Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Ein Sack Reis für die Banker

Der Westen wartet auf die Auswirkungen der Finanzkrise in China - dabei ist die Krise längst da. Allerdings nicht unbedingt wegen der Katastrophe auf den internationalen Finanzmärkten.

Von Wolf Kantelhardt, Beijing

«Mit meinem Sohn habe ich Glück», sagt die füllige Yu Xiaomei und strahlt über ihr rundes Gesicht. «Von seinem ersten Gehalt hat er mir das hier gekauft.» Sie zieht an ihrem mit riesigen roten Rosenblüten bedruckten schwarz-weiss gestreiften Kleid. «Und den Reis, das Mehl und das Öl, das seine Arbeitseinheit ausgeteilt hat, hat er mir auch gegeben.» Wie bitte? Reis, Mehl und Öl? Ist ihr Sohn denn nicht seit seinem Abschluss in Management an der berühmten Beijinger Volksuniversität in der Zhaoshang-Bank für Immobilienkredite zuständig? «Doch. So eine gute Arbeit ist das. So viele Wohlfahrtsleistungen. Den vielen Reis kann meine Familie gar nicht alleine essen.» Yu Xiaomei ist hochzufrieden. Dabei ist es nicht so erstaunlich, dass ihr Sohn alle «Wohlfahrtsleistungen» seiner Bank bei ihr abliefert - er wohnt noch zu Hause.

10 000 Yuan Renminbi (rund 1700 Franken) verdient Yu Xiaomeis Sohn Zhang Yang im Monat. Damit hätte er sich eine eigene Wohnung kaufen können. Seine Mutter bestand jedoch darauf, dass er bis zu seiner Hochzeit zu Hause wohnt. Dass er noch nicht ausgezogen ist, hat allerdings noch einen weiteren Grund: den Beijinger Immobilienmarkt. «Alle wussten, dass die Preise nach den Olympischen Spielen fallen würden. Ein Quadratmeter kostete vorher 17 000 Yuan, jetzt nur noch 14 000 Yuan. Nächstes Jahr kaufe ich mir eine Wohnung», kündigt Zhang an. Und was macht er bis dahin mit seinem Geld? Aktien kaufen? «Auf keinen Fall!», ruft seine Mutter erschrocken. «Das spart er.»

Aktien kaufen ist für die chinesischen AnlegerInnen Spekulation und nicht sparen. Und in diesem Fall hat Zhang, auch wenn er selbst bei seiner eigenen Bank nur negative Realzinsen bekommt und wenn es nicht ganz freiwillig war, die richtige Entscheidung getroffen.

Die Gewinne sind weg

Seit dem Hoch im November 2007, als der Shanghai-Composite-Aktienindex über 6000 Punkte zählte, hat der Index drei Viertel eingebüsst. Er steht nun bei knapp 1800 Punkten. Einige chinesische AnlegerInnen rufen schon seit Monaten nach dem Staat - vergeblich, aber verständlich: Laut Bao Ke, einem Professor an der Beijinger University of International Business and Economics, beträgt der Anteil der zumindest teilweise staatlichen Unternehmen am Markt achtzig Prozent. «Werden Banken und Broker mit eingerechnet, ist der staatliche Anteil noch grösser.» Vielleicht funktioniert die chinesische Börse deshalb nach eigenen Regeln: Aktienpreise stehen mit den Unternehmensgewinnen fast nie in einem von aussen ersichtlichen Zusammenhang. Und ihr Geld auf ausländischen Kapitalmärkten anlegen dürfen die chinesischen BürgerInnen nicht. Das bleibt sicherheitshalber den staatlichen ExpertInnen vorbehalten. Doch auch die können sich irren:

Im Mai 2007 kaufte China Investment Corporation, der chinesische Staatsfonds, Anteile der amerikanischen Blackstone Group Investmentbank für drei Milliarden Dollar. Der damalige Kaufpreis lag bei 29,61 Dollar pro Aktie, heute sind die Aktien knapp ein Viertel wert. Verlust: 2,2 Milliarden Dollar.

Im Juli 2007 kaufte die staatliche China Development Bank für insgesamt 1,5 Milliarden Pfund 3,1 Prozent der Anteile der britischen Barclays Bank. Heute ist das Paket noch rund 400 000 Pfund wert. Verlust: 1,1 Milliarden Pfund.

Im November 2007 kaufte die chinesische Pingan-Versicherungsgesellschaft für insgesamt 1,8 Milliarden Euro einen 4,18-Prozent-Anteil am Finanzdienstleister Fortis. Der Kaufpreis lag bei 19,5 Euro pro Aktie, heute ist sie nur noch einen Bruchteil wert. Verlust: 1,7 Milliarden Euro.

Im Januar 2008 kaufte das staatliche chinesische Aluminiumunternehmen Chinalco zusammen mit dem US-amerikanischen Partner Alcoa zwölf Prozent der multinationalen Bergbaugesellschaft Rio Tinto - für 60 britische Pfund pro Aktie. Der aktuelle Aktienpreis beträgt noch rund 22 Pfund.

Die Liste liesse sich fortsetzen. Alle Verluste der chinesischen Foreign-Direct-Investments-Anlagen sind aber nichts im Vergleich mit den Verlusten, die durch die Wechselkursveränderung entstanden sind: China hat Devisenreserven in Höhe von fast zwei Billionen Dollar. Davon sind etwa sechzig Prozent US-amerikanische Staatsanleihen. Laut Berechnungen von Lei Jiasu, einem Professor an der Beijinger Tsinghua-Universität, entspricht der Verlust durch die jüngste Abwertung des Dollar im Vergleich zum Yuan den gesamten chinesischen Gewinnen aus dem Aussenhandel der letzten fünf Jahre: vierzig Milliarden Dollar. «Die Gewinne sind weg, was bleibt, sind die Umweltverschmutzung und der zerstörte Lebensraum, mit denen sie erkauft wurden.» Dennoch sieht er keine Gefahr für das chinesische Finanzsystem: «Die grössten Auswirkungen hat die Krise nicht auf unseren Finanzbereich, sondern auf die exportorientierte Industrie im Süden.»

Krise im Süden

Aber im Süden herrscht nicht wegen der aktuellen Finanzkrise schlechte Stimmung, die Krise ist schon lange da. «Bereits im Januar gab es Entlassungen, als das neue Arbeitsgesetz in Kraft trat. Im Mai stieg die Zahl weiter, als das neue Schiedsrecht zur Beilegung von Arbeitskonflikten dazukam», sagt Guo Ping, die Gründerin einer nichtstaatlichen Organisation aus Shenzhen, die sich für die Rechte von ArbeiterInnen einsetzt. «Es ist schwer zu sagen, wie viele Unternehmen jetzt wegen der neuen Gesetze abwandern und wie viele wegen ausbleibender Aufträge schliessen. Aber meiner Ansicht nach sind die Auswirkungen des Arbeitsgesetzes grösser als die der Finanzkrise.» Sie wirft einen Blick über die hohen Stapel von Informationsbroschüren zu den Arbeitsgesetzen, die sie an ArbeiterInnen verteilen wird. «Wenn viele Arbeiter auf einmal entlassen werden, ohne dass sie ihre einmonatige Lohnfortzahlung erhalten, springt manchmal die Regierung ein, damit alles ruhig bleibt», erklärt sie. «Aber das ist auch schon alles.»

Yu Xiaomei hat ihrem Sohn wohl sogar einen Gefallen damit getan, als sie ihn nicht früher ausziehen liess. Genauso wie der chinesische Staat seinen BürgerInnen, weil er sie ihr Geld nicht im Ausland anlegen liess. Die Industrie im Süden nutzt derweil die internationale Finanzkrise, um ArbeiterInnen zu entlassen und dabei die auch nach den neuen Arbeitsgesetzen nur sehr geringen Sozialleistungen auf die Regierung abzuwälzen. Schliesslich sieht die chinesische Regierung in der Krise die Chance - wie schon bei der asiatischen Finanzkrise vor zehn Jahren - eine konstruktive Rolle zu spielen und international an Ansehen zu gewinnen.

Die internationale Finanzkrise hat nicht nur die chinesische Währung, sondern auch das chinesische Selbstbewusstsein gestärkt, das sich nichts mehr wünscht, als dass das Reich der Mitte Dreh- und Angelpunkt der Welt ist. «Viele korrupte Beamte haben ihr Geld in die USA gebracht und dort Immobilien gekauft. Nachdem das Rechnungsprüfungsamt wegen der neuen Antikorruptionskampagne seine Kontrollen verschärft hatte, trauten sie sich das nicht mehr. Deshalb sind die US-amerikanischen Immobilienmarktpreise eingebrochen. So hat die Finanzkrise angefangen», sagt Cheng Zhixin, die junge Frau, die Zhang nächstes Jahr heiraten und mit der er in die noch zu kaufende Wohnung ziehen will. Dann blickt sie auf, sieht, dass das Lächeln auf dem Gesicht Yu Xiaomeis verschwunden ist und fügt schnell hinzu: «Das ist nur ein Witz!» Nicht, dass Yu Xiaomei auf den Gedanken kommen könnte, mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter weniger Glück zu haben als mit ihrem Sohn.