Nr. 32/2010 vom 12.08.2010

Das Land neu ausrufen

Zumeist hymnisch-lobend waren die bisherigen Besprechungen des Debütromans der jungen Schriftstellerin Dorothee Elmiger. Tatsächlich handelt es sich um engagierte Poesie.

Von Rolf Bossart

Der Text, soviel ist sicher, hat die Eigenschaft, die Sehnsüchte und Schubladen von LeserInnen unterschiedlichster Couleur zu füllen. Die Melodie, der Rhythmus und der Ton sind im besten Sinn universal. Aber wie alle Kunst von dieser Qualität ist das Werk doch sehr genau verortet und stellt sich verbindlich in eine Tradition. Es ist nichts weniger als engagierte Literatur im dann doch wieder unschicken, zeitfremden und also widerständigen Sinn.

Am Anfang steht die Feststellung eines Mangels: das grosse Fehlen. «Wir wussten wenig», sagen die Schwestern und Polizistentöchter Margarete und Fritzi Stein. Und: «Grund dieser Schreiben, Wortergreifungen und Aussprüche, Grund auch aller umständlichen Rufe über das Land hinweg und tief in seine Schächte hinab, all dieser zukünftigen Zusprüche, Überlegungen und Unternehmungen, ist die Suche nach dem fehlenden Fluss.»

Gerne wird der Plot in den Rezensionen als archetypische Suchbewegung einer trotzigen, aber orientierungslosen Jugend in postapokalyptischer Umgebung bezeichnet, bei der die einzelnen Handlungen und Orte en detail keine Rolle spielen. Und zugegeben, die Fährte ist gelegt. Auch die Melancholie, dieses so beliebte Vergeblichkeitsgefühl, ist eingestreut. Aber alle Codes, alle Namen, Daten und Begriffe verweisen auf bestimmte Absichten. Die Verlassenheit ist die notwendige Position für einen Neuanfang, die Leere weckt erst den ForscherInnengeist, der Bergbau stellt die Frage nach der Geschichte menschlicher Arbeitsbedingungen, und ohne Nicht-Wissen gibts keine Aneignung von Wissen und auch keine Handlungen. Und wenn schon das Mythische eine Rolle spielen soll, dann das unterirdische Feuer und der Fluss als zweideutige Triebsphäre und Leidenschaft. Dem ewigen schicksalsergebenen Geraune vom Verschwinden der Dinge hält das Buch die Energie von Bleiben und Weggehen und von Erhalten/Erinnern und Zerstören entgegen.

Erhellung unter der Küchenlampe

Geantwortet wird auf die Frage nach der Möglichkeit einer sinnvollen Aneignung von Wissen in der Informationsgesellschaft – und von Handlung überhaupt in einer abgehandelten Welt. Die Antworten sind experimentell und exakt verortet.

Ein Beispiel: Gefragt nach seinem Lieblingsort, wird der heutige Besitzer einer Eigentumswohnung unzweifelhaft das Wohnzimmer nennen, sein Rückzugsrevier mit Aussicht, die Kultstätte der privaten Ressentiments, den Schauplatz seiner in sich ruhenden Endlichkeit. Raum für die grössere Hoffnung, den Hunger nach Erfahrung und Erneuerung, den Durst nach Weite und Befreiung war dagegen immer die Küche, genauer: der Tisch darin.

«Unter der Küchenlampe erhellte sich uns die Welt.» So ein berühmter Satz bei Peter Weiss in der «Ästhetik des Widerstands», der gegen die philosophische Tradition, die Welt aus der einsamen Stube heraus zu erklären, eine zureichendere Erhellung der Welt im Gespräch unter der Küchenlampe setzte. Die Eroberung und Aneignung der Welt, das Entwenden der vorenthaltenen Bildungsgüter, das Herstellen einer eigenen Überlieferung geschieht in der Küche, dem Ort der konspirativen Versammlungen, wo Arbeit und Reflexion zusammenfallen, dem Ort, wo bereits in den Märchen ungewöhnliche Bündnisse geschmiedet werden und woraus die neuen Könige hervorgehen.

Bei Elmiger hämmert am Küchentisch die jugendliche Erzählerin Margarete Stein Folgendes in die alte Remington-Schreibmaschine, die sie dem Polizeibeamten Schroeder entwendet hat: «... hätten wir uns gefreut über die Überlieferung einiger Hinweise, eine Anleitung zum Handeln, die Zukunft betreffend, ein Handbuch für die Arbeit, die Revolutionen und das Meer. (...) Aber erfolgreich wurde jeder Zusammenhang zwischen den Vorfahren, allfälligen früheren Ereignissen und uns, der anwesenden Jugend, verhindert.»

Die Zusammenhänge wird sie im Bündnis mit ihrer Schwester Fritzi, dem Tankstellenarbeiter Ernst Thal und einigen der wichtigen Toten selber herstellen. Vage Zusammenhänge, waghalsige auch, eine Vielzahl von einzelnen Namen. Die typischen, sprunghaften Versatzstücke der Google-Generation, wurde gesagt: einmal angeklickt, einmal heruntergeladen, einmal abgespeichert und vergessen. Wie eine selbstironische Vorwegnahme solcher Kritik mutet daher der Umstand an, dass Frau Gerste, die letzte Bibliothekarin des verlassenen Kohlegebiets, einige in der Bibliothek vergessene Bücher sucht, unter anderem einen Sammelband zum Thema Wiederholung. Und also nicht zufällig werden im Verlauf der Handlung viele Namen wiederholt und in neuen Zusammenhängen ausprobiert.

Die vollendete Poesie, mit der solches berichtet wird, ist das Versprechen, dass die Verwandlung der unterhöhlten und verrohten Natur in einen Garten auch aus dem Geist der erdachten Sprache heraus gelingen kann. Dieser wäre dann nichts anderes als die immer notwendige Arbeit an der Aufhebung der Trennung von Theorie und Praxis, von Reden und Handeln, Schreiben und Intervenieren. Die hochreflexive Sprache generiert Handlung. Dann wäre diese poetische Praxis des Zurückholens der Ideen in den Alltagsverstand – das heisst das Aufrufen, das Zitieren, der Zuspruch und das Schönreden – auch dingfest zu machen als Gegnerin des Pragmatismus, dieser neuen «Krankheit der Jugend». Diese – viel zitiert – ist aber auch der fehlende Mut, die Unzufriedenheit wirklich loszuwerden, was nicht zuletzt durch verwandtschaftliche Bande oder durch Volkstümelei verhindert wird: «Aber!, dachte ich, familiäre Bande tragen nichts zur Sache bei. Wenn wir die Anker lichten und auslaufen, hilft uns kein Vater mehr, helfen uns nur die Compagnons.» Und die Rhetorik des Bruchs mündet in die Konsequenz: « – wir müssen also, ja, eine andere Realität behaupten.»

Rehumanisierung der Natur

Deshalb also die Forschungsarbeit in dieser inhumanen Gegend. Es geht nicht darum, Gesetze zu finden und nachzuvollziehen, sondern in aufklärerischer Tradition darum, für die Natur und damit auch für die zur Natur gewordenen menschlichen Verhältnisse neue Gesetze zu behaupten und sie so für die Menschen zurückzugewinnen. Was soviel heisst, wie den fehlenden Fluss auf der Karte einfach wieder zu verzeichnen. Das wäre dann das angepeilte Scheitern der ewigen (Natur-)Gesetze an den umgedeuteten Sachverhalten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch