Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Wie wird man zur Feministin?

Die Historikerin Caroline Arni spricht über ihr neues Buch zur Wissenschaftsgeschichte fötalen Lebens, erzählt, wie sie zu Schwangerschaft und Leihmutterschaft steht, und erklärt, warum Feminismus keine abstrakte Theorie ist.

Von Caroline Baur (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Caroline Arni: «Als Kind habe ich die Widersprüche empfunden, die die Generation meiner Mutter prägten: diese Mischung aus starken Konventionen und dem Verlangen nach Ausbruch.»

WOZ: Caroline Arni, letzten Monat erschien Ihr neues Buch, «Pränatale Zeiten». Der Titel hört sich an wie Ratgeberliteratur für Schwangere. Ist die Assoziation mehr als nur ein Zufall?
Caroline Arni: Ja, die Assoziation trifft es schon. Es geht im Buch darum, wie die Wissenschaften im 19. Jahrhundert das Ungeborene definierten, als Phase im Leben, die alles prägt, was kommt. Ein Kinderpsychologe nannte es die «erste Seite», die man «entziffern» müsse, um Menschen zu verstehen. Vor allem Ärzte und Psychologen interessierten sich dafür. Welche Krankheiten haben dort ihren Ursprung? Aber auch: Hat der Fötus schon eine Psyche, fühlt er Schmerz, hat er ein Bewusstsein? Die erste Frage wird heute wieder sehr intensiv erforscht. Und daraus lassen sich dann allerhand Regeln für schwangere Frauen ableiten.

Was passierte im Zeitraum, den Sie untersucht haben?
Im 19. Jahrhundert begann man, diese Fragen empirisch zu erforschen. Man untersuchte tote menschliche Embryonen, aber man machte auch Experimente mit lebenden Tierföten, mit Neugeborenen und Schwangeren. Es ging nicht mehr um Annahmen, Theorien und Anschauungen. Man wollte es genau wissen. Und dazu legte man Hand an. Aber die grosse Frage haben wir immer wieder: Wann ist da ein Mensch?

Heute wird die Frage der Leihmutterschaft kontrovers diskutiert. Homosexuelle oder kinderlose Paare können sich so den Kinderwunsch erfüllen. Wie steht es aber um die Leihmütter?
Aus feministischer Perspektive halte ich etwas für grundlegend: Es kann kein Recht auf Kinder geben, weil es sonst eine Verfügungsgewalt über jene geben müsste, die Kinder austragen und gebären. Kinderlosigkeit ist keine Diskriminierung. Jetzt kann man sagen: Der Markt regelt das. Kinderkriegen ist eine Arbeit wie jede andere. Dann aber müssen wir Leihmutterschaft so handhaben: angemessener Lohn für körperliche Schwerstarbeit, für Arbeit, die hoher Sorgfalt bedarf, durchgehende Schichtzulage, Sozialversicherungen und so weiter. Das wird teuer – zu Recht.

Ist es nicht problematisch, Schwangerschaft als Dienstleistung zu begreifen?
Ja, ich teile diesen Einwand. Dahinter steht ein anderes Argument: Schwangerschaft erzeugt einen Menschen. Menschen sind keine Waren, und deshalb kann ein Kind nur «gegeben» werden. Eine «Gabe» aber schafft ein Beziehungsgefüge. Da ist eine Mutter, die das Kind gibt, und ein Paar, das es empfängt. Für Leihmutterschaft würde das heissen: Ein Verkauf der Arbeitsleistung «Schwangerschaft» muss mit einer Anerkennung dieser Beziehung zwischen Personen verbunden sein. Sonst nämlich sagen wir: Schwangerschaft ist nur so eine Art Stoffwechselvorgang, da werden Keimzellen in einen Organismus verwandelt, mit der Schwangeren als Person hat das nichts zu tun. Das ist ein alter Topos, der in der Geschichte dazu gedient hat, Frauen abzuwerten und Mütter von ihren Kindern zu trennen. Letztlich geht es darum, was Schwangerschaft und Geburt für uns sind.

Was sind sie denn für Sie persönlich?
Für mich war es die Chance, langsam in eine Beziehung zu einem Kind zu wachsen. Ich habe das als Privileg empfunden, gerade in der Körperlichkeit. Aber es gibt verschiedene Wege zur Elternschaft, die alle ihre Schönheit haben. Als Feministin ist mir etwas wichtig: Wir sind Beziehungswesen. Das wird unterbewertet, und wir haben ein Interesse daran, dass das aufgewertet wird. In aller Vielfalt: Familie, Wahlverwandtschaften, Freundschaften, Nachbarschaften.

Damit wären sicherlich nicht nur Feministinnen einverstanden. Was mich zu einer generellen Frage bringt: Wie wird man zur Feministin?
Feminismus ist nichts Abstraktes, sondern eine Analyse von Situationen, in denen man steckt oder andere drinstecken sieht. Oft spielt es eine Rolle, was die eigenen Mütter erlebt haben und wie man das als Tochter erfährt.

Wurden Sie durch die Situation Ihrer Mutter politisiert?
Ja, sicher auch davon, dass es unsere Mutter war, die die Familie auf ihren Schultern trug, einen Haushalt, drei Kinder – und immer auch Geld verdienen musste. Und ich denke, als Kind habe ich auch die Widersprüche empfunden, die die Generation meiner Mutter in den siebziger Jahren prägten: diese Mischung aus starken Konventionen und dem Verlangen nach Ausbruch. Und die Kluft zwischen dem, was sie real leisteten, und wie wenig das anerkannt war.

Hat sie das zum Thema gemacht?
Ja, irgendwann füllten sich bei uns die Bücherregale mit Frauenbiografien, die mich auch interessierten. Ich hatte aber auch einen Vater, der meinen Intellekt schätzte und mit mir von Gleich zu Gleich debattierte. Das war wichtig. Denn als ich an die Uni kam und wir Frauen im Seminar so hartnäckig wie die Männer debattierten, hiess es: «Warum seid ihr so aggressiv?» Das hat mich dann nicht aufgehalten, aber sehr wohl politisiert.

Für Geschichtsprofessorin Caroline Arni (48) ist klar: Wenn WissenschaftlerInnen nicht einfach Forschungslücken füllen, haben ihre Interessen immer auch etwas mit ihnen selbst zu tun.

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