeutet die Ankunft des Zuges jeden Tag ein Ereignis. Seit 1999 sind praktisch alle Enklaven ohne Telefonverbindung, sodass sich Neuigkeiten nur über die Reisenden verbreiten. Geschäfte wickeln sich zwischen Passagieren und BewohnerInnen ab. Der Zeitungsverkäufer aus Zvecan steigt mit dem Rest Zeitungen aus, die er nicht im Zug verkaufen konnte. Heute erreichen die Belgrader Zeitungen Priluzje/Prilluzhë um zehn Uhr.

Spiessrutenlauf ins eigene Quartier

Die Gesichter der Passagiere werden angespannter, je näher Kosovo Polje/Fushë Kosovë rückt. Eine letzte Hürde steht den serbischen Reisenden bevor: der Weg zum serbischen Quartier, das einige hundert Meter vom Bahnhof entfernt liegt. Keine internationale Militäreskorte ist dafür vorgesehen. «Zu Fuss muss man rasch marschieren, ohne anzuhalten und ohne je auf die Beschimpfungen zu reagieren», erklärt Dragan, ein arbeitsloser Lehrer.
Bereits ab Zvecan wurde ein Bahnwagen von den griechischen Soldaten sorgfältig isoliert: Darin waren albanische Reisende unterwegs. In Kosovo Polje/Fushë Kosovë ändert sich die Situation: Im «Waggon der Parias» sitzen nun die wenigen SerbInnen, welche die Reise bis nach Ljipljane/Lipjan und Urosevac/Ferizaj fortsetzen, während die restlichen Wagen von AlbanerInnen belegt werden. Die italienischen Soldaten, welche den Zug führten, überlassen ihren Platz albanischen Kondukteuren. «Jetzt wird der Zug fast zu einem normalen Zug», sagt Unteroffizier Mario. «Die Fahrt wird nur gefährlich, wenn wir die serbischen Enklaven durchfahren. Nicht selten, vor allem bei Nebel, finden wir kaputte Autos auf den Schienen.»
Zwei Stunden später kommt der Zug aus Urosevac zurück, um in Richtung Zvecan zurückzufahren. Drei junge Roma lassen sich in einem Abteil nieder, das daher von allen serbischen Passagieren gemieden wird. «Für einen Roma ist die Rechnung schnell gemacht: Du bist sowohl für Serben wie für Albaner nichts anderes als ein dreckiger Zigeuner», sagt Beki, der sich wütend über die Passivität der internationalen Truppen beklagt. «In allen Städten des Kosovo wurden die Quartiere der Roma von den Albanern niedergebrannt und geplündert. Von meinem Haus blieben nur noch die Fundamente übrig. Doch die internationalen Soldaten haben nichts unternommen. Die Albaner sind genauso rassistisch und nationalistisch wie die Serben. Warum stehen die Chefs der Albanischen Befreiungsarmee UCK immer noch nicht in Den Haag vor Gericht?», ärgert er sich und zieht die Schlussfolgerung selber: «Du kannst jederzeit einen Zigeuner umbringen, das wird niemals als ein Verbrechen gegen die Menschheit betrachtet.»

Albanisierung der Türken

Der «Zug der Enklaven» illustriert die im Kosovo vorherrschende ethnische Trennung dramatisch. Gemäss der Volkszählung von 1981 machten die AlbanerInnen 81 Prozent der Bevölkerung der Provinz Kosovo aus, die SerbInnen 10 Prozent, die slawischen MuslimInnen 2,9 Prozent, die Roma 2,2 Prozent, die MontenegrinerInnen 1 Prozent, die TürkInnen 1/2 Prozent und so weiter. Diese multiethnische Realität des Kosovo wurde zerbrochen. «Zu lange hat der Westen der albanischen Propaganda geglaubt, wonach im Kosovo nur albanische ZivilistInnen und serbische PolizistInnen lebten», klagt Pater Sava Janjic, Mönch im serbischen Kloster von Visoki Decani. Wie andere orthodoxe Heiligtümer wird das im 14. Jahrhundert erbaute Kloster von internationalen Soldaten und Panzern scharf bewacht. Laut der serbisch-orthodoxen Kirche wurden seit Juni 1999 über hundert religiöse Stätten beschädigt oder völlig zerstört.
Seit Juni 1999 hat sich die Gewalt der albanischen Extremisten nicht nur gegen die SerbInnen, sondern auch gegen die Roma und die slawischen MuslimInnen gerichtet. Die TürkInnen konnten sich davor oft nur retten, indem sie sich «albanisierten». Tatsächlich wiederholen die albanischen NationalistInnen immer wieder, dass die türkischsprachigen BewohnerInnen des Kosovo – sie waren meist dreisprachig und funktionierten als Vermittler zwischen den albanischen und serbischen Gemeinschaften – eigentlich nichts anderes als Albaner seien, die ihre nationale Identität «verleugneten».
Öffentlich verurteilen die albanischen PolitikerInnen die Gewalt und bezeichnen sie als Ausdruck von «Extremismus» oder als Racheakte von Einzeltätern. Mehrfach hat die albanische Presse sogar behauptet, die antiserbischen Verbrechen seien von mysteriösen «Belgrader Agenten» begangen worden, um sie dann der albanischen Bevölkerung anzulasten. Diese Vorwürfe wurden nie bewiesen, aber die internationale Polizei hat keine Untersuchung über solche Gewalttaten zu Ende geführt. Frühere UCK-Kämpfer, die in den letzten drei Jahren verhaftet wurden, hatten sich wegen Gewalttaten zu verantworten, die nichts mit interethnischen Konflikten zu tun hatten. Diese Untätigkeit von Polizei und Justiz ist idealer Nährboden für die unwahrscheinlichsten Theorien, die auf grosses Echo stossen.
Generell dementiert die albanische Öffentlichkeit geschlossen eine Rache in Form von ethnischer Säuberung mit umgekehrten Vorzeichen. Nur der Publizist Veton Surroi, Herausgeber der Tageszeitung «Koha Ditorë», hat früh «die Schande des albanischen Faschismus» angeklagt, doch seine eigene Zeitung hütet sich davor, über Gewaltakte gegen ethnische Minderheiten eingehender zu recherchieren. Auch die albanischen Menschenrechtsorganisationen verharren in dieser Sache in Schweigen.
Die Möglichkeit eines gemeinschaftlichen Lebens mit den SerbInnen wollen die «gemässigten» AlbanerInnen in Pristina nicht weit von sich weisen, nennen aber unverzüglich strenge Einschränkungen. Azem, ein sechzigjähriger Bewohner Pristinas, meint: «Jene Serben, die keine Verbrechen begangen haben und die nicht mit dem Milosevic-Regime zusammengearbeitet haben, können in den Kosovo zurückkehren – nicht aber die andern, sie werden nie willkommen sein.» Dies ist eine radikale Eingrenzung, denn es gab im Kosovo kaum eine serbische Familie, von der nicht mindestens ein Mitglied im Staatsdienst, meistens bei der Polizei, stand. Das heisst nicht, dass alle SerbInnen in repressive Handlungen des Regimes von Slobodan Milosevic verwickelt waren, doch besteht die Tragödie der Kosovo-Serben darin, dass sie sich nie klar von diesem Regime distanziert haben.

Serbische Dörfer ohne Strom

Rückführungsversuche von vertriebenen SerbInnen in den Kosovo blieben sehr beschränkt. Das Pilotprojekt des Dorfes Osojan im Norden des Kosovo war von kurzer Dauer. Das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR organisierte ab Sommer 2001 die Rückkehr von mehreren Dutzend Familien in diesen Ort, der vor 1999 ausschliesslich von SerbInnen bewohnt war. Mit europäischem Geld wurden Häuser und die Dorfschule wiederaufgebaut, doch verfügen die EinwohnerInnen weder über Wasser noch über Strom und finden vor allem keine Arbeit: Das Dorf bildet eine weitere Enklave, die von internationalen Soldaten streng bewacht wird. Nichtstaatliche Organisationen, die sich mit Rückkehrprojekten befassen, versuchen die Bildung solcher neuer Enklaven zu verhindern, doch bleibt jede Rückkehr von SerbInnen in ihre Städte unmöglich, und Gebiete, in denen ein multiethnisches Zusammenleben wieder möglich ist, sind allzu rar.
Seit einem Jahr werden wichtige Schritte unternommen, um die Kosovo-Serben in das politische Leben der Provinz zu integrieren. Die «Koalition für die Rückkehr» (Povratak) beteiligte sich in diesem Sinn an den Legislativ-Wahlen vom November 2001 und erhielt 22 von 120 Mandaten im neuen Provinzparlament. An der Eröffnungssitzung der Versammlung hielt die Sprecherin der serbischen Fraktion, Rada Trajkovic, ein Plädoyer für gegenseitige Toleranz und rief ihren Ratskollegen zu: «Lasst uns von unserem ‘Kosovo und Metohija’ reden, und wir lassen euch von eurem ‘Kosova’ reden», in Anspielung auf den serbischen und albanischen Namen der Provinz. Einige Monate später, im vergangenen Juli, hat Parlamentspräsident Nexhat Daci dennoch den serbischen Abgeordneten verboten, die Form «Kosovo und Metohija» zu verwenden, worauf diese den Rat verliessen – die Unmik-Beamten riefen Daci nicht zur Ordnung.
Die sehr zerbrechliche Integration der serbischen Vertreter in das politische Leben des Kosovo wurde durch die neue Haltung Belgrads nach dem dortigen Regierungswechsel deutlich erleichtert. Nebojsa Covic, Vize-Premierminister der Regierung Serbiens und deren Beauftragter für den Kosovo, versucht eine Lösung voranzutreiben, die vor allem auf der ungeteilten Respektierung der Uno-Resolution 1244, welche eine «substanzielle Autonomie» für den Kosovo vorsieht, aber immer innerhalb der Souveränität Jugoslawiens über das Territorium.

Radikales Pulverfass

Covic insistiert insbesondere auf der Rückkehr der Vertriebenen und konnte im vergangenen Jahr einige Erfolge erzielen, vor allem, dass er die internationale Administration dazu brachte, diese Rückkehr als vordringlich zu erklären. Das Fehlen von spürbaren Fortschritten in diesem Bereich verstärkt jedoch das Lager der Radikalen. Diese sind mit Nebojsa Covics Vorgehen nicht einverstanden und lehnen eine Beteiligung der Serben an den von der internationalen Verwaltung eingerichteten Institutionen ab. Diese Radikalen haben ihre Bastion in Kosovska Mitrovica/
Mitrovice und werden von Doktor Marko Kaksic angeführt. Er ist offiziell Abgeordneter für die Partei von Präsident Vojislav Kostunica. Der serbische Teil der Stadt Mitrovica ist immer noch ein eigentliches Pulverfass, das von Demagogen jeglicher Ausrichtung jederzeit und bei geringstem Anlass zur Explosion gebracht werden kann – umso mehr, als sich dort politische Netze mit jenen der Mafia überschneiden, die den Handel mit Serbien und den Geldtransfer von Belgrad in Richtung der Kosovo-Serben kontrolliert.
Die Unmik-Versprechen für eine baldige Rückkehr werden je länger, desto unglaubwürdiger. Das Komitee der serbischen Vertriebenen hatte auf den 21. September einen grossen Marsch für die Rückkehr der Vertriebenen nach Kosovo angekündigt. Er hätte leicht zu einer Kraftprobe mit der internationalen Verwaltung werden können. Auf Druck von Belgrad wurde der Marsch im letzten Moment abgesagt, doch die Behörden können die Wut und die Verzweiflung der rund 200 000 Kosovovertriebenen wohl kaum mehr lange zügeln. Politisch stossen die echten Bemühungen von serbischen FührerInnen im Kosovo wie Rada Trajkovic an eine Mauer. Die albanischen Parteien, radikale wie gemässigte, machen gemeinsame Front in der Frage der Rückkehr von Vertriebenen und der Beziehungen mit den Serben im Kosovo.

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