Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Kann man das Patriarchat losgelöst vom Kapitalismus überwinden?

Schon zwei Wochen nach Stellenantritt erreicht Anna Rosenwasser, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), auch negatives Feedback innerhalb der Organisation. Ein Gespräch über die übergreifende queere Bewegung, die es genauso braucht wie Räume nur für Frauen.

Von Benjamin von Wyl (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anna Rosenwasser: «Ich finde es widerlich, wie sich der Kapitalismus Queerthemen zu eigen macht, wie präsent die Konzerne an der Pride sind.»

WOZ: Anna Rosenwasser, hat sich Ihre Vorahnung, dass Sie als bisexuelle Geschäftsführerin der Lesbenorganisation LOS anecken würden, bereits in den ersten zwei Wochen bewahrheitet?
Anna Rosenwasser: Bisher ist ein älteres Mitglied ausgetreten, da es als lesbische Frau gerne unter lesbischen Frauen geblieben wäre. Sie wolle damit niemanden verletzen, hat sie im Austrittsmail geschrieben. Solche Mails habe ich erwartet, aber jetzt, wo es passiert, fühlt es sich nochmals anders an. Dabei will ein inklusives Verständnis von «frauenliebenden Frauen» gar nicht alle Identitäten einebnen.

Sie haben kurz nach Ihrem Stellenantritt im Vorstand abgeklärt, ob Männer als Mitglieder willkommen sind.
Erstaunlicherweise bekam ich zur Antwort, dass Männer Mitglied der LOS werden sollen. An unserem nächsten Symposium stellen wir uns der Frage, was die LOS ist und wen sie anspricht. Der Anlass wird ohne Männer stattfinden. Denn bevor wir einen anderslautenden Plenumsentscheid haben, bleiben Männer an Anlässen der LOS aussen vor. Es ist auch richtig, dass es Räume und Anlässe gibt, zu denen Männer keinen Zugang haben. Dafür ist die LOS da, aber trotzdem brauchen wir in der Schweiz eine Bewegung, die alle zusammenbringt, die von der Heteronorm abweichen.

Der queere Nachwuchs tritt in der Milchjugend bereits heute vereint auf und hat mit der Selbstbezeichnung «falschsexuell» einen Vorschlag für eine Übersetzung von «queer» geliefert.
Ich mag das Wort «falschsexuell», aber es tönt mir zu sexuell. «Falschsexualität» ist irreführend, da es in der LGBT-Bewegung nicht nur um Sexualität geht.

Ist das Problem, dass in der deutschen Sprache das Wort «sex» nur Sex meint und nicht auch das biologische Geschlecht?
Es ist sowieso eine Fehlannahme, dass Geschlechteridentität und sexuelle Identität zusammenhängen. Deshalb werden Transgender und Nonbinäre – also Leute, die sich keinem der zwei Geschlechter zuordnen – dauernd sexualisiert, obwohl ihre Identität nichts mit ihrer Sexualität zu tun haben muss. Das ist fatal, denn es zementiert Vorurteile und leistet Transphobie Vorschub. Von Transgendern und Nonbinären fühlen sich viele, häufig sind es Cismänner, provoziert. Sobald jemand etwa sagt: «Ich bin nicht nur männlich», werden sie wütend. Die Wut dieser Cismänner erkläre ich mir so: Transgender und Nonbinäre hinterfragen ihre Rollenbilder und damit ihre Machtposition.

Muss ein queerfeministischer Kampf immer auch ein antikapitalistischer Kampf sein? Bitte entschuldigen Sie das Wort «Kampf», wir können auch von «Engagement» sprechen.
Ich wünschte es, aber für mich steht prioritäten- und realitätsbedingt der Queerfeminismus im Vordergrund. Und entschuldigen Sie sich nie wieder für das Wort «Kampf»! Es wirkt auf mich bestärkend.

Kann man das Patriarchat denn losgelöst vom kapitalistischen System überwinden?
Ich finde es widerlich, wie sich der Kapitalismus Queerthemen zu eigen macht, wie präsent die Konzerne an der Pride sind, aber ich setze mich im kapitalistischen System für queerfeministische Themen ein. Mein praktisches Bestreben – dessen bin ich mir schmerzlich bewusst – ist in dem Sinn nicht antikapitalistisch.

Gibt es einen Hype um gewisse queere Labels?
Selbst wenn ein Label gehypt wird, finde ich das prima. Von der Milchjugend bieten wir auf Anfrage einen Workshop an, bei dem wir die Teilnehmenden – meist Schülerinnen und Schüler oder Jusos – ohne Einführung darum bitten, drei Schlagworte über sich aufzuschreiben. Zum Beispiel: Crossfit-Sportlerin, Israelin, Teetrinkerin. Jedes Mal beobachten wir, wie sich die Teilnehmenden nonverbale High Fives quer durch den Raum geben, im Stil von: «Du bist Teetrinkerin? Ich auch!» Andererseits liefern die Workshopteilnehmer viel Kontext und Erklärungen zu ihren Schlagwörtern. Auf sexuelle Identitäten übertragen, zeigt das auf, dass Labels nicht den Anspruch haben, die Komplexität einer Persönlichkeit zu erfassen. Am Ende des Workshops erklären wir den Sinn von Labels: Man erkennt sich. Man kann sich mit anderen verbunden fühlen und der eigenen Identität Ausdruck verleihen. Je mehr Labels es gibt, desto besser, denn es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als zu bemerken: Aha, dafür gibt es ein Wort!

Welches Label hat Sie als Letztes überrascht?
Allosexuell. Es dient als Gegenstück zu asexuell, wie bei cis und trans. Wir verwenden cis, um aufzuzeigen, dass transgender nicht zwingend die Abweichung von einer Norm sein muss. Ich bin allosexuell, verfüge also über ein sexuelles Empfinden – einige andere sind allosexuell. In meinem Freundeskreis wird der Ausdruck mittlerweile hie und da verwendet. Um verstanden zu werden, muss man die Labels aber der Gesprächspartnerin anpassen.

Crossfit-Sportlerin, Israelin, Teetrinkerin – die Beispielschlagwörter, die Anna Rosenwasser (27) im Interview genannt hat, treffen auf sie selbst zu.

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