Nr. 39/2008 vom 25.09.2008

Noch zuckt er

Der Kapitalismus steht nackt. Schauen wir hin! Obszön? Oh ja. Aber die Finanzkrise hat eben erst begonnen. Sie könnte eine historische Chance sein.

Von Oliver Fahrni

Kommt jetzt der Crash?, fragt die eine. Bricht der Kapitalismus zusammen?, fragt der andere. In die Gespräche über die Finanzkrise schleicht sich dieser Tage, zwischen leiser Hoffnung und Klammheit, das mögliche Ende des entfesselten Raubritter-Kapitalismus.

Immerhin kamen vorige Woche die globalen Geldflüsse um ein Haar zum Erliegen. Selbst die grössten Banken verweigern sich gegenseitig Kredit - jede, ohne Ausnahme, könnte am nächsten Morgen pleite sein. In einer Art permanenter Krisensitzung wenden Hunderte von Weltbankern, Finanzministern, Wissenschaftlern, Konzernmanagern alle paar Tage das Gröbste ab. In letzter Not. Ob sie das morgen noch können, wissen sie nicht. Drei der fünf wichtigsten US-Investmentbanken sind verschwunden, zusammen mit etwa 400 kleineren und mittleren Banken auf diversen Kontinenten. Der Fall der Bank Lehman war die grösste Unternehmenspleite der Geschichte. AIG, Nummer eins der Versicherer, die Immobiliengiganten Fannie Mae und Freddie Mac - sie halten fast jede zweite Hypothek in den USA -, sie mussten vom Staat aufgefangen werden. Zentralbanken pumpen schneller ungezählte Milliarden in die Wirtschaft, als man das Wort Irakkrieg ausspricht. Jetzt forderte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy einen Weltgipfel zur «Restauration eines regulierten Kapitalismus».

Und doch ist die Frage nach dem Crash sinnlos. Die Antwort steht im Kaffeesatz. Wir wissen einzig, was auch die «Herren des Universums», die Banker, einräumen: Ausgestanden ist dies alles noch lange nicht. Warum sollte es auch? Sie haben doch den globalen Umbau des Kapitalismus gerade erst so schön in Fahrt gebracht. Interessanter ist die Erkundung, was in dieser Krise genau geschieht. Wie sortiert sich die Wirtschaft neu? Wer gewinnt? Was bedeutet es für unsere Arbeit und unser Leben?

Wer macht jetzt Geld?

Mit den gängigen Erklärungen werden wir kaum schlauer, zuerst müssen ein paar Denkmuster über Bord. Dieses hier zuerst: Die Finanzkonzerne erleiden diese Krise nicht - sie machen sie. Es ist ein wüstes Stechen und Hauen, Zerstören und Kapern. Alle wurden von SpekulantInnen angegriffen. Darum verboten US- und EU-Behörden jetzt sogenannte Leerverkäufe. Die sind die schärfste Waffe der Hedgefonds. Mit dem Verkauf von Aktien, die man gar nicht besitzt, sondern später billig kauft, kann man auf die Baisse eines Konzerns setzen - und diese Baisse gleichzeitig herbeiführen.

In der Krise macht der dominante Teil des Finanzkapitals Geld wie nie. Darin zeigt sich ihre wahre Gestalt. Jede Krise im Kapitalismus lässt zwar sein mögliches Ende kurz aufleuchten. Zugleich aber ist sie der Normalfall, die Essenz dieser Wirtschaftsform: Die Kapitalkonzentration wird beschleunigt, einige Konzerne dehnen ihre Herrschaft aus, neue Instrumente des Profits werden geschaffen. Das muss bedacht werden, wenn über staatliche «Rettungsaktionen», etwa für die UBS, gesprochen wird, wenn - wie dem SP-Präsidenten Christian Levrat am Westschweizer Radio entfuhr - «alle Parteien an einem Plan für die UBS arbeiten».

Die Kettenverschuldung

Diesmal erschüttert die Krise selbst mächtige Banken und Fonds, weil sie jene Instrumente nicht mehr unter Kontrolle haben, die sie zur Erhöhung ihrer Rendite auf über dreissig Prozent geschaffen haben. Besonders jene «Wertpapiere», die ihnen der US-Staat jetzt für 700 Milliarden Dollar abkaufen will, obwohl sie in vielen Fällen nur noch Müll sind. Bis vor wenigen Wochen galten sie noch als der goldene Hebel des Finanzkapitalismus. Im Kern funktionieren sie so: Kredite werden weiterverkauft, indem man sie zusammenschüttet, neu sortiert und daraus «Wertpapiere» bastelt. Diese Papiere wurden dann von Abzockern im feinen Tuch dutzendfach gekauft und weiterverkauft, als Grundlage für neue Kredite verwendet oder - zum Beispiel von Hedgefonds - wiederum in neue Titel gegossen. Meist geschieht dies ausserhalb der Börse.

Diese Mechanik enthüllt drei Dinge: Erstens haben sich die Banken die Möglichkeit zum Gelddrucken geschaffen. Zweitens schafft der Finanzkapitalismus keinen Wert, er plündert vielmehr die reale Ökonomie, also die durch Arbeit geschaffenen Werte. Drittens ist der Finanzkapitalismus nichts anderes als eine raffiniert verkleidete Kettenverschuldung. Diese Ketten dürfen nicht abreissen - sonst brechen grosse Teile des Systems weg. Würde dies nur in der Sphäre der Finanzwirtschaft bleiben, müsste es uns nicht kümmern. Tatsächlich aber hat das Finanzkapital das Kommando auch über weite Teile der Realwirtschaft übernommen. Die Folgen der Krise werden auf die Arbeitsplätze durchschlagen. Wir erleben keine «Krise der Finanzmärkte», sondern eine Krise des kapitalistischen Systems als Ganzes.

Nie stand diese Wirtschaftsform so nackt. Weil sie umgebaut wird und weil sie neu reguliert wird, tut sich die Chance auf, über den Kapitalismus kritisch zu sprechen und mit politischen Bündnissen auf seine Ausgestaltung Einfluss zu nehmen. Oder gar die Arbeit wieder in das Zentrum zu stellen. Mithin einen Transkapitalismus zu erfinden.

Die Rumpelstilzchenfrage

Doch SP und Gewerkschaften wagen sich noch nicht an die Rumpelstilzchenfrage. Ach, wie gut, dass niemand weiss, dass das Ding Kapitalismus heisst. Es zu benennen, hiesse ihn überwinden zu wollen. Bisher drehte sich das Gespräch unter Sozialdemokraten um Fragen wie: Haben wir überhaupt eine Finanzkrise? Ist die Schweiz nicht ein Sonderfall und bleibt vom Schlimmsten verschont? Und überhaupt: Ist der Finanzkapitalismus nicht von der realen Wirtschaft abgekoppelt?

Im schlechtesten Falle zeigt das, wie stark die neoliberale Ideologie immer noch über die Köpfe herrscht. Vielleicht äussert sich darin auch nur eine Mischung von Harmoniebedürfnis und Kungeleien in Bankverwaltungsräten. Im besten Fall wollen sie ihre Lohnverhandlungen nicht gefährden. Die UnternehmerInnen machen seit Monaten mit der Krise Kampagne, um bessere Löhne zu verhindern. Absurd: Der Lohn sollte die Produktivität spiegeln - und die ist in den letzten Jahren stark gestiegen.

Hielte die Schweizer Linke noch irgendetwas auf sich, würden SP und Gewerkschaften die sozialen Bewegungen schnell zu einer Landsgemeinde des Sozialen zusammentrommeln, sich Rat bei den besten Köpfen holen und ein Programm giessen, das auf den Sturz der arroganten Finanzerkaste zielte, auf Erhöhung der Kaufkraft, ökologischen Umbau, bessere Arbeit, Regulierung der Finanzmärkte, Einrichtung von sozialen Fonds und einen Finanzplatz im Dienste der Wertschöpfung. Das wäre alles immer noch bester Reformismus. Vielleicht schleicht sich die Rumpelstilzchenfrage von selbst auf den Tisch.