Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Das Pflanzengift in uns allen

Von Franziska Meister

Es ist zumindest ein kleiner Sieg: Die 28 LänderexpertInnen der EU-Kommission haben sich am Dienstag nicht darauf einigen können, das Pestizid Glyphosat für weitere fünfzehn Jahre zuzulassen. Der Entscheid wurde vertagt. Dabei hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) im November empfohlen, die Zulassung zu verlängern – trotz massiver Proteste aus Wissenschaftskreisen. Im Fokus steht die Frage, ob Glyphosat krebserregend ist. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vermutet Ja, die Efsa behauptet Nein. Beide stützen sich dabei auf dieselben Daten.

Im Fall von Glyphosat geht es um weit mehr als einen Streit unter WissenschaftlerInnen. Der weltweit am häufigsten verwendete Unkrautvernichter wird auch in Europa tonnenweise auf Äckern versprüht. Es landet so in Lebensmitteln wie Brot, Müesli, Teigwaren, Öl und Fleisch – und damit auch in unserem Körper: Im jüngsten und bislang umfassendsten Test aus Deutschland weisen praktisch alle ProbandInnen Glyphosatrückstände im Urin auf. Die Rufe nach einem Verbot werden immer lauter, auch in der Schweiz. Anfang Februar haben Greenpeace, die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz und die Stiftung für Konsumentenschutz in Bern eine entsprechende Petition mit über 25 000 Unterschriften eingereicht.

Doch auch ein Verbot löst nicht alle Probleme. BäuerInnen, landwirtschaftliche Forschungsanstalten und Umweltbehörden sind sich weitgehend einig: Chemische Alternativen zu Glyphosat existieren kaum, man müsste wieder vermehrt den Pflug in die Hand nehmen. Oder der biologischen Landwirtschaft zum Durchbruch verhelfen. Aber das geschieht nicht von heute auf morgen. Viel gewonnen wäre schon, wenn es gelänge, den Einsatz von Glyphosat massiv einzuschränken. Zum Beispiel, indem die (in der Schweiz verbotene) Sikkation, bei der man Getreide zur gleichmässigen Abreifung kurz vor der Ernte nochmals besprüht, endlich europaweit verboten wird. Denn sie trägt die Hauptschuld an den Glyphosatrückständen in Lebensmitteln.

Einem Glyphosatverbot steht indes nicht nur der Widerstand vieler BäuerInnen im Weg, die um ihre Ernte fürchten, sondern auch die geballte Macht der Agroindustrie, allen voran Monsanto. Unter dem Namen Roundup Ready spült Glyphosat dem US-Agrokonzern jährlich Milliarden in die Kasse. Allein in Deutschland soll Glyphosat für vierzig Prozent der Konzerneinnahmen verantwortlich sein.

Vor wenigen Tagen haben verschiedene Umweltorganisationen Strafanzeige bei den Staatsanwaltschaften in Berlin und Wien eingereicht – nicht nur gegen Monsanto, sondern auch gegen die Efsa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, das Glyphosat im Auftrag der Efsa überprüft und für harmlos befunden hat. Ihnen wird vorsätzlicher wissenschaftlicher Betrug und unrechtmässige Bereicherung vorgeworfen. Tatsächlich sind in den USA wiederholt Labors, die im Auftrag von Monsanto Glyphosatstudien durchgeführt hatten, wegen Fälschung wissenschaftlicher Daten verurteilt worden. Trotzdem hätten, so die Anklageschrift, die Behörden falsche Angaben aus Monsanto-Studien nicht revidiert, sondern vielmehr noch gestützt.

Für den Schweizer Landwirtschafts- und Entwicklungsexperten Hans Rudolf Herren, die indische Aktivistin Vandana Shiva und weitere WissenschaftlerInnen steht Glyphosat «im Mittelpunkt des grössten Gesundheits- und Umweltskandals der modernen Geschichte». Und sie machen Monsanto dafür verantwortlich. Unterstützt von rund siebzig NGOs und Tausenden von SpenderInnen, wollen sie Mitte Oktober in Den Haag, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofs, ein öffentliches Tribunal gegen Monsanto abhalten.

Der «Spiegel» mutmasste letzte Woche, die EU-Kommission werde die weitere Zulassung von Glyphosat durchwinken, um das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA nicht zu gefährden. Das hat die Mehrheit der ExpertInnen aus den 28 EU-Mitgliedstaaten jetzt verhindert. Bleibt zu hoffen, dass die EU weiterhin standhaft bleibt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch