Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

«SDA steht für uns alle»

1985, als Student, begann der Walliser Pierre Berclaz für die SDA zu arbeiten. Heute ist er immer noch dabei – doch die Geschäftsleitung will ihn und fast alle älteren Mitarbeitenden entlassen. Porträt eines engagierten Journalisten im Hintergrund.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Béatrice Devènes (Foto)

Und plötzlich macht er bei einem Streik mit: Pierre Berclaz von der SDA-Regionalredaktion Wallis.

Er habe den Aktivismus nicht in den Genen, sagt Pierre Berclaz. Er ist keiner, der in seiner Jugend auf die Strasse ging. Und er hätte nie gedacht, dass er mit fast sechzig Jahren plötzlich im Streik stünde – im ersten Schweizer JournalistInnenstreik seit Jahren. Am Dienstag letzter Woche hat die Redaktion der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) ihre Arbeit niedergelegt. Denn die Geschäftsleitung der als Aktiengesellschaft organisierten Agentur will 36 der 150 Redaktionsvollzeitstellen abbauen. «Uns wurde gesagt, dass alle Frauen über 60 und Männer über 61 entlassen werden», sagt Berclaz (siehe WOZ Nr. 4/2018).

Er ist einer davon. Abgesehen von einem kurzen Unterbruch hat der Walliser sein ganzes Arbeitsleben bei der Depeschenagentur verbracht: seit er 1985 als Geografiestudent an der Universität Zürich am Schwarzen Brett eine Stellenanzeige entdeckte. Gesucht war eine Person französischer Muttersprache mit guten Deutschkenntnissen und Grundwissen über Wirtschaft. Perfekt für Berclaz, der eine Wirtschaftsmatur gemacht und ein Jahr in München gelebt hatte. Dass es die SDA war, die eine Aushilfe suchte, erfuhr er erst am Telefon. Der neue Job gefiel ihm gut. Nach eineinhalb Jahren bekam er eine Festanstellung.

Bis Anfang der neunziger Jahre blieb er in Zürich, dann sah er eine Chance, ins Wallis zurückzukehren, und nahm eine Stelle bei der Tageszeitung «Le Nouvelliste» in Sion an. Doch es blieb ein kurzes Gastspiel: Ein Jahr später wechselte der damalige Walliser SDA-Korrespondent in die SDA-Chefredaktion und fragte seinen ehemaligen Zürcher Kollegen, ob er übernehmen wolle. So kam Berclaz zurück zur SDA – und blieb. Sion ist eine von zwölf Regionalredaktionen der Agentur, dazu kommen ein Büro in Brüssel und eins in Sydney, das die frühere Nachtschicht ersetzt.

Nichts für eitle SchreiberInnen

Seit kurzem ist die Walliser SDA beim «Nouvelliste» eingemietet – in einem seltsamen Gewerbegebäude mit dem Charme eines alten Motels, direkt am Bahnhof Sion. Seit die SDA-Belegschaft den Streik am 2. Februar sistierte – Mitte Monat sollen Gespräche mit dem Verwaltungsrat stattfinden –, ist Pierre Berclaz wieder auf seinem Posten im kleinen Büro, das er mit seiner Kollegin Véronique Salamin teilt. Er arbeitet Montag bis Mittwoch, sie Mittwoch bis Freitag, am Wochenende übernehmen sie abwechselnd das Pikett. Berclaz wirkt freundlich und gelassen; nichts deutet darauf hin, dass ihn die drohende Entlassung und die Streikwoche aufgewühlt haben. Im Gespräch wird schnell spürbar, wie ernsthaft und leidenschaftlich der Walliser am Werk ist. «Es ist spannend, lange in der gleichen Region zu arbeiten. In einer Region, die man richtig gut kennt», sagt er. Er geniesse die grosse Selbstständigkeit im Regionalbüro, aber auch den intensiven Austausch mit KollegInnen. Seine Tochter Laïna arbeitet im SDA-Büro in Bern.

Journalismus kann ein eitler Beruf sein. Mit brillanten Analysen und dramatischen Reportagen das Publikum zu beeindrucken, tagelang auf den sozialen Medien im Gespräch zu sein, davon träumen viele. SDA-JournalistInnen haben eine ganz andere Aufgabe: Sie liefern den Grundstock an Informationstexten und -videos, die von den Redaktionen abonniert, übernommen und weiterverarbeitet werden können. Niemand von den LeserInnen kennt ihre Namen. Die SDA ist der Objektivität verpflichtet. Das gehe so weit, sagt Berclaz, dass bereits ein Verb wie «souligner» (betonen, unterstreichen) verpönt sei – es gelte als Wertung. Absolute Objektivität könne es zwar nicht geben: «Schon die Entscheidung, mit welcher Information ich einen Text anfange, ist subjektiv.» Aber in ihren Texten gehe es um «reine Information». Ausserdem müssen SDA-JournalistInnen bei jeder Info angeben, aus welcher Quelle sie stammt, manchmal in jedem Abschnitt von neuem. «Das macht es schwieriger, einen Text mit Pepp zu schreiben.»

Weil oft kein Name unter den Texten stehe, werde das Kürzel SDA umso wichtiger, sagt Berclaz. «Viele Kollegen identifizieren sich sehr stark mit der Firma. Wenn SDA dasteht, steht das für uns alle.»

Pikett und Lawinenstress

Das Telefon klingelt. Ein Kollege von SDA Sport in Lausanne will wissen, ob Berclaz morgen an die Pressekonferenz des Komitees für die Olympiakandidatur «Sion 2026» gehe. Sport ist das einzige Regionalthema, für das SDA Sport und nicht die SDA-Regionalredaktion zuständig ist. Für Ereignisse rundherum allerdings schon: «Wenn Hooligans – rein hypothetisch – am Bahnhof Sion Scheiben einschlagen, berichten wir, nicht die Sportredaktion.» Genauso über die Kandidatur für die Olympischen Winterspiele, über die das Wallis im Juni abstimmt. Wozu er wann eine Meldung verfasst, diskutiert Berclaz mit der SDA-Redaktion, aber oft entscheidet er selbst. «Klar, viele Themen sind Pflicht. Aber manchmal sind auch Kleinigkeiten wichtig. Ein Kanton lebt nicht nur von Grossereignissen.»

Wahlen und Abstimmungen sind planbar, vieles andere muss Pierre Berclaz nehmen, wie es kommt. Bei Ereignissen wie dem grässlichen Busunfall bei Sierre 2012, bei dem 28 Menschen starben, schickt die SDA aus Lausanne oder Bern Unterstützung. Doch der Kanton ist gross, der Stress manchmal auch: «Im Lawinenwinter 1999 betreute ich das Walliser Büro noch allein und war komplett überfordert.» Ein Jahr später erhielt er Verstärkung, und seit 2007 arbeitet er mit Véronique Salamin zusammen.

Wenn wenig los ist, haben die RegionalredaktorInnen auch einmal Zeit, ein Hintergrundthema aus der Region zu beleuchten – wissen allerdings nie, wann sie unterbrochen werden: «Wenn etwas passiert, müssen wir alles andere stehen lassen.» An Pikettwochenenden nimmt Berclaz den Laptop mit, er hat Zugriff auf Datenbanken und SDA-Intranet, kann wenn nötig auch unterwegs Meldungen verfassen. «Aber ich schaue immer, dass ich nicht mehr als eine Fahrstunde von Sion weg bin.»

In all den Jahren habe sich die Betriebskultur bei der SDA wenig verändert, sagt Berclaz – abgesehen von kleinen Krisen sei sie immer sehr gut gewesen. So nahm er die Gerüchte über einen Abbau zuerst nicht so ernst. Bis zum 15. Januar, als die Westschweizer Mitarbeitenden nach Lausanne geladen und über den Abbau informiert wurden. Zehn Tage später erfuhr Berclaz, dass er im November 2019, mit 61 Jahren, entlassen werde.

Ausgerechnet die Neutralsten

Seit Jahren wird im Schweizer Journalismus abgebaut, ausgedünnt, eingespart. Redaktionen und Gewerkschaften protestieren regelmässig, aber die SDA-Belegschaft ist – seit den JournalistInnen von «L’Express» und «L’Impartial» 2008 in Neuenburg – die erste, die einen Schritt weiter gegangen ist. Ausgerechnet die neutralste und objektivste Schweizer Presseinstitution. Bestätigt das den Vorwurf von rechts, der mit «No Billag» im Raum steht: Sind JournalistInnen tendenziell links? «Insgesamt haben Journalisten ein grösseres soziales Gewissen», ist Berclaz überzeugt. «Wir zeigen Ungleichheiten auf. Das ist unser Beruf.»

Der Streik ist nicht beendet, nur sistiert. «Die Redaktionskommission, die gemeinsam mit den Gewerkschaften mit dem SDA-Verwaltungsrat verhandelt, kann jederzeit das Personal versammeln, wenn sie das Gefühl hat, es gehe in eine ungute Richtung. Nach den Verhandlungen werden wir wohl abstimmen, ob wir mit dem Resultat zufrieden sind.» Berclaz bleibt optimistisch: «Solange ich nichts Genaueres weiss, spekuliere ich nicht über die Zukunft.»

Zukunft der SDA

Gemeinnützig statt Dividendenmaschine?

Wie geht es weiter mit der SDA? Letzte Woche streikte die Redaktion vier Tage lang gegen die massiven Abbaupläne der Geschäftsleitung. Seit dem 2. Februar ist der Streik sistiert; Mitte Monat sollen Verhandlungen stattfinden. Doch auch falls sich beide Seiten einig werden: Für die Zukunft bleiben viele Fragen offen. Zum einen möchte die Geschäftsleitung die SDA mit der Bildagentur Keystone fusionieren (siehe WOZ Nr. 51 + 52/2017). Die SDA, bisher nicht gewinnorientiert, soll ein Unternehmen werden, das Dividenden ausschüttet. Zum anderen läuft noch bis zum 16. Februar die Vernehmlassung zur Teilrevision der Radio- und Fernsehverordnung: Die SDA soll künftig mit einem jährlichen Beitrag aus der Radio- und Fernsehabgabe unterstützt werden können. «Die Unterstützung wird mit einer Leistungsvereinbarung verknüpft werden, welche die lokal-regionalen Bedürfnisse in den Vordergrund stellt», schreibt das Bundesamt für Kommunikation.

Das ist an sich begrüssenswert – und ein Schritt zu einer öffentlichen Medienförderung, die über die SRG hinausgeht, wie es die Medienexperten Mark Eisenegger und Hansi Voigt fordern (siehe WOZ Nr. 5/2018: «‹Medien, die den Mächtigen auf die Finger schauen›», «Basis für eine blühende Medienlandschaft»). Doch lassen sich öffentliche Gelder noch rechtfertigen, wenn die SDA ein gewinnorientiertes Unternehmen wird? Als Antwort auf diese Frage bereitet Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen, einen Antrag an die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen vor, der sie angehört. «Der Bundesrat soll festschreiben, dass die öffentlichen Leistungen an die SDA als Sonderrechnung ausgewiesen werden. Er muss sicherstellen, dass keine öffentlichen Gelder in Dividendenzahlungen fliessen.»

Um den Service-public-Auftrag der SDA langfristig zu sichern, plant Rytz einen zweiten Antrag: «Der Bundesrat soll mit den Verlagshäusern, denen die SDA gehört, über Zukunftsstrategien sprechen. Dabei muss auch die Umwandlung der SDA in eine Stiftung eine Option sein.» Angesichts der Medienfinanzierungskrise sei es eine Illusion, zu glauben, dass sich mit der Agentur viel Geld verdienen lasse – auch nach einer Fusion mit Keystone. Rytz ist überzeugt: «Eine gemeinnützige SDA wäre für die Verleger eine Entlastung.»

Bettina Dyttrich

Nachtrag vom 1. März 2018

SDA-MitarbeiterInnen wollen weiterverhandeln

Die Proteste bei der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) gehen in die nächste Runde: «Die Stimmung ist nach wie vor kämpferisch», sagt SDA-Redaktor Sebastian Gänger. «Wir sind zwar perplex ob der Haltung des Verwaltungsrats und teils ein bisschen müde. Aber wir geben noch lange nicht auf.»

Ende Januar war die Redaktion in einen unbefristeten Streik getreten, da sie von drastischen Abbaumassnahmen bedroht ist: Insgesamt sollen 35,6 von 150 Vollzeitstellen abgebaut, 19 von 180 MitarbeiterInnen entlassen werden. Darunter sind 11 über Sechzigjährige – sie zwingt man geradezu in die Frühpension. Weitere 51 MitarbeiterInnen müssen eine Reduktion von bis zu dreissig Prozent ihres Pensums in Kauf nehmen.

Nachdem sich der SDA-Verwaltungsrat Anfang Februar nach vier Streiktagen endlich zu Verhandlungen bereit gezeigt hatte, sistierte die Belegschaft ihren Streik bis auf Weiteres. Doch schon nach vier Gesprächsterminen erklärte der Verwaltungsrat die Verhandlungen für gescheitert. Nun soll die Einigungsstelle des Staatssekretariats für Wirtschaft schlichten.

Eine solche Vermittlung kann sich die SDA-Belegschaft durchaus vorstellen – unter einer Bedingung: Die Kündigungen und Stellenkürzungen müssen ausgesetzt werden, zumindest bis das Schlichtungsverfahren abgeschlossen ist. Dies solle der Verwaltungsrat bis zum 1. März schriftlich bestätigen, fordert die Redaktion.

«Wir wollen verhandeln und sind bereit, diesen Weg zu gehen», sagt Gänger. «Aber wir müssen verhindern, dass zugleich hinter den Kulissen weiter abgebaut wird. Deshalb brauchen wir dieses Bekenntnis als Pfand.»

Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin der Mediengewerkschaft Syndicom, die gemeinsam mit dem Berufsverband Impressum den Widerstand der SDA-Belegschaft unterstützt, sieht das genauso: «Man kann nur etwas schlichten, das verhandelbar ist und nicht bereits durch vollendete Tatsachen zementiert wurde.»

Tritt die SDA-Redaktion wieder in den Streik, wenn der Verwaltungsrat die Kündigungen nicht sistiert? Damit werde sich die Redaktion beschäftigen, wenn es so weit sei, sagt Vonarburg. Aber auch die Direktion der SDA sollte sich Gedanken um die Zukunft machen: «Bislang konnte niemand plausibel darlegen, wie die SDA mit viel weniger Stellen umfassend und qualitativ hochwertig arbeiten soll.»

Merièm Strupler

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