Nr. 04/2006 vom 26.01.2006

Emanzipation mit Federvieh

Wie lebte und dachte eine engagierte Bäuerin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Von Urs Hafner

Es ist wohl das merkwürdigste aller helvetischen Paradoxa: Einerseits hat die Schweiz (oder zumindest einige ihrer führenden RepräsentantInnen) im letzten Jahrhundert und bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder ein durch und durch bäuerliches Selbstbild gezeichnet - und damit das aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammende Fremdbild von der idyllischen bukolischen Alpenrepublik übernommen. Andererseits interessiert sie sich kaum für die realen Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Bäuerinnen und Bauern. Das lässt sich nicht zuletzt an der Geschichtswissenschaft ablesen: Bis Ende der achtziger Jahre berücksichtigte sie die Landwirtschaft nur am Rande, und weder im 19. noch im 20. Jahrhundert gab es hierzulande eine Institution, die relevante agrarhistorische Quellen sammelte.

Vermarktbares Brauchtum

Wenigstens Letzteres hat sich im 21. Jahrhundert geändert: Seit vier Jahren kümmert sich das an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft im bernischen Zollikon domizilierte Archiv für Agrargeschichte (AfA) um bäuerliche Geschichte, die natürlich mehr ist als das touristisch vermarktbare «Brauchtum» von anno dazumal: Landwirtschaft ist Landschaftskultivierung und Nahrungsmittelproduktion - und betrifft damit alle, noch immer. Das AfA erschliesst seit bald vier Jahren im gesamten Agrar- und Ernährungsbereich Quellen, vermittelt sie an bereits bestehende Archive und betreibt eine über das Internet abrufbare Datenbank. Geleitet wird es vom streitbaren Berner Agrarhistoriker Peter Moser, der sich vehement gegen den mittlerweile zum Dogma erstarrten, von vielen Medien kolportierten Gemeinplatz wendet, die Bauern seien primär staatlich subventionierte und erfolgreich lobbyierende Berufsjammerer. Nicht die Gesellschaft wurde verbäuerlicht, lautet seine Analyse, sondern die Landwirtschaft wurde vergesellschaftet und modernisiert.

Eine weitere Tätigkeit des AfA ist die Herausgabe der Schriftenreihe «Studien und Quellen zur Agrargeschichte», deren erster Band nun erschienen ist: eine Textsammlung der Waadtländer Bäuerin Augusta Gillabert-Randin (1869-1940), einer prägenden Figur der schweizerischen Frauenbewegung. Gerahmt wird der Band von einer lehrreichen Einleitung Peter Mosers und den Protokollen der von Gillabert-Randin gegründeten Association des Productrices de Moudon; diese erste Bäuerinnenvereinigung der Schweiz wollte die Berufschancen vorab der Bäuerinnen und das Verständnis der nichtbäuerlichen Bevölkerung für die Landwirtschaft verbessern.

Sinnliche Seiten

Die 125 für die Edition ausgewählten, teilweise kolumnenartigen Artikel Augusta Gillabert-Randins, die in der Zwischenkriegszeit in Westschweizer landwirtschaftlichen Fachzeitschriften erschienen, verdeutlichen vorab eines: Noch hatte der Rollback der «geistigen Landesverteidigung» nicht eingesetzt. Wie für viele andere Bäuerinnen auch, war für Gillabert-Randin, deren Eltern im Gewürzhandel tätig waren und die nach der Sekundar- eine Hauswirtschaftsschule besuchte, der Erste Weltkrieg nicht nur eine Zeit der Entbehrung, sondern auch eine Chance: Sie machte die Erfahrung, dass sie den Hof mit (oder trotz) ihren fünf Kindern alleine bewirtschaften konnte - eine Erfahrung, die in ihrem Falle ungleich prägender war, weil ihr Mann bereits 1914 verstarb.

Augusta Gillabert-Randins stilistisch gediegene und kurzweilige Texte - insgesamt publizierte sie über 300 Artikel, mehr als jede andere Bäuerin der Schweiz - sind allein deshalb lesenwert, weil sie die schönen Seiten des ländlichen Lebens der ersten Jahrhunderthälfte stellenweise in seiner ganzen Sinnlichkeit wiederauferstehen lassen, ohne sie zu idealisieren. Da locken die Formen und Gerüche vieler Früchte und Lebensmittel, die uns heute kaum mehr bekannt sind oder uns im Geschmack enttäuschen, nachdem wir sie nach ihrer Reise von Übersee her im Grossverteiler gekauft haben; da machen sich Haustiere geradezu akustisch bemerkbar, und da umfängt uns die Wärme einer guten Stube mit ihrem Kachelofen.

Lesenswert sind die Artikel aber auch, weil sich der Leser mehr als einmal in seinen Vorurteilen ertappt fühlt. Zwar merkt man manchen an, dass die Autorin Mitglied der Abstinenzbewegung und einer Freikirche war: Zuweilen herrscht ein arg salbungsvoller und moralistischer Tonfall vor; so intensiv positiv kann wohl nur denken, wer auf Gott baut und ihm ganz vertraut. Aber die Texte erschöpfen sich keineswegs in der Abkehr vom luxuriösen Stadtleben und im Aufruf zur Pflege ländlicher Tugenden; vielmehr entwirft die Kämpferin für das Frauenstimmrecht eine zukunftsgerichtete Vision für die bäuerliche Welt, die um deren Krise und globale Gefährdungen, aber auch um deren gesamtgesellschaftliche Bedeutung weiss. In dieser - politischen - Vision sollten sich zum einen die bäuerlichen ProduzentInnen und die nichtbäuerlichen KonsumentInnen näher kommen und Letztere die Eigenlogik der Landwirtschaft verstehen lernen. Wer weiss, wie Landwirtschaft funktioniert, so die Überlegung Augusta Gillabert-Randins, wird seine Konsumgewohnheiten nach ihren Rhythmen ausrichten.

Zum anderen sollte die Position der Bäuerin gestärkt werden: Gillabert-Randin setzte sich für die Aufwertung und eine - nicht der industriellen Logik folgende - Rationalisierung der traditionell weiblichen bäuerlichen Arbeitsbereiche ein, des Gemüseanbaus und der Kleintierhaltung, besonders des eierlegenden Federviehs. Die Bäuerin, ohnehin die heimliche Herrscherin auf dem Hof, wie die Autorin mit Schalk mehr als einmal andeutet, sollte über verbesserte finanzielle Einkünfte der ganzen Familie unter die Arme greifen, aber auch auf eigenen Füssen stehen können.

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