Nr. 19/2013 vom 09.05.2013

Manche Begriffe machen das Denken ganz von selbst klug

Hoffnung, Ungleichzeitigkeit, Vorschein, Intensität: eine Handvoll Überlegungen zu zentralen Begriffen im Werk des Philosophen Ernst Bloch anlässlich des Erscheinens eines neuen Bloch-Wörterbuchs.

Von Rolf Bossart

Es gibt nicht viele Leute, die spontan einen Zugang zum Sprachstil von Ernst Bloch (1885–1977) finden. Was also hat es zu bedeuten, wenn das neue «Bloch-Wörterbuch» nicht dazu dienen soll, den Meister des utopischen Denkens zugänglicher zu machen, sondern explizit für die kleine Gemeinde der Bloch-KennerInnen da ist?

Gewiss werden sich immer wieder Menschen finden, die auf der Suche nach anderen Denkwegen auf Blochs Werk stossen und sich sein Opus magnum, «Das Prinzip Hoffnung», aneignen. Dass dies nicht immer in aller Naivität von vorne geschehen muss, ist für linke Theorien von grösster Wichtigkeit. Denn während die Rechte von jedem Neuen immer das Alte abschöpft, muss die Linke das Neue aus dem Alten schöpfen. Wo jene immer fröhlich rufen kann: «Wir haben es schon immer gewusst», muss diese immer zerknirscht zugestehen: «Wir hätten es besser wissen können.»

Der Wert eines solchen Buchs dürfte daher vor allem in der Sicherung eines einmal erreichten Niveaus liegen. Denn muss man nicht oft mit der Zeit hinnehmen, dass ein mühsam aufgebautes differenziertes Denken banalisiert wird? So schreibt Francesca Vidal im Artikel «Hoffnung»: «In der gegenwärtigen Öffentlichkeit hat sich der Begriff ‹Prinzip Hoffnung› verselbstständigt und findet sich auf den Wirtschafts-, Sport- und Nachrichtenseiten.» Als Indiz für fehlenden Realismus – und nicht wie bei Bloch als Orientierung an real Möglichem.

Blochs Handschrift

Bei allem Bemühen um wissenschaftliche Bescheidenheit wird beim «Bloch-Wörterbuch» mit dem Untertitel «Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs» der allgemeine Anspruch der HerausgeberInnen im Vorwort deutlich: «Ausgewählt wurden Lemmata [Schlagworte], welche in besonderer Weise die Handschrift Blochs tragen und für das Verständnis seines genuin philosophischen Profils von besonderer Bedeutung sind.» Jene, die ihre theoretische Indifferenz mit Begriffen wie «Demokratisierung des Wissens» adeln, wittern darin schlimmstenfalls eine fatale Hierarchisierung des Wissens. Doch auch wenn eine spätere Epoche solche Kanonisierungen hoffentlich zugunsten von weiter gehenden Erkenntnissen wieder verwerfen wird – tun kann sie das nur, insofern überhaupt Werke mit Gültigkeitsanspruch existieren: Eine Kultur, die ihre Bestände nicht inventarisiert, wird weder schleichende Verfallsprozesse noch sprunghafte Veränderungen bewerten können.

Dies gilt ebenso für das «Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus», dieses gigantische kollektive Unternehmen, das untrennbar mit Wolfgang Fritz Haug und Frigga Haug verbunden ist. Nicht zufällig ist Wolf Haug im «Bloch-Wörterbuch» Autor des zentralen Artikels zum Marxismusbegriff. Haug erweist sich darin als emphatischer Interpret von Blochs eigenwilliger Sprache. Er attestiert Bloch, den Marxismus von jeder Phrasenhaftigkeit befreit zu haben – und verweist auf die Kritik an vulgärmarxistischen Verkürzungen mit einem Zitat zur geistigen Niederlage der Linken gegen den Faschismus in den dreissiger Jahren: «Die Revolution greift nicht nur in den Verstand, sondern ebenso in die Phantasie, die sozialistisch so lange unterernährt worden war. (…) Die Nazis haben betrügend gesprochen, aber zu Menschen, die Sozialisten völlig wahr, aber von Sachen; es gilt nun zu Menschen völlig wahr von ihren Sachen zu sprechen.»

Mitherausgeber des Wörterbuchs ist Beat Dietschy, der letzte persönliche Mitarbeiter von Ernst Bloch. Dietschy ist heute Geschäftsführer von «Brot für alle». Zumindest in seinem Beitrag «Ungleichzeitigkeit, Gleichzeitigkeit, Übergleichzeitigkeit» bringt Dietschy seine Erfahrungen aus der Entwicklungspolitik zentral in die Betrachtung ein. Er referiert Blochs Versuch, dem Fortschrittsbegriff des Marxismus mit dem Begriff des «gleichzeitig Ungleichzeitigen» eine Mehrdimensionalität zu verleihen, ohne die es keine positiven Bezugnahmen auf gescheiterte Revolutionen, halb fertige Revolten und noch unverwirklichte Utopien geben kann. Diese Überlegungen macht Dietschy fruchtbar an aktuellen Ansätzen entwicklungspolitischer und postkolonialer Theorien. Er zeigt, wie jede kritische Auseinandersetzung mit der Globalisierung die «beispiellose Vergleichzeitigung des Ungleichzeitigen» zum Ausgangspunkt nehmen muss, weil sich Rückständiges und Fortschrittliches überall untrennbar vermischt haben.

Die Ambivalenz der «Heimat»

Es gibt in diesem Wörterbuch Begriffe, die auf die Klugheit der Lesenden spekulieren. Dann gibt es solche, die machen das Denken ganz von selbst klug: «Objektive Phantasie», «Kältestrom, Wärmestrom», «Intensität» oder «Vorschein». Drittens aber finden sich bei Bloch auch Begriffe, über die sich fast nicht klug reden lässt, weil sie so im Sumpf der menschlichen Dumpfheit stecken: «Entfremdung» – und vor allem «Heimat».

Versuche, dieses Wort aus seinem urtümelnden Korsett zu lösen, reissen nicht ab. Doch sind sie meistens immer noch getragen vom Wunsch nach unversehrtem, bruchlosem Dahinleben. Auch der berühmteste Halbsatz über Heimat, «was allen in die Kindheit schien und worin noch niemand war: Heimat», mit dem Bloch sein «Prinzip Hoffnung» schliesst, entgeht nicht diesem Schicksal. Vom Standpunkt einer kritischen Theorie der Moderne aus gehört der Begriff wohl zu den spezifisch deutschen Irrtümern, die das Wohlfühlen der Menschen in Konflikt und Vorläufigkeit nachhaltig torpedieren. Gerd Koch ringt im Artikel «Heimat» mit der Ambivalenz des Begriffs zwischen seinem regressiven und seinem utopischen Potenzial – und arbeitet so die Gefahr einer retrospektiven Idyllisierung durch die Bindung des Begriffs an die Kindheit heraus. Doch wieso sollte diese Gefahr bereits mit dem Hinweis darauf gebannt sein, dass vieles, was Heimat genannt wird, erst in der Zukunft der Verwirklichung harrt? Wo doch Hoffnung auf Zukunft diese nur besser macht, wenn sie aus einer schonungslosen Bearbeitung der Vergangenheit gespeist wird.

Hoffnung ist Wagnis

Bei Bloch fänden sich genug Gedanken dazu. Etwa die von Koch zitierte Wendung «Optimismus mit Trauerflor». Wichtig wäre auch eine kritische Erörterung der immer wieder emphatisch vorgetragenen Korrespondenz zwischen dem «Nicht mehr» und dem «Noch nicht». Entgegen der allzu einfachen Spiegelung von «Sehnsucht zurück» in «Sehnsucht vorwärts» wäre das «Nicht mehr» auch als befreiendes Verlassen des Gewesenen zu pointieren, dessen Preis aber oft in einer Zerstörung der alten Zukunftsideen liegt. Denn jede gute Zukunft kann nicht auf Erkenntnis bauen, sondern nur auf Hoffnung. Aber leider ist Hoffnung nicht gleich Zuversicht, sondern Wagnis. Sie ist der Trotz der Bedrängten und der Schlüssel, um aus dem Gefängnis der Ohnmacht zu enteilen – wenn da nur nicht die Wachen, der Elektrozaun und die Suchscheinwerfer wären. Bloch wusste das: «Hoffnung kann enttäuscht werden.» Stichworte wie «Scheitern» oder «Enttäuschung» hätten dem Wörterbuch nicht geschadet.

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