Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Schreiben, um zu überleben

Sie waren ihrer Zeit voraus und lebten und schrieben so, wie es sich für Frauen ihrer Zeit nicht gehörte. Mit «Violette» und «Alfonsina» kommen zwei Filme über unkonventionelle Schriftstellerinnen in die Kinos, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

Von Silvia Süess

Sie liess kein gutes Haar an den Frauen im Tessin. Am liebsten wäre sie beim Betrachten vor «lauter Erstickungsgefühl» davongelaufen: «Jene Frau wird uns geringer erscheinen als das schwerfällige Bergeselchen in unseren Anden – eine Art Taglöhner mit Ehegattinnen-Titel, eine Art Amme mit Mutter-Titel, eine Art Magd mit dem Titel Frau.»

Dies schrieb Alfonsina Storni (1892–1938) in einer Kolumne für eine argentinische Zeitung im Jahr 1919. Geboren im Tessin, war Storni als Vierjährige nach Argentinien gekommen, wo sie zu einer der berühmtesten Autorinnen Lateinamerikas wurde. Als Poetin und Journalistin führte sie hier ein Leben, das demjenigen der von ihr beschriebenen Frauen diametral entgegengesetzt war. Sie war alleinerziehende Mutter, blieb ihr Leben lang unverheiratet und sorgte selbst für ihren Lebensunterhalt. Sie zog sich nicht ins Private zurück, sondern mischte sich laut, energisch ins öffentliche Leben ein.

Die Freiheit eines Mannes

Sie habe wie ein Mann leben müssen, sagte Storni in einem Interview 1931: «Ich beanspruche für mich die Freiheit eines Mannes.» So tue sie nichts anderes, als die künftige Frau vorwegzunehmen, «denn die ganzen Moralvorstellungen für Frauen gründen in den gegenwärtigen wirtschaftlichen Machtverhältnissen. Noch immer ruht unsere Gesellschaft auf der Familie, die Familie auf der Autorität des Mannes, der derjenige ist, der Gesetze erlässt, das heisst, mit intellektuellen Mitteln die Tatsachen schafft und den Lebensunterhalt verdient.»

Nun kommt mit «Alfonsina» ein Dokumentarfilm über diese Frau, die in Lateinamerika eine Legende ist, in die Kinos. Endlich!, möchte man erfreut rufen und sagt stattdessen nach dem Film: Leider. Der Schweizer Regisseur Christoph Kühn wird in seinem collageartigen Porträt, das aus Archivbildern, Textzitaten sowie Gesprächen mit ExpertInnen und Nachfahren der Autorin besteht, Alfonsina Storni nicht gerecht. Fasziniert von ihrer inneren Zerrissenheit, konzentriert er sich auf ihre «Seele, die im ständigen Hader mit sich selber ist». Dies wird auf die Dauer ziemlich eintönig. Weitgehend ausgeblendet werden die sozialen und politischen Umstände, gegen die Alfonsina gekämpft und angeschrieben hatte: gegen eine katholische Gesellschaft, in der eine alleinerziehende Mutter eine Schande ist. Gegen männerbündlerische Intellektuellenkreise, in die sie lange nicht aufgenommen wurde. Gegen die Reduzierung der Frau auf ihr Äusseres.

In Zeitungskolumnen prangerte sie die verlogenen Moralvorstellungen der christlichen Gesellschaft an, war kritische Beobachterin der Entwicklung der Grossstadt Buenos Aires und verfocht vehment die Gleichstellung von Frau und Mann. Und dies gut dreissig Jahre, bevor in Argentinien das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Wie haben die gesellschaftlichen Bedingungen ihr Schaffen und ihr Leben geprägt? Welche Auswirkungen wiederum hatte ihr Schreiben auf die Gesellschaft? Was bedeutete es, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Buenos Aires als Frau das Leben eines Mannes zu führen? Mit solchen Fragen muss sich ein Film über Alfonsina Storni zwingend auseinandersetzen – was in «Alfonsina» leider nicht passiert.

Zensierte Sexszenen

Eine Art kleine Schwester Alfonsinas im Geiste ist Violette Leduc (1907–1972). Auch die französische Autorin lebte gegen jegliche gesellschaftliche Konventionen, führte ein Leben, wie es sich nur für einen Mann geziemte, und forderte als Frau Rechte ein, die nicht selbstverständlich waren: finanzielle und sexuelle Unabhängigkeit. Sie wurde von Simone de Beauvoir gefördert, und ihr Roman «Die Bastardin» wurde 1967 als «das Ereignis der Saison» gefeiert.

Im Spielfilm «Violette» erzählt der französische Regisseur Martin Provost chronologisch das Leben von Violette Leduc. Der Film beginnt im Zweiten Weltkrieg, als Leduc erste schriftstellerische Versuche unternimmt, und endet über zwanzig Jahre später, als sie sich als erfolgreiche, doch einsame Frau aufs Land zurückzieht. «Violette» ist ein konventionell und in hübschen Bildern erzähltes klassisches Biopic mit einer grossartigen Emmanuelle Devos in der Hauptrolle. Mehr als in «Alfonsina» wird auf die gesellschaftlichen Umstände eingegangen, doch auch Provost konzentriert sich auf die inneren Kämpfe der Autorin. Leduc liebt mal Männer, mal Frauen und schreibt in ihren Romanen so explizite Sexszenen, dass der Verlag sie zensiert. Ihr Korsett des Frauseins lässt sie ersticken, das Einzige, was sie vor dem Verrücktwerden rettet, ist Schreiben.

Sie schrieb, um dem Tod zu entgehen, um zu überleben, sagte Alfonsina Storni einmal. 1938 nahm sie sich 46-jährig das Leben – drei Jahre zuvor hatte sie eine Brustkrebsdiagnose erhalten. Selbst ihrem Tod trat sie selbstbestimmt entgegen.

«Violette»: Ab 29. Mai 2014 in den Kinos.
«Alfonsina»: Ab Donnerstag, 29. Mai 2014, bis Mittwoch, 4. Juni 2014, 
im Lunchkino Zürich, am Dienstag, 3. Juni 2014, 
in Anwesenheit des Regisseurs. Ab 5. Juni 2014 in den regulären Kinos.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch