Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Posieren für die Autokraten

Sport und Spektakel: PolitikerInnen nutzen populäre Grossereignisse wie Fussballweltmeisterschaften immer wieder zur Selbstinszenierung – und können dabei auf willfährige AthletInnen zählen.

Von Daniel Hackbarth

Nicht nur der Ball rollt im Männerfussball, sondern auch der Rubel: Die WM in Russland dürfte die teuerste aller Zeiten werden, Schätzungen zufolge könnte das Turnier den russischen Staat bis zu fünfzig Milliarden Franken kosten, viel mehr als ursprünglich veranschlagt. Vor allem Stadionbauten schlagen zu Buche, einen nicht unerheblichen Teil der Summe verschlingt aber auch das Sicherheitskonzept. Schliesslich gilt es, potenzielle GewalttäterInnen von den Stadien fernzuhalten.

Dieses Vorhaben ist allerdings schon beim Eröffnungsspiel gescheitert. Während der Partie zwischen den Gastgebern und Saudi-Arabien hatte es sich neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman auch der weissrussische Autokrat Alexander Lukaschenko in der Ehrenloge bequem gemacht. Dieser trägt den wenig schmeichelhaften Ehrentitel «letzter Diktator Europas»; Putin und Bin Salman wiederum betätigen sich derzeit fleissig als Kriegsherren – in der Ostukraine, in Syrien, im Jemen. Lupenreine Gewalttäter also, die nun vor dem Fernsehpublikum in aller Welt miteinander schäkern durften.

Bersets Abstecher in den Fanblock

Bilder wie diese hatten MenschenrechtlerInnen befürchtet und deswegen im Vorfeld des Spektakels immer wieder einen WM-Boykott ins Spiel gebracht. Auch Schweizer PolitikerInnen hatten sich in der Sache zu Wort gemeldet und gefordert, dass Bundespräsident Alain Berset nicht nach Russland fahren solle, da dort der Rechtsstaat mit Füssen getreten werde. Vergebens. Berset weilte vergangenen Sonntag in Rostow, wo er das erste Spiel der Schweizer Nationalmannschaft live im Stadion verfolgte. Eine Gelegenheit, die der Sozialdemokrat auch für einen Abstecher in den Fanblock nutzte, wo er gut gelaunt Volksnähe zelebrierte; die Boulevardpresse erklärte Berset daraufhin wohlwollend zum «Selfie-König».

Angela Merkel in Perfektion

Ob also RepräsentantInnen liberaler Demokratien oder Gewaltherrscher: Sie alle präsentieren sich gerne bei sportlichen Grossereignissen. Das zugrunde liegende Kalkül ist simpel. Da SpitzenathletInnen gemeinhin viel Bewunderung geniessen, muss davon doch zumindest ein bisschen auch auf den oder die politische WürdenträgerIn abstrahlen – und damit zugleich von weniger Populärem ablenken. Dass Fussball bloss als Opium für die Massen diene, ist eigentlich eine vulgär anmutende Kritik. Aber den Beleg dafür lieferte der Kreml unmittelbar nach dem russischen 5 : 0-Sieg zum Auftakt: Als das Land im Freudentaumel lag, gab die Regierung in Moskau bekannt, dass das Pensionsalter kräftig angehoben werde.

Leichter jedenfalls als mit Sport ist für PolitikerInnen Werbung in eigener Sache kaum zu haben. Angela Merkel hat es in dieser Disziplin fast zur Perfektion gebracht: Seit dem «Sommermärchen» von 2006, der WM im eigenen Land, zeigt sich die deutsche Kanzlerin immer wieder bei Spielen des DFB-Teams im Stadion, wo sie dann stets eifrig mitfiebert und mitjubelt; bei solchen Anlässen wirkt Merkel auf derart authentische Weise unbeholfen, dass dies der ansonsten eher spröden Politikerin zweifellos viele Sympathien in der Bevölkerung eingebracht hat.

Eine weitaus skrupellosere Variante der Methode Merkel wendet indes Ramsan Kadyrow an. Der Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien ist ein treuer Gefolgsmann Putins und regiert sein Land, das lange Schauplatz eines verheerenden Bürgerkriegs war, mit eiserner Faust; MenschenrechtlerInnen berichten immer wieder davon, dass Oppositionelle gefoltert werden oder gleich ganz verschwinden. Dennoch hat die ägyptische Nationalmannschaft in der inzwischen generalüberholten tschetschenischen Hauptstadt Grosny ihr WM-Quartier aufgeschlagen – im Einvernehmen mit dem Weltfussballverband Fifa, der offenbar in den vor Ort herrschenden Verhältnissen kein Problem sieht.

Kadyrow, der in einem Interview einmal die Existenz von Homosexuellen in seinem Reich schlichtweg geleugnet hat («Wir haben hier keine Schwulen»), nutzte denn auch die Chance, die ihm der prominente Besuch bot. So tauchte er unangemeldet im Hotel der ägyptischen Auswahl auf und forderte deren Stürmerstar Mohamed Salah zum Fototermin auf. Salah, der im Vereinsfussball für den FC Liverpool Tore schiesst, leistete dem Wunsch Kadyrows brav Folge, sei es nun aus Naivität oder Ignoranz oder weil er einfach überrumpelt worden war.

Widerspenstige US-Athleten

Salah wurde dafür in der internationalen Presse zerrissen, ähnlich wie schon einige Wochen zuvor die deutschen Kicker Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten ablichten lassen. Beispiele wie diese zeigen, dass die von FunktionärInnen immer wieder bemühte Behauptung, Fussball und Politik hätten nichts miteinander zu tun, eines der grossen Märchen des modernen Spitzensports ist, das vor allem der Rechtfertigung dient, Geschäfte mit wem auch immer zu machen.

Dass es auch anders geht, haben zuletzt Sportler jenseits des Atlantiks bewiesen. Monatelang hatten Spieler der National Football League (NFL) – also ausgerechnet Vertreter einer nicht gerade als feingeistig verschrienen Disziplin – Aufsehen erregt, weil sie sich aus Protest gegen rassistische Polizeigewalt weigerten, vor den Begegnungen zur US-Hymne aufzustehen. Anfang Juni weigerten sich zudem Teammitglieder der Philadelphia Eagles, des diesjährigen Super-Bowl-Champions, an einem geplanten Empfang im Weissen Haus teilzunehmen. Präsident Donald Trump sagte daraufhin die Veranstaltung ganz ab.

Noch bleiben den Fussballern, die derzeit in Russland auf den Platz gehen, einige Wochen, um es ihren widerspenstigen Kollegen in Nordamerika gleichzutun.