Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Ausdehnung des Poesiebegriffs

Von Jochen Kelter

Zu Beginn des Jahres hat die deutsche Autorin Barbara Köhler für ihr 2015 erschienenes Buch «Istanbul, zusehends» den Peter-Huchel-Preis für Lyrik erhalten. Wenn man nicht weiss, dass sie auch Multimediakünstlerin ist, staunt man zunächst oder ist bei der Lektüre befremdet, auch wenn es im Untertitel des Bands heisst «Gedichte / Lichtbilder». Denn um einen Gedichtband handelt es sich eigentlich nicht. Vielmehr um eine Zusammenstellung von Notaten, (Selbst-)Erklärungen einer fremden Kultur, die sich nur drei-, viermal zu eigentlichen Poemen verdichten, einem ausführlichen Nachwort, aus dem ersichtlich wird, dass sich hier jemand in eine fremde Stadt, Welt und Kultur hineintastet, einem Glossar zu den Gedichten sowie zahlreichen, mit einer kleinen Digitalkamera aufgenommenen Farbbildern von Alltagsszenen, Menschen, Interieurs, Graffiti, den wunderbaren Iznik-Fayencen, die man im Museum für islamische Kunst am Hippodrom im Stadtteil Sultanahmet betrachten kann, und ein paar Ausblicken aufs Wasser.

Alles in allem ist «Istanbul, zusehends» also eine Art von «work in progress», das Protokoll einer Annäherung, in die ein nur fünfwöchiger Aufenthalt mit einem Kunststipendium bestenfalls münden kann. Auf diesen Vorarbeiten nun könnten Gedichte entstehen, die vielleicht nicht nur von der Stadt, sondern auch vom Befinden der Autorin und der Geschichte Istanbuls und seiner aktuellen Situation handeln könnten. Eins muss man Barbara Köhler zugutehalten: Sie blendet und exotisiert nicht, täuscht nicht vor zu kennen und zu wissen, was sie nicht kennt. Vielleicht wollte die Jury die Ausdehnung eines Begriffs von Poesie würdigen, die einmal nicht in deutsche dekonstruktivistische Hirnergüsse eines Marcel Beyer mündet. Gleichwohl: Gedichte sind extrem verknappte, verdichtete, durch das Wort geschliffene Sprachgebilde. Das aber sind die Gedichte und Reflexionen von Barbara Köhler keineswegs.

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