Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Weichspüler für rechts aussen

Die Berner Werbeagentur Komet verkleidet die «Selbstbestimmungsinitiative» der SVP mit einem Schafspelz. Zum eigenen Image will das nicht recht passen.

Von Martin Germann

Sorgenvolle Blicke, wohin man auch sieht. Überall starren sie einen an, diese Frau und dieser Mann, die mit einem etwas fröhlicheren Gesichtsausdruck auch problemlos in einem Werbespot für etwas kultiviertere Datingportale mitspielen könnten. Die SVP hat ihrer Kampagne für die «Selbstbestimmungsinitiative» ein reinliches Gewand angelegt. Seriös soll sie daherkommen und hat dabei vor allem jene im Visier, die nicht zur Stammwählerschaft der Partei zählen. Statt aggressiver Sujets aus dem Hause von Alexander Segerts Agentur Goal gibt es nun also einen neuen Kuschelkurs.

Für diesen zeichnet die in Bern ansässige Agentur Komet verantwortlich, wie der «SonntagsBlick» publik machte. Für Komet ist es die erste politische Kampagne, und dass sie diese ausgerechnet für die Antimenschenrechtsinitiative der SVP entworfen hat, passt so gar nicht zu dem hippen Image, mit dem man sich bei Komet gegen aussen präsentiert. Regelmässig organisierte die Agentur in Bern die «Soirée graphique», eine Kunstausstellung, die zum Dialog zwischen Fotografie und Grafikdesign ermuntern sollte – ein Flirt mit der lokalen Kreativszene. Die letztjährige «Soirée graphique» könnte die letzte gewesen sein. Nach einer Neuauflage in diesem Jahr sieht es nicht aus.

Ganzheitlich für den Erfolg

Stattdessen nun also der Flirt mit der SVP. Obwohl man das bei Komet wohl nie so sehen würde. Schliesslich ist Komet «strikt User-zentriert, dabei immer ganzheitlich und mit einem strengen Blick auf den Kampagnen-Erfolg». So drückte es der neue Creative Director in einem Interview zu seinem Stellenantritt im Januar gegenüber der «Werbewoche» aus.

Dass die strikte Userzentriertheit so weit geht, dass Komet nun sogar Kampagnen für die SVP erarbeitet, könnte jedoch früher oder später zum Bumerang werden. Die Agentur mit ihrem Büro direkt neben der Aare ist im rot-grünen Bern verankert. Der Senior Texter ist bekennendes SP-Mitglied und hat vor seiner Zeit bei Komet bereits mehrmals Plakate für Wahlkämpfe der SP auf Gemeindeebene gestaltet. Die Agentur durfte auch bereits mehrmals Kampagnen für die Berner Young Boys organisieren und gestaltete in diesem Jahr das YB-Meisterbuch.

Das grosse Schweigen

So ganz wohl scheint man sich bei Komet mit dem neuen Auftraggeber entsprechend nicht zu fühlen. Wenn Werbeagenturen neue Kampagnen lancieren, geht das jeweils mit Meldungen auf den einschlägigen Branchenportalen wie persoenlich.com oder der «Werbewoche» einher. Auch auf den eigenen Social-Media-Kanälen wie Instagram oder Facebook präsentiert man stolz kreierte Kampagnen. Das alles war bei der Kampagne für die «Selbstbestimmungsinitiative» nicht der Fall. Auch im Portfolio der bisherigen Arbeiten und Auftraggeber von Komet findet sich keine Spur davon. Hätte der «SonntagsBlick» nicht publik gemacht, dass Komet hinter dieser steht, es wüsste wohl bis heute kein Mensch.

Gerne hätte die WOZ mehr darüber erfahren, was Komet dazu bewogen hat, nun auch eine irreführende Kampagne für die SVP zu gestalten. Doch bei Komet schweigt man dazu. Der Geschäftsführer Marcel Durst sagt, es sei «state of the art», dass man Interna von KundInnen nicht gegen aussen kommuniziere. Dabei hätten sich einige der Fragen problemlos beantworten lassen, ohne dass man gleich Geschäftsgeheimnisse hätte ausplaudern müssen.

Natürlich darf man sich fragen, wie viel Ethik sich die Werbebranche überhaupt leisten kann. Den Menschen soll das Rauchen schmackhaft gemacht werden, fragwürdige Banken werben mit dubiosen Kreditangeboten, das Image von Grosskonzernen mit wenig Achtung vor Menschenrechten muss aufpoliert werden. Und nun verkleidet Komet die «Selbstbestimmungsinitiative» eben als Wolf im Schafspelz.

Mag sein, dass es für die Agentur reizvoll war, die SVP mit ihren teils menschenverachtenden Hauruckkampagnen weichzuspülen. Dem eigenen Image dürfte es nicht förderlich gewesen sein. Zeit für eine Imagekampagne.

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