Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Digitale Sterbehilfe

Gratisblätter bluten die Bezahlzeitungen aus. Jüngstes Opfer in der Westschweiz: «Le Matin».

Von Hansi Voigt

Das Inseratekombi von «20 Minuten» und «20 minutes» war 2006 der Dosenöffner für Tamedia. Nach der Lancierung der Gratiszeitung in der Romandie konnten in Zürich Inserate gebucht werden, die auch LeserInnen in Genf und Lausanne erreichten. Internationale Kunden und die Medienagenturen nahmen das Angebot über die Sprachgrenze hinweg begeistert an. Das Verlagshaus Edipresse versuchte, mit dem Gratisblatt «Le Matin Bleu» dagegenzuhalten. Vergeblich. Nach drei Jahren ging Edipresse der Schnauf aus. Und Tamedia übernahm.

Mit «Le Matin» gings seither bergab. Das grösste Problem war dabei nicht der Leserschwund, sondern die stete Werbeverlagerung zum Gratisblatt mit der hohen Auflage. Mit «20 minuti» im Tessin war 2011 das nationale Kombi für PendlerInnen komplett, seither ist das Angebot unschlagbar. Wer die mobile Schweizer Bevölkerung im Print erreichen will, zahlt 68 000 Franken. Dafür gibt es ein ganzseitiges Inserat in allen Landessprachen für 1,9 Millionen LeserInnen. Die welschen Regiotitel können da nicht mithalten. Bei «Le Matin» kostet ein ganzseitiges Inserat für 210 000 LeserInnen 10 500 Franken, bei «24 heures» erreicht man für 23 500 Franken 162 000 LeserInnen. Diese Preise sind allerdings zunehmend theoretische Werte. Wer die Bezahlzeitungen durchblättert, bewegt sich in einer inseratefreien Zone. Die Werbung ist abgewandert: digital ins Netz, der gedruckte Rest in die Gratiszeitung.

Exit ins Netz

2016 wurden bei der «Tribune de Genève» und bei «24 heures» rund dreissig JournalistInnen entlassen. «Tamedia tötet eure Medien» stand damals auf dem Karton einer Journalistin, die gegen den Abbau bei «24 heures» protestierte. Beim Abbau bei «Le Matin» sind jetzt rund vierzig MitarbeiterInnen betroffen. Fünfzehn dürfen bleiben und aus «Le Matin», als digitale Sterbehilfe, eine reine «Onlinezeitung» machen. Bei «20 minutes» arbeiten insgesamt weniger als vierzig JournalistInnen.

In der Romandie wird durchexerziert, was auf die deutsche Schweiz noch wartet. Dabei leidet auch «20 Minuten» unter der Verlagerung der Werbung zu Google und Facebook: 2017 machte die Printausgabe laut Tamedia-Geschäftsbericht erstmals weniger Gewinn als die Onlineabteilung. Doch wenn sich der Trend fortsetzt, sind die meisten Bezahltitel längst Vergangenheit, bevor auch beim gedruckten Gratisblatt die Vertriebs- und Druckkosten höher sind als die Werbeeinnahmen. Die Verleger an der Werdstrasse glauben offenbar nicht, dass sich Bezahlmodelle mit schlechteren Gratisangeboten durchsetzen lassen. Als Quasi-Monopolistin in der Romandie hätte es Tamedia in der Hand. Aber die «Tagi»-Herausgeberin versucht erst gar nicht, den Trend umzukehren. Sie liegt mit ihrer Einschätzung vermutlich richtig.

Mit Chuzpe, aber ohne Plan

Umso erstaunlicher ist es, dass Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino andernorts die absolut gegenteilige These vertritt: «Online-Werbeeinnahmen reichen nicht aus, um qualitativ hochstehenden digitalen Journalismus zu finanzieren. Die Leserinnen und Leser müssen überzeugt werden, für gute Inhalte zu bezahlen. Dies wird umso schwerer, wenn die SRG ein gebührenfinanziertes presseähnliches Newsportal anbietet.» Das Zitat stammt aus Supinos Begleitbrief zum «Leutschenbach-Anzeiger», verfasst in seiner Funktion als Präsident des Verlegerverbands (VSM). Diese Zeitungspersiflage des VSM, zusammengestoppelt aus Onlineartikeln des Schweizer Fernsehens, wurde am gleichen Tag an sämtliche NationalrätInnen verteilt, als bei «Le Matin» das Ende der bezahlten Zeitung verkündet wurde.

Der «Leutschenbach-Anzeiger» soll zum Auftakt der anstehenden Mediendebatte die Position der Verleger bekräftigen. Während man in der eigenen Einflusszone offenbar nicht daran glaubt, dass ein Verzicht auf Gratisinhalte den bezahlten Angeboten zugutekäme, verspricht man sich genau dies von einem schlechteren Informationsangebot der SRG. Das Parlament sollte sich vom Gratis-Revolverblatt nicht blenden lassen. Die Behauptung, die vom Volk finanzierten SRG-Inhalte würden die Durchsetzung der Paywalls erschweren, zeigt: Der Verlegerverbandschef hat zwar Chuzpe, aber kein mittelfristiges Businessmodell für digitale Publizistik. Es wäre höchste Zeit, das zuzugeben.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete bei 20min.ch und gründete «Watson» mit.

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