Nr. 14/2009 vom 02.04.2009

Bowie in Berlin

Von Thomas Wagner

Die günstigen Mieten, die Gegenwärtigkeit der europäischen Geschichte im Stadtbild - sie haben Berlin zum Magnet für Kreative aus aller Welt gemacht. Vor dreissig Jahren übersiedelt David Bowie vom grellen Los Angeles in die mauergraue Metropole des alten Europa und bleibt fast drei Jahre. Der einst kokainsüchtige Rockstar wird in seiner Schöneberger Altbauwohnung wieder alltagstauglich. Er geht selbst einkaufen, verzichtet auf den Chauffeur und erkundet die Stadt mit dem Fahrrad. Die benachbarte Schwulenkneipe «Anderes Ufer» wird zum zweiten Wohnzimmer. Brian Eno steht an Bowies Seite, als dieser mit «Low» und «Heroes» im Hansa-Studio an der Mauer zwei seiner aufregendsten Alben aufnimmt. Die innovative Musik von Kraftwerk, Neu und Can hatte ihn hergelockt. Von den Weimarer Filmklassikern «Das Kabinett des Dr. Caligari» oder «Metropolis» war er schon als Knabe fasziniert. Der Erwachsene mimt einen schönen Gigolo im Film, besucht Museen, Theater, Galerien und malt.

Der Journalist Tobias Rüther hat mit ZeitzeugInnen gesprochen und rekonstruiert Bowies Koordinatensystem zwischen Brücke-Museum, Wannseeausflügen und dem Club der Sängerin Romy Haag. Er zeigt anschaulich, wie Bowie moderne Malerei in Pop verwandelt, indem er Motive Erich Heckels auf neue Formate überträgt. Sein expressionistisches Porträt des nervenkranken Ernst Ludwig Kirchner mit verkrampftem Arm stellt Bowie mehrfach nach. Er bringt sich selbst und seinen Freund Iggy Pop in dieser Pose auf die Leinwand, fotografiert ihn so für das Plattencover von Pops «The Idiot» und posiert selbst auf ähnliche Weise für das Cover seines eigenen Albums «Heroes».

Gut ausgeleuchtet wird eine dunkle Seite von Bowies Rollenspielen. Angezogen von der theatralischen Seite des Faschismus, lässt er sich im Gestapo-Chic fotografieren und gibt mehrfach Nazisprüche von sich. Der Fan schwuler und schwarzer Subkulturen erntete Rassismusvorwürfe, die er selbst im Nachhinein für berechtigt hält. So innovativ seine Musik damals war, so dumm seine politische Haltung.

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