Nr. 51/2018 vom 20.12.2018

«Wir brauchen Konkurrenz, sonst werden wir faul»

Christof Moser hat die «Republik» mitgegründet, Sylke Gruhnwald ist seit Oktober Ko-Chefredaktorin. Im Interview sprechen sie über staatsmännischen Tonfall, Meinungspluralismus und ihre Humorlosigkeit.

Von Silvia Süess

Sylke Gruhnwald, Ko-Chefredaktorin der «Republik».

WOZ: Sylke Gruhnwald, Christof Moser, auch ein Jahr nach der Gründung versprechen Sie, die «Republik» werde sich noch in vielen Bereichen entwickeln. Was ist neben der Erneuerung der Abos gerade die grösste Baustelle?
Sylke Gruhnwald: Wir haben eine Teamstruktur gebaut, die müssen wir nun einüben.

Was heisst das genau?
Gruhnwald: Das heisst, dass Geschichten in neu gegründeten Teams entstehen sollen – bisher brachten alle individuell ihre Themen in die Redaktionssitzung. Als Nächstes schauen wir unseren Redaktionsprozess an: Wie kommen wir zu Ideen, und wie werden aus den Ideen Geschichten, wie gehen die Geschichten in den Produktionsprozess über? Ist der Stoff wirklich ein Text-Bild-Thema? Welche Checkpoints müssen bis zur Publikation durchlaufen werden? Was passiert am Tag der Publikation und danach?

Christof Moser: Wenn man Sylke zuhört, kann man sich fragen, warum wir das alles nicht schon hatten. Tatsächlich ist es so: Du fährst auf der grünen Wiese ein Ding hoch, und am Anfang passiert alles gleichzeitig. Auf dem Papier sieht vieles gut aus, aber es muss sich dann im Alltag bewähren. Wir bauen und verbessern ständig.

Christof Moser, Gründungsmitglied der «Republik».

Haben Sie unterschätzt, wie unterschiedlich die Leute funktionieren?
Moser: Ich habe falsch eingeschätzt, welche Herausforderungen die interdisziplinäre Arbeitsweise mit sich bringt. Bei uns sind Programmierer, Community- und Marketingexpertinnen genauso Teil der Entwicklungsprozesse wie die Journalisten. Bis alle die gleiche Sprache sprechen und sich verstehen, braucht es mehr Zeit, als ich dachte. Ein Prozess ist auch, dass sich unsere printerfahrenen Journalisten mit der digitalen Produktion vertraut machen müssen. Damit habe ich aber gerechnet.

Die «Republik» liest sich tatsächlich wie ein Printprodukt, das Sie einfach ins Internet stellen, statt es zu drucken. Die vielen Möglichkeiten, die Sie online hätten, nutzen Sie bisher kaum.
Moser: Die Grundidee ist ja, ein Magazin im Internet zu publizieren. Das bedeutet, die Typografie nicht dem Zufall zu überlassen oder die Bilder so zu inszenieren, dass sie zur Geltung kommen. Das ist uns gelungen. Wir haben in den letzten zwölf Monaten viel auf die Beine gestellt. Dabei kamen multimediale Inhalte noch etwas zu kurz. Daran arbeiten wir, das wird sich ändern.

Was die «Republik» von einem Printmedium unterscheidet: Sie haben weder Deadlines, da Sie nicht drucken müssen, noch ein Seitenende, was den Texten nicht nur guttut – viele Texte sind viel zu lang. Das ist einer der meistgehörten Kritikpunkte.
Gruhnwald: Es ist schwierig zu sagen, was am meisten kritisiert wird. Aber ja, diese Kritik wird auch an uns herangetragen. Und natürlich hat die Länge der Texte damit zu tun, dass wir nicht auf fixe Zeilenzahlen schreiben müssen. Deshalb müssen wir bei jedem Text einen Schritt zurückgehen und uns genau überlegen, was wir erzählen wollen, wie lange die Geschichte sein soll und wann und wie sie publiziert werden soll. Wir haben den Vorteil, dass wir 24 Stunden 7 Tage die Woche offen sind – das müssen wir jedoch noch besser nutzen.

Moser: Die vertieften, langen und gut recherchierten Geschichten sind ja auch ein Markenzeichen von uns und werden von unseren Leserinnen und Lesern geschätzt. Aber wir haben am Anfang sicher die Formenvielfalt respektive die Längenvielfalt zu wenig ausgereizt.

Haben Sie Angst vor der Kürze?
Gruhnwald: Nein, gar nicht! Wir publizieren genauso mittellange Texte und kurze Stücke, die «Ameisen».

Die «Ameisen» wurden in einem ellenlangen Newsletter angekündigt, der die Kürze der Texte rechtfertigt und beteuert, dass die «Ameisen» auch nicht den «republikanischen Ernst» der Frontseite stören würden. Eine Ankündigung wie diese weist auf ein grundsätzliches Problem der «Republik» hin: ihre Humorlosigkeit.
Moser: Wir leben ja auch in ernsten Zeiten. Allerdings gab es schon auch lustige Texte, zum Beispiel «Globi am WEF» von Constantin Seibt. Er kann von uns allen am besten lustige Texte schreiben. Ich hingegen bin kein Experte für lustige Sachen. Und beim Humor ist es extrem schwierig, den richtigen Ton zu treffen. Die WOZ ist ja auch nicht gerade ein Humorblatt, aber ihr habt zwischendurch ein paar witzige Einsprengsel.

Gruhnwald: Das müssen wir in der Tat üben. Wir sind sicher nicht die humorstärkste Truppe – ich gehöre auch nicht zur Humorfraktion. Und ich kann auch niemanden dazu zwingen, lustig zu sein. Das geht in die Hosen.

Es geht auch nicht um sauglattistische Texte. Aber in allzu vielen Texten erklärt die «Republik» in staatsmännischem Ton die Welt und fängt stets …
Moser: … beim Paradies an.

Gruhnwald: Wir wollen davon wegkommen, immer staatstragend zu sein. Wir müssen nicht immer bei Adam und Eva anfangen, sondern dürfen voraussetzen, dass unsere Leser einen gewissen Kenntnisstand haben und mit den Debatten vertraut sind.

Bei welchen Debatten konnten Sie im letzten Jahr Akzente setzen?
Gruhnwald: Wir haben selber welche lanciert. Und darüber freue ich mich: wenn wir uns einmischen oder der Anlass sind, dass sich andere einmischen. Das ist beim Bündner Baukartell passiert, da hat unser Text extrem viel ausgelöst, genauso wie bei der Cum-Ex-Recherche.

Moser: Wir hatten einen kritischen Text zum Thema «Algorithmen in der Strafjustiz». Darauf reagierten zwei Autoren mit einer Replik in der «Republik», in der sie erklärten, warum Algorithmen genauer urteilen als Menschen. Das gab eine anregende Debatte unter unseren Verlegerinnen und darüber hinaus. Ich freue mich auch über solche kleineren Akzente.

Sie führen online einen regen Austausch mit Ihren Verlegerinnen, wie Sie Ihre Abonnentinnen und Abonnenten nennen. Wie finden Sie die Balance, dass Sie die Rückmeldungen ernst nehmen, sich aber inhaltlich nicht beeinflussen lassen?
Gruhnwald: Wir haben eine klare Gewaltentrennung: Die Verlegerinnen sind zwar institutionell an uns angebunden. Wir sind als Redaktion unabhängig.

Moser: Wir schreiben unseren Verlegerinnen nicht nach dem Mund. Wir bringen immer wieder Texte, die ein Thema aus einer unerwarteten Perspektive beleuchten und Kontrapunkte setzen. Zum Beispiel ein Artikel, der argumentiert, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum müssten sich nicht widersprechen, einer, der einen noch nie gelesenen Blick auf China und seine Überwachungssysteme wirft, oder ein nüchterner Text zum Thema Migration.

Gruhnwald: Die Leserinnen und Verlegerinnen wollen ja nicht einfach eine Bestätigung ihres Weltbilds. Und wir haben lange daran gearbeitet, ein Team zusammenzustellen, das ein breites Spektrum abdeckt.

Es wirkt oft so, als wollten Sie sich unbedingt von links abgrenzen. Andererseits wird Ihnen von rechts vorgeworfen, dass Sie zu links seien.
Gruhnwald: Wir wollen und müssen uns von gar nichts abgrenzen. Wir sind divers aufgestellt, sowohl was das politische Spektrum angeht als auch andere demografische Kriterien wie Geschlecht oder Alter. Auf der Redaktion ist in der Tat ein breites Spektrum an Meinungen abgebildet. Das ist uns wichtig.

Ging man zwischen Mitte November und Mitte Dezember auf Ihre Startseite, so waren im Schnitt von 25 Texten etwa 3 von Frauen. Man liest Anja Conzett nicht mehr, auch Solmaz Khorsand nicht. Wo sind die?
Gruhnwald: Die arbeiten. Und die kriegen die Zeit, die sie brauchen. Mich macht diese Frage wütend, weil keiner sieht, dass unsere Frauen intensiv recherchieren, dass sie sich reinknien und in Männerdomänen reinmarschieren.

Aber die Männer recherchieren ja auch, trotzdem liest man Kommentare oder kürzere Texte von weiteren Männern.
Gruhnwald: Ich wünsche mir tatsächlich mehr Kommentatorinnen. Eine unserer Autorinnen ist Olivia Kühni. Aber das Problem ist, dass Sie uns auf die Schreibenden reduzieren, als ob nur das massgebend wäre. Das Projekt funktioniert aber gerade so gut, weil wir uns als Team verstehen. Wir haben eine Bildchefin, eine Chefin vom Dienst, wir haben zwei Frauen in der Geschäftsleitung und mit mir eine Frau in der Chefredaktion.

In Ihrem ersten Geschäftsbericht wimmelt es nur so von Zahlen, zum Beispiel, wie viele Zeichen die «Republik» produziert hat. Was Sie nicht verraten, ist, wie viele Leute Ihre Site oder App besucht haben. Warum nicht?
Moser: Für uns stehen der Dialog und die Rückmeldungen von unseren Verlegerinnen im Fokus. Ich finde es richtig, dass im ersten Jahr keiner der Journalisten, auch ich nicht, gewusst hat, welcher Text wie viel gelesen wird. Die Zahlen beeinflussen einen stark. Das wissen alle, die mal beim Onlinenachrichtenverbund Newsnet gearbeitet haben. Plötzlich geht es nur noch um die Klicks.

Gruhnwald: Wir wollen die Privatsphäre unserer Leserinnen schützen. Deshalb verwenden wir keine kommerziellen Dienstleistungen von Dritten, um unsere Leser zu vermessen. Wir bauen unsere eigenen Messinstrumente.

Nach sieben Jahren ist im November die Basler «Tageswoche» eingegangen. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
Gruhnwald: Dass die «Tageswoche» dichtgemacht hat, war scheisse! Es braucht einen gewissen Pluralismus am Markt, und wir brauchen ein florierendes Umfeld und Konkurrenz, sonst werden wir faul.

Moser: Darum sind wir auch froh um die WOZ. Gemeinsam sind wir ja quasi das Gegenprogramm zu den zusammenfusionierten Riesenverlagen, die kaum mehr Wettbewerb untereinander haben.

Wo sehen Sie die Medienlandschaft und Ihre Rolle darin in drei Jahren?
Gruhnwald: Solche Fragen beantworte ich nie – kein Blick in die Glaskugel, ich werde sowieso danebenliegen.

Moser: Die besten Jahre für unabhängige Medienprojekte werden erst noch kommen. Denn sowohl die politische Situation als auch das Medienumfeld wird schlimmer werden. Wir sagten immer, die «Republik» soll ein Auffangbecken für den Journalismus sein, weil wir nicht wissen, was noch passiert. Und wenn ich die 200 Entlassungen bei CH Media sehe und man davon ausgeht, dass es auch bei Tamedia weiter räbeln wird …

Das Gröbste ist noch nicht überstanden?
Moser: Nein. Und wir wollen ja nicht zynisch sein, aber diese Entwicklungen helfen Medienprojekten wie der «Republik» letztlich auch. Daher wage ich die Prognose: Im kommenden Jahr werden wir wie erwartet wohl zwischen dreissig und fünfzig Prozent der Abonnentinnen verlieren, aber nachher liegt ein stabiles Wachstum drin.

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