19.10.2000

Von Soldaten zu Killern

Die beiden von aufgebrachten Palästinensern am Donnerstag letzter Woche in Ramallah gelynchten Soldaten seien keine harmlosen Reservisten gewesen. Heisst es nicht nur palästinensischerseits.

Von Uri Avnery

Im derzeitigen Krieg in Palästina wurden über hundert Palästinenser – elf davon israelische Bürger – getötet und tausende verletzt, viele von ihnen schwer: eine auffallend hohe Zahl erlitt Verwundungen am Oberkörper, viele verloren ihr Augenlicht durch aus nächster Nähe abgefeuerte (Gummi-)Geschosse. Und dies, obgleich israelische Soldaten laut Armeeoffizieren angewiesen sind, aus mindestens 30 Metern Entfernung auf Demonstranten zu schiessen und dabei auf Beine und Füsse zu zielen. Scharfe Munition, heisst es offiziell, werde nur eingesetzt, wenn auf der Gegenseite Feuerwaffen im Einsatz sind und unmittelbar «Leben bedroht» sei. Auf israelischer Seite zählt die Opferbilanz vier getötete Soldaten und ein paar Dutzend Leichtverletzte.

Was bedeutet diese auffallende Opferasymmetrie? Ganz einfach dies: Die israelischen Streitkräfte haben sich seit Monaten auf ein solches Ereignis vorbereitet. Der Generalstab hat frühzeitig den Einsatz von Kampfhubschraubern, Raketen und Panzern bekannt gegeben. Doch die Hauptwaffe der Militärs wurde nicht deklariert: die Heckenschützen.

Der Heckenschütze ist ein Soldat oder Polizist, dessen Auftrag das Töten ist. Ohne Zweifel wurde in den vorangehenden Monaten deren Ausbildung mit viel Eifer praktiziert. Heckenschützen werden darin geschult, eine Menschenmenge intensiv zu beobachten, sich eine individuelle Zielscheibe auszusuchen und daraufhin auf den Kopf oder auf alle Fälle auf den Oberkörper zu zielen. Dazu werden Spezialprojektile verwendet, um sicherzugehen, dass das Opfer sogleich oder spätestens beim Transport ins Krankenhaus stirbt.

Diese Killermethode basiert auf einem denkbar einfachen Grundsatz: Die Gegenseite soll einen «hohen Preis» zahlen, wie sich die Generäle in ihrem unnachahmlichen Militärjargon ausdrücken. Gehen doch die Militärplaner davon aus, dass die PalästinenserInnen, wenn sie nur eine genügend hohe Zahl von Toten zu beklagen haben, zur Kapitulation gezwungen werden können.

Während der gewaltsamen Konfrontationen der vergangenen zwei Wochen haben die Generäle vollmundig wissen lassen, dass sie, «hätten wir es denn gewollt», noch «viel mehr Menschen hätten töten können». Eine unbestreitbare Behauptung. Denn ein wahlloses Schiessen in die Menge hätte hunderte, wenn nicht tausende von Todesopfern gefordert. Im Weiteren hätten auch die palästinensischen Städte und Bevölkerungszentren richtiggehend bombardiert werden können. Doch Premierminister Ehud Barak hielt den politischen Preis solcher Methoden offenbar für zu hoch. Darum die Heckenschützen.

Eine ebenso dumme wie unmoralische Strategie. Unmoralisch, weil sie Soldaten und Polizisten in Killer verwandelt. Der Einsatz von Scharfschützen ist übrigens nicht neu. Er wurde erstmals vom früheren Verteidigungsminister Ariel Scharon zu Beginn der Besatzung der im Sechstagekrieg von 1967 eroberten Gebiete angeordnet. Wie er mir lange Zeit danach einmal anvertraute, hatte er damals, als er im Gazastreifen ein richtiges Terrorregime walten liess, die Order «keine Gefangenen» ausgegeben. Palästinenser, auf denen Waffen entdeckt wurden, wurden auf der Stelle getötet. Dieselbe Praxis wurde später von den so genannten Mista'arvim übernommen, einer verdeckt operierenden Spezialeinheit der Armee, die auch «Arabisten» genannt wurde, weil sich ihre Angehörigen, oftmals als Palästinenser verkleidet, besondere Zielscheiben aussuchten und auch den Widerstand infiltrierten. Die Sache flog seinerzeit auf, als die Mista'arvim irrtümlich einen ihrer eigenen Leute umbrachten, weil sie ihn mit einem «Terroristen» verwechselt hatten: Schwer verwundet erhielt er den aus allernächster Nähe abgefeuerten Gnadenschuss. Damals stellte sich auch heraus, dass die Mista'arvim Scharfschützen einsetzten, um zu vermeiden, dass palästinensische Verletzte medizinische Hilfe erhielten. Auch der von einem französischen Kameramann auf Film verewigte zwölfjährige Mohammed Duri – der erste Märtyrer dieser neuen Intifada, der in Gaza in den Armen seines Vaters von Schüssen getroffen wurde – starb, weil ein Ambulanzfahrer, der ihm zur Hilfe kommen wollte, von Soldaten getötet wurde und der Junge erst nach Stunden ins Krankenhaus eingeliefert werden konnte. (Nach Angabe des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) wurden in den letzten Wochen mindestens 18 Ambulanzen des palästinensischen Roten Halbmonds und elf Krankenwagen israelischer Hilfsorganisationen, die in palästinensischen Gebieten operieren, getroffen; Red.)

Vorsätzliche Tötung ist selbstverständlich nach israelischem Gesetz nicht zulässig. Doch auch aus strikt militärischer Sicht ist sie unsinnig. Denn diese Hinrichtungen «befrieden» – ein weiterer Lieblingsbegriff der Generäle – mitnichten den Gegner, sie schüren nur weitere Emotionen: Jedes Begräbnis eines «Märtyrers» facht den Zorn weiter an, in dem sich immer wiederholenden Zyklus von Beerdigungen, Kämpfen und erneutem Blutvergiessen.

Die Überlegungen der Generäle, die sich solche Operationen ausgedacht haben und durchführen liessen, geben ihrerseits zum Nachdenken Anlass: Wir hatten einmal von moralischen Prinzipien geleitete Befehlshaber und intellektuell anspruchsvolle, mit gewissen Finessen ausgestattete Generäle wie Ygal Allon und Moshe Dayan. Innerhalb einer Generation haben wir uns jedoch für Kommandanten entschieden, die es mit ihren schlimmsten Kollegen in Russland und den USA aufnehmen können. Die an den Einsatz roher Gewalt glauben, die überall, in Vietnam wie in Afghanistan, zu schlimmsten Niederlagen führte. Wir hatten unsere Niederlage im Libanon. Dennoch wird munter weitergemacht. Der Einsatz von Kampfhubschraubern und Raketen, von hochkomplizierten, laser- und radargesteuerten Waffen führt uns geradewegs an den Rand der Katastrophe. Denn früher oder später ereignet sich ein ähnliches Desaster wie das Massaker von Qana im Südlibanon, dessen Bilder seinerzeit die Weltöffentlichkeit aufrüttelten und weltweit helle Empörung auslösten. Nach Tagen der mit «chirurgischer Präzision» durchgeführten, vom damaligen Premierminister Shimon Peres opportunerweise kurz vor den Wahlen im Frühjahr 1996 angeordneten «Vergeltungsschläge» («Operation Früchte des Zorns») schlugen «irrtümlicherweise» ein paar der Hisbollah zugedachte Granaten in das wenige Meter von einem Guerillaposten entfernte Uno-Militärquartier ein, wohin sich südlibanesische ZivilistInnen geflüchtet hatten, und tötete hundert Menschen. Wir haben in jenen Tagen gesehen, was Empörung und Indignation auslösen kann.

Jeden einzelnen Tag im nunmehrigen Krieg hat die Weltöffentlichkeit verfolgen können, wie fast ausschliesslich mit Steinen bewaffnete Palästinenser sich tollkühn den israelischen Heckenschützen entgegenstellten. Ihr Mut hat Bewunderung ausgelöst. In den Augen der Welt sind sie die Helden. Im Gegensatz zu den israelischen Generälen.

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