Nr. 17/2018 vom 26.04.2018

Retten wir den Sex!

Sex war einst Freiheit, Lebensfreude und ein Aufbruch in eine bessere Welt. Aber die überzogene Politisierung der Sexualität bringt uns neuerdings immer weiter weg vom Begehren. Wollen wir das wirklich?

Von Suzanne Zahnd

Im Vibratorentest des «Kassensturzes» sagt eine der Testpersonen zu ihrem favorisierten Modell: «Einfach in der Handhabung, leicht zu reinigen. Bringt mich auch zum Orgasmus, ohne dass ich vorher erregt war.» Irgendwie traurig, finde ich. Sogar die Selbstbefriedigung soll heute möglichst unaufwendig, hygienisch und effizient sein.

Überhaupt wird Sex bald nur noch als Ware oder als Problem verhandelt. Fast zwanghaft sehen wir in allem und jedem nur noch den sexuellen Übergriff. Aus dem an sich richtigen und wichtigen Anliegen, dass eine Gesellschaft in der Lage sein sollte, Kinder, Frauen und alle möglichen sogenannt anderen oder Schwächeren vor (sexueller) Gewalt und Ächtung zu schützen, ist eine total verdrehte Sichtweise geworden. Auch die Diskussionen über Einverständniserklärungen degradieren uns einmal mehr zu willenlosen Marionetten unserer Biologie: der Mann, der sich derart nicht unter Kontrolle hat, dass er gezügelt werden muss, der Rest der Menschheit als ewiges Opfer, das vor dieser Zügellosigkeit geschützt werden muss.

Die neue Prüderie, die absurderweise mit der Politisierung der Sexualität einhergeht, wie auch die Pornografisierung des gesamten Lebens bringen uns immer weiter weg vom Begehren, das sich einfach Bahn bricht, wenn zwei sich anziehen. Dabei ist es doch schon schwierig genug, denn dass zwei im Bett zusammenpassen, ist ein Wunder! Weil sich manche sehr und andere nur mässig für Sex interessieren. Weil für die einen höchst erregend ist, was andere ekelerregend finden. Also sollte man «Ich find das eklig oder übergriffig» nicht ständig verwechseln mit «Das ist eklig und übergriffig». Jedem Tierchen sein Pläsierchen, hör ich Grosstante Lilach aus dem Echoraum, obwohl sie natürlich nicht von Sex geredet hat. Niemand hat über Sex geredet, als ich ein Kind war in den sechziger Jahren.

Was dagegen?

Wie die meisten Menschen damals wuchs ich in einer sexfeindlichen Umgebung auf. Sex war klar männlich – für Frauen ein Risiko. Mir wurde schon als Kleinkind ständig gesagt, ich sei kein richtiges Mädchen, also ein falscher Bub. Als ich dann als Teenager entdeckte, dass ich alles bin, ergo auch alles ausprobiert habe, war Sexualität kirchlich und gesetzlich immer noch vollständig kontrolliert, inklusive Schwulenregister. Das hat für uns junge Rebellinnen wie eine Art Verstärker funktioniert. Das Verbotene, das Risiko, das Bewusstsein, dass wir schockieren konnten, hat durchaus zu unserer Lust beigetragen. Sex war die Geheimwaffe und bescherte uns nicht zuletzt ein Gefühl der Macht in einer Gesellschaft, die uns keine Macht zugestand. Sex war Freiheit, Vitalität, Lebensfreude und ein Aufbruch in eine bessere Welt.

Natürlich galten wir Frauen als Schlampen. Dagegen konnten wir uns eigentlich nur wehren, indem wir sagten: «Was dagegen?» Wir Pro-Sex-Feministinnen der achtziger Jahre waren ziemlich aggressiv und neigten zur Vulvakratie. Meine Vorbilder waren Lydia Lunch und Madonna, besonders gefallen hat mir ihre Haltung gegenüber Vergewaltigung. Nämlich, dass man so was überleben und trotzdem ein zufriedenes sexuelles Wesen werden kann. Und ja, klar, Rache ist Sirup: «Faster, Pussycat! Kill! Kill!» Also auf in den Geschlechterkampf, und wenn schon Krieg, dann bitte mit harten Bandagen und viel Karacho im Bett. Schmerzverherrlichende Erotik als Philosophie kam ins Spiel, Sexualität war jetzt definitiv weiblich. Die alles verschlingende Vulva und das zitternde Männchen, das ungeschützt davor kauert.

Irgendwann haben wir dann verstanden, dass gerade SM-Praktiken vor allem Vertrauen und Einfühlungsvermögen verlangen. Tja, Sex ist nicht immer das, was man davon erwartet hat. Aber der Zug war nicht mehr aufzuhalten. Die Pornoindustrie breitete sich explosionsartig aus und bestimmte fortan die Dramaturgie des heterosexuellen Geschlechtsakts: Lecken, Lutschen, Ficken, Anal, Cumshot. Repetitive Schwerarbeit ohne jede Leichtigkeit und Freude. Zusammen mit der Sexualisierung der Werbung und überhaupt fast jedes Lebensbereichs wurde unser Sexualleben directement in den Kapitalismus überführt. Freie Lust und Liebe mit Experimentierfreude wurden in wenigen Jahren pulverisiert. Und wenn man glaubt, man sei längst unten angekommen, kommt zwanzig Jahre später noch «Fifty Shades of Grey».

Kurzum, ich hatte schon Sex als Egobooster, Sex als Schmerzmittel, Sex aus Langeweile, Sex aus Mitleid, Sex aus Liebe, Sex aus reiner Geilheit. Das Motto war stets: If it doesn’t come naturally – leave it. Ich lebte promiskuitiv und auch jahrelang monogam. Ich hatte sogar mal drei Jahre lang überhaupt keinen Sex, weil ich solchen Liebeskummer hatte, dass ich mir nicht vorstellen konnte, überhaupt jemals wieder mit jemandem zu schlafen. Aber egal, was ich tat oder nicht tat, meine Sexualität wurde stets beanstandet oder sonst wie in den Schmutz gezogen. Im Übrigen nicht nur vom «Feind», dem heterosexuellen Mann.

Marktwert am Boden

Und es geht weiter! Als Frau über fünfzig wird mir Sexualität neuerdings gerne ganz abgesprochen. Mein Marktwert ist am Boden. Bloss, ich will gar keinen Marktwert. Ich bin nämlich weder ein Werbegeschenk noch ein Edelprodukt. Ich möchte geliebt werden und wilden Sex haben. Am besten in Kombination. Macht mich das jetzt weiblich? Oder einfach nur altmodisch? Denke ich nicht. Ich habe auch nichts gegen heterosexuelle Männer. Wirklich! Ich hab sogar richtig gute Freunde, die heterosexuell sind! Sie leiden am selben wie ich: Egal wie wir es machen, ists nicht recht.

Der heterosexuelle Mann hat es natürlich echt verdient, dass man auf ihm rumgehackt hat in den letzten fünfzig Jahren. Und der hehre Kampf für die Gleichstellung aller Menschen, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Ausrichtung, sollte mit aller Vehemenz weitergeführt werden. Aber nach dem Krieg der Geschlechter (im sexuellen Bereich) ist es wichtig, dass der besiegte Heteromann Grosszügigkeit erfährt und seine Würde behalten darf. Sonst dreht sich das Rad ewig weiter: Backlash folgt auf Backlash, und Sex gehört immer nur denen, die grad obenauf schwimmen. Arschlöcher jeder sexuellen Identität und Ausrichtung wird es immer geben, Schande über sie. Trotzdem könnte man es jetzt auch mal gut sein lassen und der Sexualität wieder etwas mehr Privatheit zugestehen. Es kann doch nicht angehen, dass jeder unter Verdacht steht, nur weil er einen Penis hat. Das ist Pre-Crime!

Bloss keine Schubladen!

Es wäre allen gedient, wenn Sex endlich wieder einfach Sex wäre. Und sonst auch nichts will oder sein muss. Ausser vielleicht eine sehr anspruchsvolle Form der Kommunikation mit Ganzkörpereinsatz – im Idealfall das Aufeinandertreffen von zwei oder mehreren Leuten, die aufeinander eingehen können und dann die Fetzen fliegen lassen oder in Zärtlichkeit zerfliessen, je nachdem, wo die gegenseitige Aufmerksamkeit sie hintreibt. Denn alle Menschen sind anders und vielleicht noch mal anders in einer anderen Kombination oder zu einem anderen Zeitpunkt im Leben. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse sind in der Sexualität nicht einfach eins zu eins gespiegelt und schon gar nicht gesetzt. Menschen und ihre Vorlieben verändern sich laufend, manchmal sogar während des Aktes. Realer Sex findet nun mal immer im Moment statt. Ein Hochrisikobereich, wo man in der Lage sein muss, sein Gegenüber wahrzunehmen, seine Körpersprache zu lesen. Deswegen verlangt «guter» Sex nach Empathie, nicht nach mehr Geschlechterschubladen, die dazu führen, dass wir uns noch stärker voneinander abgrenzen. Sorry, wenns um Sex geht, bin ich ganz schön klitorisgesteuert, das heisst, ich lass mir von niemandem – weder von rechts noch von links – sagen, wie mein Sexleben auszusehen hat oder geregelt werden muss.

Die wahre Gefahr lauert nicht in den Penisträgern, sondern darin, dass wir Menschen unsere Empathiefähigkeit Stück für Stück verlieren. Es soll immer mehr junge Menschen geben, die keine Gesichter mehr lesen können! Das ist nicht nur für einvernehmlichen Sex ein Desaster. Da wirds richtig gruselig und sehr, sehr dunkel.

Wir brauchen den Sex ja nicht mal mehr zur Fortpflanzung, und bald kann man gut verkabelt dem nach Bedarf programmierten Cybersex frönen. Dann müssen wir uns mit niemandem mehr austauschen und keinerlei Risiko mehr eingehen. Alle kriegens auf den Punkt genau so besorgt, wie sie wollen. Ich hoffe sehr, meine Libido ist bis dahin komplett eingeschlafen. Aber es wäre doch ganz gut, wenn wir uns vorab noch mal ordentlich befreien von alten Mustern. In diesem Sinne: Save Sex!

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