Nr. 44/2005 vom 03.11.2005

Die Gefahr des Denkens

Die Reaktionen auf «Das Fell der Forelle» sind vorhersehbar: Die einen ergötzen sich an der sublimen Erzählkunst, die anderen ärgern sich über das penetrante Vortragen des längst Bekannten.

Von Fredi Lerch

Man könnte sich fragen, ob den Schriftsteller Paul Nizon langsam das Schicksal des Komponisten Antonio Vivaldi ereilt, dem nachgesagt wird, er habe nicht fünfhundert Konzerte geschrieben, sondern fünfhundert Mal das gleiche Konzert. Gleichermassen beiden Künstlern genügen einige altbewährte Motive, um der eigenen Kunst ein neues Stück hinzuzufügen. Und weil die beiden über ein unbestreitbar robustes Handwerk verfügen, rattern diese Motive jeweils tatsächlich in gefälligen Sequenzfolgen herunter. Wie bei Vivaldi wirkt das allerdings auf die Dauer auch bei Nizon ein bisschen ermüdend.

Kuss im freien Fall

In seinem neuen Roman, «Das Fell der Forelle», kommt ein Mann namens Frank Stolp nach Paris. Diesem Sohn aus einer Familie von Luftakrobaten hat eine überraschend verstorbene Tante eine kleine Wohnung vermacht. Der Mann wird darin aber nicht heimisch, im Gegenteil: Er zieht ziellos umher, zelebriert die Unbehaustheit und leidet an seiner längst verlorenen «einzigen Liebe», die er «umbrachte», indem er sie «mit Worten metzelte». Daneben lächelt er sich als Geliebte und Putzfrau eine auswechselbare Carmen an und räsoniert ununterbrochen vor sich hin nach der Maxime: «Sinnen ist herrlich, Denken gefährlich.» Mit Vorliebe kreisen seine Gedanken um Forellen in Fellen, die mit Frauen in Pelzmänteln oszillieren, um Flugfische über den Wolken oder um eine Trapeznummer, bei der sich die Münder berühren, bevor sich die Hände erwischen. Schliesslich hebt Stolp in ein undurchdringliches Metapherngestöber ab, das Nizon mehrmals mit dem Begriff «Numen» bedeutungsschwer zu machen versucht - ein Wort, das dunkel auf göttliches Wesen und Walten verweist.

Auffallend sind zuallererst die altbewährten Motive, die diesen Plot bestimmen: Eine Romanfigur namens Stolp hat Paul Nizon in seinen «Journalen» 1973 erstmals skizziert. 1975 nannte er dann einen Roman-Protagonisten «Stolz». Der «Tantenwohnung» begegnet man in «Das Jahr der Liebe» (1981) als «Schachtelzimmer»; hier wie dort ist der Protagonist ein depressiv verstimmter Stadtstreicher, der sich mit Liebschaften über den Verlust einer mutwillig zerstörten grossen Liebe hinwegzutrösten versucht; hier wie dort wird am Schluss der Koffer gepackt - für einen Neuanfang dort, für eine wahnhafte Selbstauflösung hier. Neben Motiven werden zudem alte ästhetische Postulate wiederverwendet. Notierte Nizon 1966: «Nur Passant sein. Nur passieren. Nichts kapieren», so schreibt er nun: «Das Denken war ja noch nie meine Stärke gewesen, wenn schon, dann eher das Sehen, vor allem aber das Laufen, Davonlaufen.»

Es ist nicht neu, dass Nizon in seinen neuen Büchern gewöhnlich nicht viel Neues sagt: Für ihn ist das eigene Leben der ewig wiederverwendbare Stoff, aus dem er seine Bücher fabriziert. Wie Robert Walser schreibe Nizon «das eine und einzige Buch seines Unterwegsseins» (Wend Kässens). Selber hat er sich auch schon als «Autobiografie-Fiktionär» bezeichnet. Gerade letzthin wieder hat er betont, dass er sein Leben immer «als Steinbruch» für seine Bücher verwende, dass er dauernd sein Leben nachschreibe und er selbst seine «eigene Erfindung» sei. Zum Leben gebe es keinen anderen als «den subjektivistischen Zugang» («Berner Zeitung», 20.8.05).

Geführte Begehung

Sein Leben hat Nizon kontinuierlich mit tagebuchartigen Notaten versprachlicht. Unterdessen soll es davon einen Papierberg von 10 000 Seiten geben, an dessen Sichtung sich vor einigen Jahren im Auftrag des Suhrkamp Verlags Wend Kässens gesetzt hat. Sein Auftrag lautete, aus den Papieren vier handliche «Journal»-Bände zu destillieren. Publiziert worden sind unterdessen das «Journal 1961-1972: Die Erstausgabe der Gefühle» (2002) und das «Journal 1973-1979: Das Drehbuch der Liebe» (2004). Zurzeit sitzt Kässens bereits über dem vierten Band, weil das Projekt, wie er gegenüber der WOZ sagt, insofern redimensioniert worden sei, als der bereits 1995 erschienene «Journal»-Band «Die Innenseite des Mantels» als Band III der neuen Edition dienen und Nizons achtziger Jahre abdecken soll.

Kässens betont, von einer «Selbstmythisierung Nizons» könne bei diesem Projekt keine Rede sein. Als Herausgeber sei er in der Auswahl des Materials völlig unabhängig, Nizon lasse sich davon überraschen und schlage höchstens ab und zu eine Ergänzung vor. Nach welchen Kriterien der Herausgeber die chronologisch präsentierten Ausschnitte auswählt, was das weggestrichene Material beinhaltet und aus welchen Gründen es wegfiel, wird in den Bänden nicht ausgewiesen. Bei den «Journal»-Bänden handelt es sich demnach nicht um eine «Selbstmythisierung», sondern um die Nizon-Mythisierung von Wend Kässens. Trotz dieses Vorbehalts sind die beiden bisher erschienenen Bände für das Verständnis des Schriftstellers und Menschen Paul Nizon interessant.

So ist im ersten Band nachzulesen, wie sich Nizons Poetik nicht zuletzt aus dem Ressentiment gegen die «littérature engagée» entwickelt hat, der sich in den sechziger Jahren die Nonkonformisten der Deutschschweiz zunehmend verpflichtet fühlten. Nizon rieb sich insbesondere am Einspruch seiner väterlichen Freunde Max Frisch und Konrad Farner gegen «Canto» (1963). Gerade gegen Farners Kritik, ein Kunstwerk habe «Sicht und Darstellung der Totalität» zu sein, und gegen Frischs Diktum, an «Canto» müsse man die «Arroganz, das durch und durch Unsolidarische, das bis zum Verleumderischen» gehe, übel nehmen, festigte sich Nizons eigene Position. Folgerichtig postulierte er später gegen seine Kritiker, Literatur habe keine «aufklärerische» Aufgabe, keinen Auftrag, «auf die Masse ein[zu]wirken, damit sie vernünftig werde», kein «so genannte[s] Engagement».

Der zweite «Journal»-Band ist hilfreich, um verschiedene wiederkehrende Motive - gerade auch des neuen Romans - in Nizons Leben als autobiografisch festzumachen. In diesem Band zeigt sich der Tagebuchschreiber als ein selbstgerechter und larmoyanter Mann, der sich in einer seltenen Anwandlung von Selbsterkenntnis an einer Stelle fragt: «Bin ich eine Geissel der Frauen?» Der Herausgeber sieht sich im Nachwort zur Bemerkung genötigt, man begegne hier dem «Autor als eine[r] durchaus unsympathische[n] Figur auf einem fragwürdigen Egotrip». Beeindruckend sind diese Aufzeichnungen gerade deshalb, weil sie belegen, dass Nizon damals seine plumpe Macho-Spiessigkeit unbeirrt für den authentischen Ausdruck einer genuin poetischen Existenz hielt. Auch legen sie nahe, dass es falsch wäre, den legendären, 1970 erschienenen «Diskurs in der Enge» dieses Autors als kulturpolitischen Text zu lesen: «Enge» vorzuschieben, um sich aus der Verbindlichkeit zu stehlen, war für Nizon damals sozusagen Routine, ob es um die Rolle des behaftbaren Schriftstellers oder um jene eines verlässlichen Partners ging.

Für einmal im Imperfekt

Unterdessen ist Paul Nizon 75 geworden. Nach wie vor sind seine stilistisch geschliffenen Texte all jenen ein sublimes Vergnügen, die über den Inhalt des Textes hinwegzusehen vermögen, wenn sie ihn als Literatur ästimieren. Beim Roman «Das Fell der Forelle» hat nicht nur der NZZ-Rezensent Roman Bucheli Mühe, das Neue am Text auf den Punkt zu bringen: Er ortet es schliesslich darin, dass dieser nicht mehr - wie frühere Texte Nizons - im Präsens, sondern «im historisierenden Imperfekt» geschrieben sei (13.8.2005). Nizon selber sieht das Neue in «sehr viel Handlung, wenn auch Kleinhandlung» sowie «in den Dialogen». Und all jenen, für die das ein wenig wenig ist, hält er in der «Berner Zeitung» keck entgegen: «Wenn meine Bücher ein Aufkochen des Immergleichen wären, dann wäre es eine Zumutung. Aber das sind sie ja weiss Gott nicht. Schon darum nicht, weil ich mit jedem Buch eine neue Form und Poetik entwickelt habe.» Gerne erführe man zu dieser Behauptung bei Gelegenheit eine Begründung - auch wenn Stolp ein solches Ansinnen vermutlich bereits mit dem gefährlichem Denken in Verbindung bringen würde.

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