Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Der schlafende Junge

Aharon Appelfeld wird am 16. Februar achtzig Jahre alt. Angetrieben vom Schicksal der JüdInnen (und damit auch von seinem eigenen) schreibt er bis heute wider das Vergessen der Schoah an. In seinem neuen autobiografischen Roman, «Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen», beschreibt der international preisgekrönte Autor ein prägendes Kapitel seiner Lebensgeschichte aus der Ich-Perspektive – und wie er zum Schriftsteller geworden ist.

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Aharon, mit gebürtigem Namen Erwin, strandet zusammen mit anderen Flüchtlingen in Neapel. Hier durchläuft er ein unmenschliches Ausbildungsprogramm für jüdische Pioniere (Hachschara), das junge männliche Überlebende des Holocaust für den Aufbau eines neuen Staates Israel vorbereitet.

Aharon kommt nach Palästina in einen Kibbuz und wird in einem Hinterhalt schwer an den Beinen verletzt. Nach sieben Operationen kann er wieder erste Gehversuche mit den Krücken machen. Inzwischen volljährig, lebt er in einer kleinen Wohnung in Tel Aviv. Und hier passiert es: Er kann in seiner zweiten Sprache, dem Hebräischen, schreiben, mit dem er durch das Kopieren von Bibelstellen vertraut geworden ist. Sein erster Gehversuch lautet: «Wie von selbst wird die Veränderung kommen. Ein langsames Wachstum, fast unmerklich. Nur manchmal am Bahnhof, an irgendwelchen Parkplätzen, von Balkonen herab, wird sich dir ein Kopf entgegenrecken, mit waagrechten Falten, und dann kannst du, wie auf einem durchgesägten Baumstamm, die Jahresringe zählen.»

Aharon trägt das Schreiben in sich, das auch ein Vermächtnis seines Vaters ist, eines gescheiterten Schriftstellers, der Franz Kafka hochhielt. Aharon liebt das Alleinsein und das Schweigen. Dem ideologisch überhöhten Drill der «Auserwählten» fügt er sich äusserlich. Doch seine «innere Welt», geschützt durch übermässigen Schlaf, bewahrt die Verbindung zu seiner Herkunft. Schreiben heisst für Aharon: sein verlorenes Leben wiederzufinden und sich selbst zu sein.

Anna Wegelin

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