Nr. 09/2005 vom 03.03.2005

Selig im Weiberhimmel

Freundschaften zwischen Frauen sind fragil und gleichzeitig ungeheuer zäh - immer wieder bedroht durch den Störfaktor Mann und durch Konkurrenz.

Von Nina Seiler

«Eine beste Freundin, darauf möchte keine Frau verzichten. Schliesslich kann man mit ihr stundenlang telefonieren, Kaffee trinken und einkaufen gehen (...). Bei ihr kann man sich ausheulen, wenn man Liebeskummer hat, und man kann mit ihr über alles reden. Sie hört immer zu und hält zu einem, ganz egal, was passiert.» (Werbetext zur Piper-Taschenbuch-Anthologie «Meine beste Freundin. Die schönsten Geschichten», herausgegeben von Annika Krummacher.)

Wichtiger als Sex

Beim Eintauchen in ein so populäres und gleichzeitig intimes Thema wie Frauenfreundschaft ist die Gefahr gross, in die zahlreich vorhandenen Klischeefettnäpfchen zu stolpern, zumal frau bei entsprechenden Recherchen ziemlich schnell auf dem süsslich parfümierten Monokulturfeld der Frauenzeitschriften landet. Immerhin lässt sich da in Erfahrung bringen, dass laut einer von der Zeitschrift «Madame» in Auftrag gegebenen Umfrage unter tausend Frauen zwischen zwanzig und fünfzig für eine knappe Mehrheit eine beste Freundin wichtiger sei als ein erfülltes Sexleben (am besten beides, kann ich mir da nicht verkneifen anzumerken). Kitsch hin oder her - die beste Freundin ist tatsächlich eine unabdingbare Konstante im Leben - ein Leben ohne das Wissen, dass sie da ist, wäre trüb und traurig. Als ich vor bald zehn Jahren meine beste Freundin fand, geschah das mit einer wundersam unmerklichen und nachhaltigen Selbstverständlichkeit. Seither gibt es für mich jenseits von Liebespartner und Familie eine einzigartige emotionale Heimat. Meine allerliebste Freundin ist eine, deren Kritik ich mir zu Herzen nehme wie die der eigenen Schwester, und ihre herzliche Loyalität - ungeachtet aller meiner Macken - rührt und beeindruckt mich immer wieder. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes um die Freundinnenschaft.

Wie war das früher? Da sind verschwommene Erinnerungen an eine frühkindliche Zeit, in der Geschlechtsunterschiede noch nicht zu dominieren schienen, dann die Sandkastenfreundinnen und -freunde, die vorpubertäre Buben-sind-blöd-Phase zusammen mit dem aufkeimenden Interesse an Sexualität, und dann Mobbing, Intrigen und Imponiergehabe im Gymnasium. Ich erlebte mich damals als hässliches Entlein, und die Zuneigung zur besten Freundin enthielt immer auch Neid und Bewunderung, weil sie bei den Buben beliebter war als ich. Und dann kam «Sisterhood is powerful». Diesen Spruch liebten wir jungen Frauen um die zwanzig, aber lebten wir auch danach? Manchmal schon, aber niemals konsequent, weil sich damals der Störfaktor Mann mit aller Macht in unsere Freundinnenwelt schob - offenbar eine ständig vorhandene Gewitterwolke am Horizont des seligen Weiberhimmels. Schon Eva und Lilith konkurrierten um Adam und verpassten so die Gelegenheit, sich gemeinsam gegen diesen ersten Macker zu wehren. Sehr viele Heterofrauen kennen wohl das zum Glück meist nur temporäre Drittes-Rad-am-Wagen-Gefühl, wenn die Freundin mal wieder frisch verliebt ist. Dass Frauenfreundschaft und Frauensolidarität als reine Naturgegebenheiten ein Mythos sind und Frauen mit ihrem schwierigen Verhältnis zueinander und zur Weiblichkeit auch zur eigenen Unterdrückung beitragen können, lässt sich nicht bestreiten.

Stutenbissigkeit

Die Klagelieder über die Konkurrenz unter Frauen begleiten unvermeidlich die Lobeshymnen über Freundinnenschaft. Auch die einschlägigen Buchtitel zeigen die ewige Ambivalenz «Blöde Kuh!», «Freundinnen und andere Biester», «Bitter und süss. Frauenfeindschaft - Frauenfreundschaft», «Beste Freundin, beste Feindin» und so weiter. Auch der heutzutage grassierende Ratgeberboom macht vor den Freundinnen nicht Halt: mit «sofort umsetzbaren Verhaltenstipps und -übungen (allein oder zu zweit)», etwa für einen «24-Stunden-Intensiv-Freundinnentag».

Was meine Freundin spontan als Stutenbissigkeit bezeichnet (ein Wort, das ich nicht kannte), ist in vielen Internetdiskussionsforen sowie - wen wunderts - in Betriebsklimaverbesserungs-Seminaren ein Thema. Die Verwendung des Begriffs Stutenbissigkeit ist jedoch nicht unproblematisch, weil er - wie die Bloggerin Daniela Oerter einsichtig bemerkt - der anderen Frau das Recht auf Aggressivität und Kampf abspricht, um sie gleichzeitig selbst hinterrücks anzugreifen. Konkurrenz, wohl die Haupttriebfeder so mancher Frauenzerwürfnisse - Lügen, Untreue, Vertrauensbrüche und Verrat sind nur ihre Symptome - gewinnt im gnadenlosen Wettbewerb des Postspätkapitalismus als Konfliktpotenzial an Gewicht, und das hat nachhaltig negative Auswirkungen nicht nur auf Männer- oder Frauenfreundschaften, sondern auf alle menschlichen Beziehungen.

Übermütige Sisterhood

Irgendwo las ich einmal den hämischen Kommentar eines Mannes, in der chinesischen Schrift setze sich das Zeichen für Lärm aus der dreimaligen Wiederholung des Zeichens für Frau zusammen. Doch was solls? Wenn wir viele und wenn wir laut sind, sind wir zusammen stark - damals wie heute.

Oh süsse Erinnerung an die violett verklärte Euphorie des nationalen Frauenstreiks von 1991! Und nie werde ich vergessen, wie ich einst mit zwei Freundinnen ein finsteres Striplokal im Zürcher Niederdorf heimsuchte, wie die anwesenden Männer flugs zu dumpfbackigen Elendshaufen mutierten und wie stark und unangreifbar wir waren in unserer übermütigen Sisterhood. Es stimmt, dass eines der zentralen Elemente weiblicher Freundschaft das viele und manchmal auch laute Reden ist, doch trotz aller Intimität gibt es auch zwischen besten Freundinnen tabuisierte Themen und gut gehütete Geheimnisse, die frau einander manchmal erst nach Jahren enthüllt.

Freundschaften unter Frauen sind seit der Mitte der siebziger Jahre ein Thema der feministischen Forschung: von den historischen und literarischen Zeugnissen «weiblicher Bündnisse» im späten 19. Jahrhundert bis hin zu den Riot-Grrrls und deren domestizierter Version, den Girlies, und weiter in unsere heterogene postfeministische Gegenwart mit ihren verwirrend komplexen Genderstudies. Freundschaft - ob zwischen Mann oder Frau - entzieht sich stärker als Liebe einer einheitlichen Theoretisierung und ist auch schwer konventionalisierbar, weil sie (laut Niklas Luhmann) anders als die Liebe keinen eigenen Code zur Verfügung hat, sondern in männlicher wie weiblicher Form auf Entlehnungen beim Liebescode angewiesen ist. Als geistiges und emotionales Band ist sie jedenfalls gleichzeitig fragil und ungeheuer zäh, voll Intensität und Spannung, bleibt letztlich unfassbar - und etwas vom Lebendigsten im Leben.

«Briefe an die beste Freundin»
Die Jugendfreundinnen Alice Schwarzer und Barbara Maia erzählen in diesem nach ihrer Wiederbegegnung spontan entstandenen «Briefroman» die exemplarische Geschichte ihrer sechs Jahre dauernden innigen Mädchenfreundschaft, die mit einem schmerzhaften Bruch endete, werfen einander kommentierend und korrigierend kleine und grosse Bälle der Erinnerung zu und vollziehen gleichzeitig nach vierzig Jahren eine Wiederannäherung im Hier und Jetzt. Vor allem zu Beginn fesselt der Briefwechsel durch seine atmosphärische Dichte - der Mief des Klassenzimmers im Wuppertal der späten fünfziger Jahre ist beim Lesen fast physisch spürbar - und vermittelt zusammen mit den eingestreuten Fotos von damals auch ein Stück Zeitgeschichte. Die Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung wird dabei ebenso deutlich wie die unterschiedlichen Herkunftsmilieus oder die schwierigen Mutterbeziehungen der beiden Freundinnen. Dass am Ende ein Mann der Auslöser für die Entfremdung war, kommt nicht überraschend. Doch mit der Zeit werden die locker-flockig hingeschriebenen Briefe zunehmend geschwätzig, zuweilen auch furchtbar bildungsbeflissen, und rutschen - etwa in einigen Kommentaren zu dunklen Kapiteln der deutschen Vergangenheit - ins Trivial-Banale ab. Der ausschweifende und fiktionale Erzählstil wirkt aufgesetzt und lässt den ärgerlichen Eindruck entstehen, die Briefe seien von Anfang an bewusst auf eine Veröffentlichung hin geschrieben worden. Doch immerhin kommt beim Lesen durchaus die Lust auf, die eigenen verlorenen Freundinnengeschichten aufzuspüren - Schwarzers «Emma» hat bereits eine LeserInnenaktion gestartet - und allein schon deshalb hat dieses Buch seine Berechtigung.

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