Nr. 39/2017 vom 28.09.2017

Sollte die Ehe nicht grundsätzlich hinterfragt werden?

Während es sich für Anna Rosenwasser in ihrer neuen Stelle so anfühlt, als würde ihr Aktivismus erwachsen werden, bleibt noch viel zu tun, bis die Schweiz offen und solidarisch ist. Ein Gespräch über die Ehe für alle, die Ehe an sich und gesellschaftlichen Fortschritt.

Von Benjamin von Wyl (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anna Rosenwasser: «Die Ehe ist ein Symptom davon, dass exklusive Zweierbeziehungen gegenüber Freundschaften überbewertet werden.»

WOZ: Anna Rosenwasser, konnten Sie in den ersten Arbeitswochen bei der Lesbenorganisation Los immer Sie selbst bleiben?
Anna Rosenwasser: Es kommt mir vor, als würde ich erwachsen performen, was ich bislang in der Jugendversion gemacht habe.

Wann war dieses Gefühl am intensivsten?
Als ich mit der Los im Bundeshaus war. Mein erstes Mal im Bundeshaus! Am Vorabend hab ich in Tel Aviv noch jede Regenbogenflagge gefeiert, und dann schüttle ich Flavia Kleiner von der Operation Libero die Hand. Das fühlte sich nicht falsch an, sondern einfach wie das Erwachsenwerden meines Aktivismus.

Wozu diente das Treffen?
Es ging um die Ehe für alle. Im ersten Teil trafen wir uns mit Politikerinnen und Politikern und der Initiantin Kathrin Bertschy von der Grünliberalen Partei – die notabene bereits 2013 eine parlamentarische Initiative dazu lanciert hatte. Im zweiten Teil waren wir Aktivistinnen und Aktivisten dann unter uns. Die Gespräche machten mir klar, dass mein Politologiestudium nicht ausreicht, um zu verstehen, wie lange es in der Schweizer Bürokratie dauert, bis alle die Person heiraten dürfen, die sie heiraten wollen.

Sollte die Ehe nicht grundsätzlich hinterfragt werden?
Die Ehe für alle ist der nächste Schritt auf politischer Ebene. Trotzdem hinterfrage ich persönlich die Ehe an sich. Sie ist ein Symptom davon, dass exklusive Zweierbeziehungen gegenüber Freundschaften überbewertet werden. Zweierbeziehungen, die man als einzige «Beziehung» nennt, als wären alle anderen keine!

Kommt auf das Milieu an.
Stimmt, aber im Mainstream meint Beziehung immer Liebesbeziehung. Auf Verheiratete wird der Superlativ des Soziallebens projiziert und ein Grossteil des Alltags konzentriert.

Frauenstimmrecht 1971, Gleichberechtigung in der Ehe seit 1988, die Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1992 strafbar und sogar erst seit 2004 Offizialdelikt. Wieso vollzieht sich gesellschaftspolitischer Fortschritt in der Schweiz so langsam?
Wir sind reich und werden deshalb nach geltenden kapitalistischen Massstäben eingeschätzt. Das lässt uns unterschätzen, wie wenig modern wir eigentlich sind. Diese verschobene Wahrnehmung kann man am Thema Homophobie gut aufzeigen. Mir wurde letzthin vorgeworfen, dass ich Klischees zementiere, wenn ich ländliche Regionen als queerphob betrachte. Dabei hätte ich mich über Städte auch nicht viel positiver geäussert, denn das unverdient queerfreundliche Image von Schweizer Städten ist problematisch! Die Leute sagen: «Zürich ist ein LGBT-Mekka.» Bullshit! In Zürich kannst du mit niemandem vom gleichen Geschlecht Händchen halten, ohne dumm angeschaut oder beschimpft zu werden.

Wie kann man in einer Stadt wie Zürich, die stolz auf die Pride ist und eine lesbische Stadtpräsidentin hat, vermitteln, dass nicht alle Einwohnerinnen und Einwohner vor Sexismus und Homophobie gefeit sind?
Schulische Aufklärung ist wichtig. Viele kennen das Wort «Transgender» nicht und verwenden verletzende Begriffe im Unwissen. Bevor die Sensibilisierung bei allen angekommen ist, wäre es gefährlich, Sichtbarkeit einseitig von der Queercommunity zu verlangen. Wenn du als Transperson in der Öffentlichkeit sichtbar bist, riskierst du unter Umständen dein Leben und mit Sicherheit, dass dir der Tag innerhalb von fünf Minuten verdorben wird. Das Gleiche gilt für händchenhaltende Männer. Am längsten dauert die Veränderung an unbeobachteten Orten: nachts auf der Strasse oder an der Abstimmungsurne. Da wir nicht auf hundertprozentige Aufklärung setzen können, müssen wir – auch unabhängig von Queeraufklärung – eine Kultur fördern, in der man umeinander besorgt ist. Wenn man an der Bushaltestelle etwas Komisches beobachtet, geht man besser einmal zu oft hin und fragt nach, ob alles in Ordnung ist. Es geht darum, die Sprache für eine solidarische Gesellschaft zu finden, das Denken zu lancieren und die soziale Anerkennung für Zivilcourage zu garantieren.

Egal ob Sexismus, Rassismus oder Queerphobie: Die Lösung ist nicht, alle zu überzeugen, sondern die Überzeugten zu aktivieren?
Es geht einfach darum, eigene Privilegien als Verantwortung wahrzunehmen. Ich weiss nicht, wie sich eine Gesellschaft entwickeln konnte, in der das als etwas Negatives gilt. Man will sich ja nur gegenseitig vor Diskriminierung schützen und zueinander Sorge tragen. Wenn man sich nicht gegenseitig freundlich und konstruktiv auf Formen von Diskriminierung hinweisen kann, lernt niemand etwas. Privilegien machen blind.

Glauben Sie daran, dass diese Einsichten in allen politischen Lagern fruchten?
Das Thema ist besser vereinbar mit linken Zielsetzungen, aber es ist nicht per se links. Ich glaube, bei LGBT-Themen kann fehlendes Wissen auch ein Vorteil sein. Wenn wir Leute mit neuen Informationen konfrontieren, haben wir eine Chance, sie nur schon dadurch zu überzeugen.

Anna Rosenwasser (27) schätzt es, dass sich die Milchjugend vor den Partys am Hauptbahnhof Zürich trifft und gemeinsam zum Club geht. Das stärke den Zusammenhalt, alle Beteiligten fühlten sich sicherer – und hätten mehr Spass.

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