Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Damals im Packeis

Die Klimastreiks sind erst ein paar Wochen alt, erinnern aber an prägende Jugendbewegungen. Eine historische Parolensuche von «No Future» bis «Eusi Zuekunft».

Von Kaspar Surber

Wer weiss, ob es nicht heimliche Grüsse gibt, die sich Menschen durch die Geschichte schicken? Erst recht Grüsse von Jugendlichen einer jüngeren Generation an die einer späteren? Jetzt, wo sich SchülerInnen an Demos gegen die Erderwärmung wehren, fällt umso mehr auf, dass das Klima schon in der letzten grossen Jugendbewegung in der Schweiz thematisiert wurde: wenn nicht das reale, so doch das mentale.

«Freiheit für Grönland – schmelzt das Packeis», unter diesem Titel beschrieb der Schriftsteller Reto Hänny die Stimmung in Zürich zu Beginn der achtziger Jahre. Nach dem Opernhauskrawall kämpften die Jugendlichen hier wie anderswo für kulturelle Freiräume. «Unwirtlich und kalt» sei die Stadt, so Hänny. «Noch im Hochsommer fröstle ich in ihrer Glätte, fühl ich mich darin oft fern und fremd wie in Grönland.» Das Packeis stand sinnbildlich für einen repressiven Staat, eine automatisierte Arbeitswelt, für die brutale Sprache der Presse. «Eisbrecher» hiess passenderweise ein Gegenorgan der Bewegten.

Globaler Echoraum

Historisch gibt es Jugendbewegungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts: Als die Arbeit von Kindern in den Fabriken verboten und ihre Ausbildungszeit verlängert wurde, entstand erst die Lebensphase namens Jugend. Anfänglich wurde sie in bürgerlich-romantischen Vereinen idealisiert, bald wurden diese von proletarischen Gruppen konkurrenziert. Auf strikte Organisationen folgten im 20. Jahrhundert lose Verbindungen. Die Anliegen und Parolen der Jugendbewegungen mochten unterschiedlich sein, doch gibt es strukturelle Ähnlichkeiten, heimliche Grüsse eben: bis heute zu den Klimademos.

So waren Jugendbewegungen stets transnationale Ereignisse. Die 68er-Bewegung, mit dem Protest gegen den Vietnamkrieg als zentralem Mobilisierungsfaktor, spielte gleichzeitig in Paris, San Francisco, Beijing, Zürich, Prag oder Berlin. Die lokalen Proteste verstärkten sich in einem gemeinsamen Echoraum. In den Achtzigern beeinflussten sich britische Punks, deutsche Spontis und italienische StadtindianerInnen. Auch die Klimastreiks verbreiten sich wie ein Lauffeuer von Skandinavien bis Australien. Jugendbewegungen verwendeten zudem schon immer geschickt technologische Mittel und spezifische Medien: Was heute Whatsapp-Chats sind, waren in den Achtzigern Videofilme und 1968 Schallplatten – dieser grosse gesellschaftliche Aufbruch gilt in der Geschichtsschreibung als «Wahrnehmungsrevolution».

Woraus der dritte, wichtigste Faktor von Jugendbewegungen folgt: ihre andere Zeitperspektive. Durch die Absetzung von den Eltern, die in alten Mustern gefangen sind, wird eine eigene Zukunft definiert: utopisch 1968 als «Reise von einem weniger zu einem mehr», wie der Philosoph Régis Debray schrieb, dystopisch bei den Punks, wie es im «No Future» zum Ausdruck kommt, das Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, der Queen entgegenschleuderte.

«Der Wandel kommt»

«Wem sini Zuekunft? Eusi Zuekunft!», rufen die Klimajugendlichen. Sie definieren sich als erste Generation, die die Klimakatastrophe erleben wird, und als letzte, die sie stoppen kann. In ihrer eindringlichen Rede am Klimagipfel in Katowice mahnte die junge Schwedin Greta Thunberg die PolitikerInnen, sie seien nicht fähig, die Wahrheit zu sagen: «Auch das bürdet ihr uns Kindern auf.»

Ob die Klimastreiks nur ein paar Wochen dauern oder wie die historischen Beispiele zu einem Umbruch führen, wird sich weisen. Jugendbewegungen sind immer zerbrechlich, können repressiv bekämpft oder wohlwollend vereinnahmt werden, von der Politik wie vom Geschäft. Oder sie ermüden. Dass sie die Klimastreiks als dauerhafte Aufgabe sieht, daran zumindest liess Greta Thunberg keinen Zweifel: «Ihr habt uns ignoriert, und ihr werdet es weiterhin tun», sagte sie. «Wir sind hier, um euch wissen zu lassen, dass der Wandel kommt, ob ihr wollt oder nicht.»

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