09.12.1999

Wo sind die vielen Leichen?

Von John Pilger

Auch über den Kosovo gibt es die schnellen Meldungen und die langsamen. Was schnelle Meldungen sind, erleben wir in diesen Tagen: Der OSZE-Bericht über die serbischen Gräueltaten steht in allen Schlagzeilen. Die langsamen Meldungen sind dagegen Nachrichten, die ignoriert oder klein geschrieben werden. Langsame Meldungen sind eine höchst wirksame, aber weitgehend unerkannte Form der Zensur in demokratischen Gesellschaften. Die Vertreibung und Terrorisierung von 240 000 SerbInnen und Angehörigen anderer Minderheiten aus dem Kosovo, seit dort die Nato das Kommando übernommen hat, weckte bisher nur wenig Medieninteresse. Wen kümmern schon die Roma, von den dämonisierten SerbInnen ganz zu schweigen?
Noch langsamer sind die Meldungen über die Gewalttaten, die zur Rechtfertigung des Nato-Bombardements herangezogen wurden, das mehrere tausend kosovo-albanische und serbische Zivilisten tötete und verstümmelte, die Umwelt verheerte und die Wirtschaft ruinierte. Die Nato habe diese Zerstörung vornehmen müssen, so der frühere britische Verteidigungsminister und heutige Nato-Generalsekretär George Robertson, «um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden» und ein Regime zu stoppen, «das einen Völkermord beabsichtigt». Das Schlagwort vom Völkermord wurde vielfach wiederholt. Auch Bill Clinton sprach immer wieder vom «beabsichtigten, systematischen Völkermord».
Sein Verteidigungsminister William Cohen wusste, dass «rund 100 000 Männer im Militärdienstalter vermisst werden … vielleicht wurden sie ermordet». Geoffrey Hoon, Staatssekretär im britischen Aussenministerium, bezifferte die Zahl der albanischen Toten auf 10 000 und fügte hinzu: «Die tatsächliche Zahl liegt möglicherweise viel höher.» Nur zu: Es werden «zwischen 225 000 und 400 000» Albaner vermisst, hiess es kurz darauf unter Berufung wieder auf US-Regierungskreise.
In den letzten Wochen sind nun unangenehme Fragen hinsichtlich dieses Propagandakriegs aufgetaucht. Es sieht ganz danach aus, dass trotz aller Anstrengungen – keine Gegend dieser Welt wurde je so intensiv mit allen forensischen Mitteln erforscht – bisher kein Beleg für einen Massenmord im behaupteten Ausmass gefunden wurde. Emilio Perez Pujol, Chef einer spanischen Untersuchungskommission, die dem Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal zuarbeitet, schätzt die Zahl der Getöteten auf 2500. «Ich habe meine Leute zusammengerufen und denen gesagt, dass wir hier fertig seien», erläuterte er in einem Interview mit «El País». «Ich habe meine Regierung informiert und der die Verhältnisse erläutert. Wir haben bisher 187 Leichen gefunden.» Pujol beklagte, dass er und seine KollegInnen Teil einer «semantischen Pirouette der Kriegspropaganda» wurden: «Wir haben nicht ein einziges Massengrab gefunden.»

Das FBI hat an dreissig Stellen zweihundert Leichen entdeckt. Bisher war man davon ausgegangen, dass in einem Massengrab beim Dorf Ljubenic zweihundert Leichen verscharrt wurden. Sieben wurden gefunden. Bis Mitte November haben zwanzig Untersuchungsteams 670 Leichname entdeckt. Aufschlussreich ist auch die Mitte Oktober vom Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal bestätigte Tatsache, dass die Blei- und Zinkmine von Trepca keine Leichen enthält. Trepca war Ort besonders intensiver Nachforschungen gewesen, da man hier die Überreste von 700 ermordeten Albanern vermutet hatte. Anfang Juli ging die Beobachtung des ehemaligen Bergarbeiters Hakif Isufi durch die Weltpresse. Er wollte in der Nacht des 4. Juli gesehen haben, wie von mehreren Dutzend Lastwagen schwere Bündel bei der Mine abgeladen wurden. Er wisse aber nicht genau, was das für Bündel gewesen seien. Der britische «Mirror» wusste es umso besser: «Hakif sah eine der verabscheuungswürdigsten Handlungen im Krieg des Slobodan Milosevic: die massenhafte Beseitigung exekutierter Leichname. Die Ermittler gegen Kriegsverbrechen fürchten, dass bis zu tausend Leichen in Auschwitz-ähnlichen Öfen verbrannt und ihre Überreste im Gewirr der Schächte und Stollen verteilt wurden.»
All das war falsch.
Das heisst nicht, dass nicht doch eines Tages Belege für den Mord an vielleicht 10 000 Menschen auftauchen werden; bisher wurden weniger als die Hälfte der vierhundert «Orte des Verbrechens» untersucht. Dennoch entsteht allmählich ein Bild von Wahrheit und Propaganda. Die bisher bestätigte Zahl der Toten legt die Vermutung nahe, dass das Nato-Bombardement eine Welle willkürlicher Brutalität, Morde und Vertreibungen auslöste; von der Willkür zu systematischer Exterminierung und Völkermord ist es jedoch ein weiter Weg. Auch andere in den Medien verbreitete Meldungen von Gräueln wie die Vergewaltigungslager oder die spurlos verschwundenen Männer entpuppten sich als Fiktion.
Richard Munz, Arzt des mazedonischen Flüchtlingslagers Stenkovac, berichtete am 18. Juni gegenüber der konservativen Tageszeitung «Die Welt»: «Der grösste Teil der Medienvertreter hat hier eine Story gesucht oder nach Belegen für eine Story, die er vorher schon hatte ... (Aber) wir hatten in der ganzen Zeit, die wir hier sind, keinen Fall einer vergewaltigten Frau. Und wir sind ingesamt für 60 000 Flüchtlinge zuständig.» Und zu den «verschwundenen» Männern berichtet Munz von den Journalisten, «die nicht wahrnehmen wollte(n) oder konnte(n), dass in unseren Flüchtlingslagern die Männer im wehrfähigen Alter die Mehrheit stellten.»
Das heisst natürlich nicht, dass es keine Vergewaltigung gegeben hat und keine jungen Männer ermordet wurden. Niemand bezweifelt die Grausamkeit des Milosevic-Regimes, aber Vergleiche mit dem Dritten Reich sind einfach lächerlich.
Doch von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben nicht ReporterInnen, sondern PropagandistInnen über die Tragödie im Kosovo berichtet. Einige britische Journalisten haben sogar offen zugegeben, dass ihnen – und nicht Tony Blairs Pressesprecher – der Verdienst zukomme, die Sache der Regierung vertreten zu haben. Die verbotene Frage wurde letzte Woche von einem beunruhigten Andrew Alexander in der «Daily Mail» gestellt. «Könnte es sein», fragte er, «dass wir mehr unschuldige Zivilisten getötet haben als die Serben?»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch