24.06.2010

Wie billig darfs denn sein?

Von Markus Spuhler

Ohne importierte Ware aus dem Süden wären die Gemüse- und Früchteregale der Schweizer Supermärkte mit den gegenwärtigen Sortimentskonzepten über weite Strecken des Jahres ziemlich leer. Ein grosser Teil davon stammt aus sozial und ökologisch problematischer Produktion. Das haben Reportagen und Dokumentarfilme in jüngster Zeit eindrücklich gezeigt.
In der Westschweiz werden diese Missstände öffentlich diskutiert. In fünf Kantonen wurden Standesinitiativen lanciert. Sie fordern einen Importstopp für problematische Lebensmittel. Weiter soll sich die Schweiz bei Verhandlungen mit der WTO und der EU für gerechte Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktionsweisen von Lebensmitteln engagieren. Der Ständerat hat die Initiativen am letzten Donnerstag mit 22 zu 7 Stimmen abgelehnt. Sie gehen nun in den Nationalrat.
Ein Importverbot würde den Verpflichtungen der Schweiz gegenüber der EU oder der WTO widersprechen: So lautete die Begründung der Wirtschaftskommission des Ständerats. Es bestünden zudem bereits genügend ökologische und soziale Vorschriften auf nationaler und internationaler Ebene sowie private Labels. Sie sieht das Problem also im Vollzug der bestehenden Vorschriften vor Ort, auf den die Schweiz keinen Einfluss nehmen könne.
Aber auch die betreffenden Staaten können oder wollen die Einhaltung solcher Richtlinien oft nicht kontrollieren. Das machte Spitou Mendy, Sekretär der Landarbeitergewerkschaft von Almería in Andalusien, kürzlich in einem Interview mit der Zeitung «Schweizer Bauer» deutlich. In Almería liesse sich die Gemüseindustrie überhaupt erst dank der Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte und der gesellschaftlichen Akzeptanz der Ausbeutung aufrechterhalten.
Anders sehen das Migros und Coop, die gute Geschäfte mit Gemüse und Früchten aus Südspanien machen. Sie könnten die Situation vor Ort kontrollieren, schreiben sie in Stellungnahmen und verweisen dabei auf die strengen Anforderungen an ihre Lieferanten. Man vertraut auf Zertifikationssysteme wie etwa GlobalGap. Mag sein, dass ein Importstopp ein wenig geeigneter Ansatz ist und am Ende gar die Falschen treffen würde. Doch auch bürokratische Produktionsstandards und Kontrollsysteme sind oft nicht wirkungsvoll.
Wohl die wenigsten Bauern in Almería drücken aus reiner Profitgier auf die Löhne ihrer Arbeiter. Vielmehr ist es für sie meist die einzige Möglichkeit, in diesem Handelssystem noch Kosten einzusparen, um auf die stetig sinkenden Produktepreise und die steigenden Kosten für Produktionsmittel zu reagieren. In einem Handelssystem, in dem der Detailhandel Preise und Margen «marktgemäss» definiert und die Produzentenpreise rückwärts kalkuliert werden, liegt es in der Natur der Sache, dass die schwächsten Glieder der Kette auf der Strecke bleiben: die Natur als Produktionsgrundlage und die Angestellten der Bauern.

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