Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Der Westen täuschte Empörung über die Lager vor, derweil man Radovan Karadzic noch ermutigte.

Der serbische Kriegsverbrecher ist wegen Genozid zu vierzig Jahren Haft verurteilt worden. Doch die Geschichte wird den Überlebenden und Toten mit dem Urteil nicht zurückgegeben.

Von Ed Vulliamy

Es war unmöglich, nicht an mein erstes Treffen mit Radovan Karadzic zu denken. Ich traf den damaligen Präsidenten der Republika Srpska vor seinem Hauptquartier in Pale – der «Hauptstadt» der serbischen Teilrepublik östlich und oberhalb von Bosniens eigentlicher Hauptstadt Sarajevo, die Karadzics Truppen auf seinen Befehl hin drei Jahre lang in Schutt und Asche schossen.

Er hatte einen schlaffen Händedruck. Überraschend schwach für einen Mann, den der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien vergangene Woche für schuldig erklärte, das schlimmste Gemetzel in Europa seit dem Holocaust  angeordnet zu haben. Das Gericht stufte das Massaker von Srebrenica 1995 als Genozid ein – die «höchste», also schlimmste, Gräueltat, für die ein Kriegsverbrecher überhaupt verurteilt werden kann.

Duldung und falsche Empörung

Ich war damals mit einem Team des Nachrichtenanbieters Independent Television News unterwegs, um Karadzic zu treffen und Berichte über Konzentrations- und Arbeitslager im Nordosten Bosniens zu überprüfen. Während eines Besuchs in London hatte er alle Vorwürfe dementiert, uns angeboten, «vorbeizukommen und euch selbst zu überzeugen».

Karadzic hatte die Angewohnheit, das Gegenüber eine Millisekunde lang zu fixieren, bevor sein Blick in die Ferne schweifte, hinunter auf Sarajevo – den Inbegriff all dessen, worauf er neidisch war, was er verabscheute. Den Spielball seiner Artillerie und seines Hasses.

Wir assen zusammen zu Mittag, sprachen jedoch nicht über die Camps oder die Belagerung von Sarajevo. Karadzic redete über serbische Poesie, über Jahrhunderte voll serbischen Leids unter der türkischen Besatzung. Wäre es nicht so entsetzlich gewesen, es hätte eine gewisse Tragikomik gehabt.

Schliesslich gewährte uns Karadzic Zugang zu den Lagern. Er liess uns jedoch begleiten – um auf ein Minimum zu reduzieren, was wir im ersten Camp in Omarska zu sehen bekamen: Männer, manche abgemagert bis auf die Knochen, wurden über einen asphaltierten Hof in eine Kantine getrieben, wo sie wie ausgehungerte Hunde wässrige Suppe hinunterwürgten. Als wir um Einlass durch die dunkle Tür baten, aus der die Männer gekommen waren, warf man uns mit vorgehaltener Waffe aus dem Camp. Wie wir später herausfanden, verbarg sich eine Mord- und Folterfabrik hinter der dunklen Tür.

Wir fuhren auch nach Trnopolje, von wo die bekannten Fotos ausgemergelter Gefangener hinter Stacheldraht stammen. Viele von ihnen waren zuvor in einem anderen Lager eingesperrt gewesen, wo man sie geschlagen hatte, die Frauen vergewaltigt. Viele waren dort ermordet worden. Was seit diesem Mittagessen in Pale alles geschehen ist – drei weitere Jahre sollte der Krieg in Bosnien dauern. Der Westen täuschte Empörung über die Lager vor, derweil man Karadzic weiterhin beschwichtigte,  ihn noch ermutigte – sogar das Massaker von Srebrenica wurde geduldet.

Übertriebene Euphorie

Erst 2008, als es dem Westen und Serbien in den Kram passte, wurde Karadzic nach Den Haag überstellt. Man bat mich, als Zeuge gegen ihn auszusagen. Ich erklärte mich bereit, stimmte auch einem «Vorinterview» im Untersuchungsgefängnis zu. Eine weisse Jalousie wurde hochgezogen – und da sass er, keinen Meter von mir entfernt, hinter einem Fenster aus Panzerglas und stellte mir Fragen zu meiner Reise nach Omarska. Vor Gericht verteidigte Karadzic sich selbst, und ich musste seinem «Kreuzverhör» standhalten. Er bestand darauf, dass ich meine Berichte erfunden hätte, beteuerte, «nur eine Person» sei in Omarska gestorben.

Nun ist es vorbei. Param-Preet Singh, die Chefanwältin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, begrüsste  freudig das Urteil, vierzig Jahre Haft: «Die Opfer und ihre Familien mussten mehr als zwei Jahrzehnte lang auf den Tag der Abrechnung warten», sagte sie. «Das Urteil sendet ein kraftvolles Signal: Jene, die Gräueltaten anordnen, können sich der Gerechtigkeit nicht entziehen.»

Diese übertriebene Euphorie teile ich nicht.

Keine «Abrechnung»

Vom Schuldspruch erfuhr ich von Victoria-Amina Dautovic, einer guten Freundin. Sie war im Dezember 1992 das erste Kind bosnischer Flüchtlinge, das in Britannien zur Welt kam. Sie befand sich noch im Mutterleib, als man die Mutter in Trnopolje festhielt, der Vater überlebte Omarska. Dautovic war gerade auf dem Weg zu ihrer Abschlussprüfung in Forensik. Sie hatte dieses Fach gewählt, um später in die Heimatregion ihrer Eltern zurückzukehren und sich an der Suche nach den sterblichen Überresten vermisster Bekannter zu beteiligen. Vom Urteil in Den Haag war sie entsetzt. Denn dem Gericht galt nur das Massaker von Srebrenica als Genozid, nicht aber all die anderen Verbrechen. «Ich glaube nicht, dass jemand von uns feiert», sagte sie, «nur die anderen.» Sie sprach von den Schlagzeilen, den Anwälten und den Beobachterinnen.

Es wäre grauenhaft gewesen, hätte man Karadzic freigesprochen – Gott sei Dank ist das nicht passiert. Srebrenica wurde als Völkermord eingestuft, was man jedoch schon vorher wusste. Aber das Urteil gegen Karadzic bedeutet, dass die Ereignisse im Heimatdorf von Dautovics Eltern kein Genozid waren. Dass das, was drei Jahre lang an Orten geschah, von denen die Welt noch nie gehört hatte, kein Genozid war. Und auch in Visegrad an der Drina – wo Tausende auf einer Brücke abgeschlachtet oder in ihre Häuser eingesperrt und bei lebendigem Leib verbrannt wurden – hatte es keinen Völkermord gegeben. Auch nicht in Foca, wo man die MuslimInnen tötete oder verbannte. Oder in den zerstörten Städten Vlasenica, Bijeljina, Kljuc, Sanski Most, Brcko – ich könnte viele weitere nennen. Die absolute und systematische Auslöschung von Moscheen, Bibliotheken, kulturellen und religiösen Denkmälern in ganz Bosnien war also kein Genozid.

Derweil die Schlagzeilen also Gerechtigkeit verkündeten, spürte ich die Leere in Dautovics Stimme, die sonst so entschlossen und voller Leben ist. Es dauerte zu lange. Es ist zu spät. Zu viele AnwältInnen haben zu viel Geld verdient. Man ignoriert, dass der syrische Präsident Baschar al-Assad, der Islamische Staat und andere nach so einem Urteil keine Angst haben müssen. Dass viele die Verbrechen der Unternehmen im Kongo, in Kolumbien oder Peru nicht einmal auf dem Schirm haben. Und dass auch die Staatsoberhäupter, die den Irakkrieg entfachten, nichts fürchten müssen – sie sind mächtig, geniessen deshalb auch weiterhin Immunität.

Entscheidend ist vor allem: Das Urteil ist keine «Abrechnung», wie Param-Preet Singh behauptet. Dies ist ein starkes, grosses Wort. Es hiesse, dass die Geschichte den Überlebenden und Toten zurückgegeben wird, wie den JüdInnen nach der Schoah.

Eine solche Abrechnung wird es nicht geben – weder in Bosnien selbst noch für die Hunderttausenden, die auf der ganzen Welt verstreut sind.

Aus dem Englischen von Daniel Stern.

Ed Vulliamy (61) ist ein britischer Journalist und Buchautor. 1994 erschien sein Buch «Seasons in Hell: Understanding Bosnia’s War». Der vorliegende Text wurde am 27. März 2016 auf der Website des «Guardian» veröffentlicht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch