Nr. 03/2009 vom 15.01.2009

Linke Stadtteilpflege

Von Dinu Gautier

Die Berner Lorraine ist ein eigensinniges Quartier. Das zeigte sich etwa diesen Herbst, als ein leer stehendes Haus von einem KünstlerInnenkollektiv besetzt wurde. Hier gelang es nicht mal dem sehr um die bürgerliche Ordnung besorgten Lokalsender TeleBärn, NachbarInnen zu finden, die den BesetzerInnen Misstrauen entgegengebracht hätten. Stattdessen solidarisierten sich 200 QuartierbewohnerInnen per Petition mit dem Kollektiv. Überraschend war das freilich nicht: In keinem anderen Berner Stadtteil konnte über die Jahre so viel alternativer Wohn- und Lebensraum erkämpft und verteidigt werden wie hier.

Nun ist, 150 Jahre nach der Gründung des Quartiers, ein Fotobuch erschienen, das Einblick in den Quartieralltag gibt - vom streng choreografierten Turnunterricht (1934) bis zum sonntäglichen Gipfelikauf im selbst verwalteten Quartierladen (heute). «Die Lorraine - Hommage an ein Stadtquartier» dokumentiert aber auch architektonische Meilensteine und stadtplanerische Schandtaten sowie gewonnene und verlorene Kämpfe um Häuser, gegen die Poststellenschliessung oder für autofreie Strassen.

Für das Buch wurden 353 historische und aktuelle Schwarz-Weiss-Bilder thematisch geordnet und zu sieben fotografischen Quartierrundgängen arrangiert. Wer die Lorraine kennt, wird sich schnell zurechtfinden und hie und da staunen, etwa über die Fotografien aus dem vorletzten Jahrhundert, als Eisenbahnschienen noch über den heute stark befahrenen Nordring führten. Mit Bildlegenden gehen die AutorInnen spärlich um, die Lektüre der anekdotenreichen und lebendigen Kurztexte zu den jeweiligen Rundgängen macht dieses Manko aber mehr als wett.

Wer die Lorraine noch nicht kennt, dem sei das Buch als Reiseführer ins «Trendquartier» (Wohnungsanzeige) empfohlen. Wieso nicht dieses Wochenende etwas früher anreisen, wenn am Abend in der und um die Lorraine in Restaurants und Bars die alljährliche «Tour de Lorraine» stattfindet?

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