Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Die Urangst der Trennung

Von Stephan Pörtner

Woher die Kabel kamen, konnte niemand mit Sicherheit sagen. Aber sie waren da. Dicke, dünne, lange, kurze, weisse, graue, schwarze und bunte Kabel, an denen zum Teil abenteuerliche Stecker hingen, die nirgends mehr hineinpassten. In Schachteln und Schubladen lungerten und lauerten sie vor sich hin, wissend, der längst fälligen Entsorgung noch manches Jahr zu entgehen, weil ihr Anblick die Urangst auslöste, sich vom Richtigen zu trennen und das Falsche zu behalten. Die Erinnerung an das ausgegebene Geld und die damit verbundene Hoffnung, mittels dieser Kabel in ungeahnte Sphären des Komforts und der Konnektivität vorzustossen, liessen jeden Versuch, sie loszuwerden, scheitern.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben, das unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich ist. Sein 2013 erschienener Krimi «Mordgarten» ist unter https://www.woz.ch/shop/buecher erhältlich.

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