Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Kommt die frauenfeindliche Dystopie?

Die Historikerin Caroline Arni über die unheimliche Aktualität von «The Handmaid’s Tale» und das problematische Ausspielen von Klassen- gegen Identitätspolitik.

Von Caroline Baur (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Caroline Arni: «Eigentlich reden wir hier von Emanzipationsbewegungen, die anprangern, dass angeblich universelle Rechte nicht für alle gelten.»

WOZ: Caroline Arni, was sind Ihre persönlichen Ängste und Hoffnungen in der Gegenwart?
Caroline Arni: Man muss derzeit schon um die Demokratie und die Menschenrechte fürchten, auch in Ländern, wo man damit nicht unbedingt gerechnet hat. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass gleichzeitig auch wieder eine Frauenbewegung entsteht und viele Frauen feministische Perspektiven einnehmen.

Warum?
Eine gewisse Zeit lang gab es das Gefühl, dass alles aufgegleist sei: Frauen müssen noch ein bisschen mehr in die Politik, in die Führungsetagen, es braucht noch etwas mehr Kinderbetreuung und mehr Frauen, die Karriere machen. Nun sehen wir, dass das so einfach nicht ist und schon gar nicht so linear.

In den USA wurde gerade ein Richter an den Supreme Court berufen, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden und der das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in Gefahr bringen könnte. Bewegt sich die Welt in Richtung einer frauenfeindlichen Dystopie?
Gerade letzte Woche habe ich endlich angefangen, Margaret Atwoods «The Handmaid’s Tale» zu lesen. Dort werden in einer fiktiven totalitären Gesellschaft Frauen als Gebärmaschinen gehalten. Ich würde nicht sagen, dass sich die Welt wegen Brett Kavanaugh in eine solch totalitär-frauenverachtende Richtung bewegt, nur schon weil diese Berufung ja alles andere als unbestritten ist. Sicher aber hat dieses Ereignis eine Konfrontation regelrecht in Szene gesetzt, bei der auf der einen Seite anmassendes Männlichkeitsgehabe steht und auf der andern die entschiedene Weigerung von Frauen, dies hinzunehmen.

Kommt die entschiedene Weigerung daher, dass es den Frauen ans Lebendige geht?
Ja, genau. Und in gewissem Sinn kommen damit Themen wieder auf, die in der feministischen Theorie etwas ins Abseits geraten sind. Just in der Mitte der achtziger Jahre, als der Roman von Atwood erschien, wandten sich die akademischen Feministinnen von Theorien ab, die den Kern aller Ungleichheit im männlichen Anspruch auf Kontrolle über den gebärfähigen weiblichen Körper oder in der sexuellen Objektivierung von Frauen ausmachten. Man hielt solche Patriarchatstheorien für zu vereinfachend und historisch viel zu grobschlächtig. Aber man war auch unzufrieden damit, weil sie eben den «weiblichen Körper» voraussetzten, auf den Frauen ständig reduziert wurden. Deshalb richtete sich die Analyse dann auf die Dekonstruktion der Geschlechterdifferenz.

Was ist denn eigentlich aus der Dekonstruktion des Geschlechterunterschieds geworden?
Die Idee war – sehr vereinfacht ausgedrückt – folgende: Die Differenz ist die Grundlage von Ungleichheit; nur was unterschieden wird, kann auch ungleich behandelt werden. Also muss man die Differenz aushebeln, und dann verschwindet auch die Ungleichheit. Nur: Geschichte und Gesellschaft funktionieren nicht ganz so logisch. Und irgendwie scheint es jetzt so, als würden uns genau die beiden Dinge wieder einholen, die in den alten Patriarchatstheorien bearbeitet wurden: wie Frauen zum Sexualobjekt werden und wie Kontrolle über Reproduktion ausgeübt wird. Man muss aufpassen: Die USA sind nicht überall. Aber es ist schon interessant, dass mit der Kavanaugh-Geschichte genau diese beiden Dinge ins Zentrum rückten.

Es geht also wieder vermehrt um «die Frauen» und ihre Körper. Verstehen Sie Feminismus als Identitätspolitik?
Kommt darauf an, was man darunter versteht. Der Begriff «identity politics» stammt ursprünglich von schwarzen Feministinnen am Ende der siebziger Jahre. Es ging darum, dass politisches Handeln aus geteilter Erfahrung gewonnen wird und sich Unterdrückte deswegen in einem ersten Schritt aufeinander beziehen. Unterdessen wird der Begriff aber polemisch verwendet. Dazu muss man etwas klarstellen. Im historischen Rahmen der Moderne wurde der Anspruch auf Gleichheit als universelles Recht verkündet. Zugleich wurden bestimmte Gruppen davon ausgeschlossen: Frauen, Juden, schwarze Menschen, übrigens auch die Armen. Was blieb ihnen anderes übrig, als ihren Anspruch im Namen der Gruppe geltend zu machen, als deren Angehörige sie ausgeschlossen wurden? Im Prinzip ist es das, was heute oft abwertend als Identitätspolitik bezeichnet wird. Aber eigentlich reden wir hier von Emanzipationsbewegungen, die anprangern, dass angeblich universelle Rechte nicht für alle gelten.

Identitätspolitik wird sehr oft gegen Klassenpolitik ausgespielt und umgekehrt.
Genau, und hier wird es vollends problematisch. Bezeichnenderweise ist es ja dann immer ein ganzes Sammelsurium, das damit bezeichnet wird: Feminismus, Black Lives Matter, LGBTQ-Bewegung … und daneben die eine grosse Klassenfrage. Aber die Gegenüberstellung schafft einen falschen Gegensatz: Im Feminismus geht es seit bald 200 Jahren immer auch um Ausbeutung und um materielle Ungleichheit. Wir dürfen das nicht übersehen. Die Analysen von materialistischen Feministinnen, die da ansetzen, sind heute wichtige Hebel der Kritik. Gerade auch, wenn es um den Frauenkörper geht.

Frauen müssen keine Paranoia entwickeln, sagt Geschichtsprofessorin Caroline Arni (48) – aber immer auf der Hut sein.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch