Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

Wozu braucht es im Altersheim eine mediterrane Abteilung?

Vor lauter Sitzungen und Formularen kommt José B. Maluenda kaum zur Ruhe. In seiner ehrenamtlichen Arbeit für Spanisch sprechende SeniorInnen beschäftigt er sich auch mit der Situation in Schweizer Altersheimen.

Von Adrian Riklin (Interview) und Ursula Häne (Foto)

José B. Maluenda: «Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Seniorinnen und Senioren aus mediterranen Ländern zu Hause fühlen. Das fängt beim Essen an.»

WOZ: Herr Maluenda, haben Sie bei all den Sitzungen wegen der Krise in Spanien, der ungesicherten Finanzierung von ¡Adentro! und den Anfragen aus Spanien noch Zeit für sich selbst?
José B. Maluenda: Momentan nicht viel. Seit Wochen kreisen die Gespräche immer um das gleiche Thema: Wie kommen wir zum nötigen Geld, um unsere Arbeit fortzuführen? Und dann sind wir gerade noch unter Zeitdruck: Bis Ende August müssen wir die ausgefüllten Gesuche nach Madrid geschickt haben.

Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen?
Derzeit prüfen wir mit der Stadt Biel Möglichkeiten für eine mediterrane Abteilung in einem städtischen Altersheim. Zunächst aber wollen wir in Biel einen Mittagstisch im spanischen Zentrum, verbunden mit einem Tanznachmittag in der italienischen Missione Cattolica, realisieren. Die Idee für das Projekt «Migralto» entstand aus Gesprächen mit italienischen Kollegen – ein italospanisches Projekt, wozu wir gern auch Portugiesisch sprechende Kollegen einladen.

Und?
Wir haben gute Gespräche mit Viviana Abati, der Altersbeauftragten der Stadt Biel, wie auch mit Vertreterinnen der Caritas und des Roten Kreuzes Bern. Dank der Unterstützung der Stadt Biel konnten wir im Juni ein dreitägiges Seminar zu diesem Thema veranstalten. Im Oktober findet dazu in Zusammenarbeit mit der Caritas Bern ein runder Tisch statt. Die mediterrane Abteilung ist aber nur ein Punkt unter vielen. Das Projekt Migralto ist sehr umfassend: Die Palette reicht von der Vorbereitung auf den Heimaufenthalt über Kurse für Angehörige und Angebote zur Erhaltung des sozialen Netzes bis zur Einbindung ins Quartierleben.

Wozu eine mediterrane Abteilung?
Die Erfahrung zeigt, wie schwierig es für viele spanische und auch italienische Migranten der ersten Generation ist, mit der schweizerischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Oft haben sie sich in ihrer Zweitheimat längst damit abgefunden, dass sie nur Kontakt zu den eigenen Landsleuten haben. Dieses Netz schrumpft spätestens nach der Pensionierung, weil viele Bekannte in die Heimat zurückkehren. Hinzu kommt, dass viele Senioren nicht so gut Deutsch sprechen und aus einer grossfamiliären Kultur kommen, in der der Gang ins Altersheim nicht sehr verbreitet war.

Wie stellt man sich eine solche Abteilung vor?
In erster Linie geht es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Seniorinnen und Senioren aus mediterranen Ländern zu Hause fühlen. Das fängt mit dem Essen an, geht über das Ambiente, die Musik und reicht bis zu den Kartenspielen.

Eine abgetrennte Spezialabteilung?
Um Himmels willen! Es braucht beides: die Möglichkeit, Altersgenossen aus verschiedenen Kulturen zu begegnen, aber eben auch eine Umgebung zu haben, die mit der eigenen Kultur zu tun hat.

Gibt es schon Umsetzungen in diese Richtung?
Ich habe mit Aurita Lorenzo von ¡Adentro! von 2004 bis 2011 im Altersheim Limmat schon in diese Richtung gearbeitet. Auch Maria Rodríguez, Isabel Ginesta, Peris Agustín, Miguel García, José Galan und José Ferrero vom Vorstand unseres Seniorenhilfeprojekts haben mich dabei sehr unterstützt. Seit einem Jahr haben wir die meisten dieser Aktivitäten in das Vereinslokal Esperanza an der Baslerstrasse verlegt. Damals waren wir auch mit der Stiftung Erlenhof in Kontakt, die sich für unsere interkulturelle Arbeit im Altersheim interessierte. Das Angebot richtete sich an Spanisch sprechende Senioren, die vor dem Einzug in ein Heim standen. Jeden Dienstagnachmittag luden wir sie zu diversen Aktivitäten ins Heim ein. So konnten sie sich an den Geruch eines Altersheims und die eher schweizerische Struktur gewöhnen. Das Angebot wurde geschätzt und schliesslich von Stadt und Kanton Zürich, dem Zürcher Spendenparlament, der Pro Senectute und dem spanischen Staat unterstützt.

Was für Aktivitäten sind das?
Zum Beispiel Gymnastik. Dabei geht es auch darum, dem Vorurteil entgegenzuwirken, dass sich viele Migranten zu wenig bewegen. Eine mediterrane Abteilung ist das eine, die Förderung des interkulturellen Austauschs das andere. Unsere Kurse im Altersheim Limmat richteten sich deshalb auch an deutschsprachige Heimbewohner. Die Spanisch sprechenden Gruppen brachten immer wieder eine willkommene Lebendigkeit in den Heimalltag. Dasselbe gilt für die Biografiearbeit: Auch hier soll die Schweizer Bevölkerung integriert werden, um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Zugleich können unsere Landsleute so den schweizerischen Altersgenossen ihre Erfahrungen in der Migration weitervermitteln.

Und dann geht es ja auch darum, den Ruhestand ein wenig geniessen zu dürfen. Hätten Sie selbst nicht auch Lust auf eine grosse Siesta?
Momentan sieht es noch nicht danach aus. Aber ich hoffe, dass sich bald jüngere Spanisch sprechende Seniorinnen und Senioren finden, die die Türen, die wir geöffnet haben, noch weiter auftun.

José B. Maluenda (75) zog 1962 aus Madrid in die Schweiz. Seit der Pensionierung engagiert er sich als Koordinator und Leiter im Seniorenhilfeprojekt ¡Adentro!® für Spanisch sprechende SeniorInnen in der Schweiz.

Esperanza Centro Social de Mayores Zürich, Baslerstrasse 102, 8048 Zürich; Telefon: 
043 311 67 68; E-Mail: esperanza@bluewin.ch

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