Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Freier Fall

Es gibt Schriftsteller, um die man sich ernsthaft Sorgen macht, so niederschmetternd unbarmherzig grausam sind ihre Bücher. Unbedingt zu nennen sind hier die Romane von David Vann. Der 1966 in Alaska geborene Autor ist einer der ganz grossen Tragödiendichter unserer Tage, regelrecht besessen von Geschichten, in denen die ProtagonistInnen sich gegenseitig zerfleischen, sich und anderen derart viel psychische Gewalt antun, dass am Ende der (gewaltsame) Tod einer oder mehrerer Personen unausweichlich ist.

Vann, dessen Familiengenealogie fünf Suizide und einen Mord verzeichnet, beeindruckt nach der so grandiosen wie ernsthaft bedrückenden Vater-Sohn-Geschichte «Im Schatten des Vaters» aus dem Vorjahr mit dem Ehe- und Familienroman «Die Unermesslichkeit» nun also einmal mehr. Bereits auf den ersten Seiten wird klar: Der Traum des einen ist der Albtraum des anderen. Wenn Gary, den Vann mit hartem Strich als reichlich planlosen Gesellen zeichnet, nach dreissigjähriger Ehe beschliesst, den Rest seines Lebens mit seiner Ehefrau in einer kleinen Hütte auf einer kargen Insel vor Alaska zu verbringen, fährt Irene ob dieser Aussicht der Schrecken in die Glieder. Als Gary sich mit wahrhaft grandiosem Dilettantismus ans Hüttenbauen macht, reagiert sie mit heftigen Kopfschmerzen, die einfach kein Ende finden wollen.

Tochter Rhoda ahnt Schlimmes, hat aber mit sich und ihrer eigenen Beziehung mehr als genug zu tun. Derweil treibt Vann in kraftvollen Sätzen von grosser Klarheit das Paar in immer tiefere Ehekonflikte, Panikattacken und Wutausbrüche. Und in kaltes Schweigen. All das geschieht inmitten einer Landschaft, die ebenso überwältigend ist, wie sie locker in der Lage scheint, menschliches Leben einem Happen Fisch gleich runterzuschlucken. Als Leser möchte man Gary und Irene ein ums andere Mal «Aufhören!» zurufen. Allein, es hört erst auf, wenn alles zu spät und die letzte Sprosse der Eskalationsleiter erklommen ist.

Von Michael Saager

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