Nr. 27/2014 vom 03.07.2014

Rache, Gegenrache, Gegengegenrache

Der Mord an drei israelischen Siedlerjungen wirft den Friedensprozess noch weiter zurück. Zur Freude der rechtsnationalen Kräfte in Israel.

Von Markus Spörndli

Am Montag wurden die drei jungen jüdischen Siedler, die am 12. Juni in der Nähe von Hebron im von Israel besetzten Westjordanland Autostopp gemacht hatten und daraufhin entführt worden waren, tot aufgefunden. «Die Entführung und der Mord an den drei Jungen ist ein Verbrechen, das von jeglicher Seite verurteilt werden muss», sagt Uri Avnery, der Doyen der israelischen Friedensbewegung, gegenüber der WOZ. «Keine politische Situation kann eine solche Tat rechtfertigen. Damit haben die Täter auch dem palästinensischen Volk stark geschadet.»

Avnery, der 91-jährige Publizist, langjährige Knesset-Abgeordnete und Mitbegründer der Friedensinitiative Gusch Schalom, ist von der Tat so betroffen, wie dies fast alle im sonst tief gespaltenen Israel sind. Doch wie darauf zu reagieren sei, ist eine andere Frage. «Es ist ein stürmischer Moment, hetzerische Rufe nach Rache ertönen», sagt Avnery, «für den Staat Israel wäre es aber ein schwerer Fehler, diesen Weg einzuschlagen. Dies würde nur zu immer mehr Blutvergiessen führen, zu Rache und Gegenrache und Gegengegenrache.»

Kollektivstrafe ohne Indizien

Der Staat Israel ist allerdings seit drei Wochen eindeutig auf dem Weg der Rache. Ohne handfeste Indizien beschuldigte die Regierung um den rechtsnationalen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu gleich nach dem Verschwinden der Jugendlichen die nationalistisch-islamistische Hamas, für die Tat verantwortlich zu sein. Und sie löste den grössten Militäreinsatz seit dem Ende der zweiten Intifada vor fast zehn Jahren aus: Zehntausende SoldatInnen durchkämmten grosse Teile des Westjordanlands und durchsuchten Tausende Häuser. Gleichzeitig begann ein beispielloser Einsatz gegen die Hamas. Gegen 500 Menschen, die mit der Hamas irgendwie in Verbindung stehen, sind im Westjordanland festgenommen worden. Auch Sozialarbeiter und Lehrerinnen – alle, die zum grossen sozialen und politischen Netz der Hamas-Bewegung gehören, konnte es treffen.

Bei diesen Einsätzen, die von der palästinensischen Bevölkerung als Kollektivstrafe empfunden werden mussten, sind bisher mindestens sieben unverdächtige Menschen getötet worden. Zuletzt, kurz vor der Beerdigung der zwei sechzehn- und des neunzehnjährigen Siedlerjungen, traf es einen sechzehnjährigen Palästinenserjungen.

Für Avnery ist klar, dass die Netanjahu-Regierung in der Entführung sogleich eine vielversprechende Gelegenheit gesehen hat, noch härter gegen die Hamas vorzugehen und dadurch auch die kürzlich eingeleitete Versöhnung zwischen der Hamas und der anderen grossen palästinensischen Organisation, der Fatah, zu vereiteln. Besonders seit Montag intensiviert Israel Angriffe auf den Gazastreifen, wo die Hamas an der Regierung ist. Die Luftwaffe hat allein in der Nacht auf Dienstag 34 Einrichtungen der Hamas bombardiert. Diese antwortete mit vier Raketen, die im südlichen Israel einschlugen.

«Unfähig, rational zu denken»

Dabei hatte sich Netanjahus Sicherheitskabinett in seiner Sitzung vom Montag noch gar nicht auf eine offizielle Reaktion auf die Morde einigen können. Am Dienstagabend traf sich das Gremium erneut, und Netanjahu verkündete, dass nun «drei Missionen» zu erfüllen seien: Erstens werde man die Mörder und alle, die irgendwie dahinterstehen, finden. Zweitens soll die Hamas im Westjordanland geschwächt werden. Und drittens soll die Hamas im Gazastreifen angegriffen werden. Indizien oder gar Beweise, dass die islamistische Organisation tatsächlich hinter der Entführung steht, blieben allerdings erneut aus. Am Dienstagabend schmetterte der Regierungschef den Medien nur das entgegen, was alle glauben sollen: «Die Hamas ist verantwortlich, die Hamas zahlt, und die Hamas wird auch in Zukunft zahlen.»

Uri Avnery kritisiert, die israelische Öffentlichkeit lasse sich von der Regierungspropaganda so stark einnehmen, dass sie das Schicksal der drei Israelis so viel höher werte als die beinahe alltägliche Tötung jugendlicher Palästinenser durch israelische Sicherheitskräfte. «In den letzten Wochen hat sich die israelische Gesellschaft von ihrer schlimmsten Seite gezeigt – als ein bewaffnetes Ghetto, frei von Mitgefühl für andere und unfähig, rational zu denken», schrieb Avnery letzten Samstag auf der Gusch-Schalom-Website. «Anfangs gab es noch Stimmen, die die drei jungen Siedler für ihre dumme Arroganz verfluchten, nachts mitten in besetztem Gebiet herumzustehen und in ein unbekanntes Auto zu steigen. Aber solche Meinungen wurden sogleich wie durch eine riesige Gehirnwäsche zum Verschwinden gebracht.»

Die Entwicklungen der letzten drei Wochen zeigten, wie sehr die Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten Frieden bräuchten, meint Avnery: «Die innerpalästinensische Versöhnung zwischen der Fatah und der Hamas könnte den Frieden näherbringen – und genau deshalb will die israelische Rechte, besonders die Siedler, diesen Versöhnungsprozess zerstören.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Rache, Gegenrache, Gegengegenrache aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr